Universelle Werte und Gehirnwäsche


Proteste gegen die deutsche China-Berichterstattung in Berlin, April 2008
© picture-alliance/dpa
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Als Chinese, der in Deutschland lebt und der chinesischen Regierung gegenüber kritisch eingestellt ist, verfolge ich die Entwicklungen in China längst nicht mehr in den deutschen Medien. Das liegt zum einen daran, dass es das Internet gibt und ich direkt über chinesische Webseiten aus Festlandchina, Europa und den USA die neuesten Informationen bekomme; die Vielfalt und Offenheit der Webseiten auf dem Festland überrascht mich im Übrigen schon seit langem. Ein anderer Grund ist die Chinaberichterstattung der deutschen Medien: Als ehemaliger Journalist habe ich die Gewohnheit, bei laufendem Fernseher zu arbeiten und nebenbei auf die Nachrichten zu achten, doch wenn ein deutscher Journalist über China berichtet, schalte ich einen anderen Sender ein.
Über die Chinaberichterstattung in den deutschen Medien ärgere ich mich nicht erst seit 2008. Mitte der 90er Jahre berichtete die ARD in ihrer Sendung Weltspiegel über einen deutschen Weinhändler, der in China Wein herstellte. Der in Peking ansässige Korrespondent behauptete nicht nur, die Chinesen hätten bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Ahnung von Wein, „diesem edlen Tropfen“, gehabt, sondern er zitierte auch noch aus George Orwells 1984 die Schilderung, wie der Protagonist Winston Smith schlechten Victory-Gin trinkt, um damit chinesischen Schnaps zu beschreiben. Dieser Bericht, in dem sich geballte Unwissenheit mit Anmaßung paarte, war der Auslöser dafür, dass ich zum ersten Mal meinem Ärger über die deutschen Medien Luft machte und der ARD einen empörten und bissigen Brief schrieb.
In den vielen Jahren, in denen ich die Chinaberichterstattung in den deutschen Medien verfolge, habe ich festgestellt, dass die Mehrzahl der Journalisten nicht nur über ein überraschend klägliches Grundwissen über China verfügt, sondern dass nahezu alle Journalisten eine vermeintlich neutrale „politische Korrektheit“ nutzen, um deutsche Leser und Zuschauer einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Zum Beispiel bezeichnen sie Taiwan, das nach internationalem Recht nicht den Status eines souveränen Staates genießt, als Inselstaat, sogar als „in Wirklichkeit selbständig“. Jedes Mal, wenn sie über Tibet berichten, vergessen sie nicht, „von China besetzt“ hinzuzufügen, was nach internationalem Recht absoluter Unsinn ist.
Selbst in rein technisch-dokumentarischen Berichten über den Bau der Qinghai-Tibet-Eisenbahn vergessen sie nicht zu betonen, wie sehr diese Eisenbahnstrecke „Chinas Herrschaft über Tibet“ stärke. Anscheinend soll die tibetische Region für ewig in Rückständigkeit erstarrt bleiben und ist es nicht wert, in den Genuss moderner Technik zu kommen. Bis heute ist mir nicht klar, warum deutschen Journalisten, die die Fahne der Demokratie hochhalten, ausgerechnet beim Dalai Lama, diesem Repräsentanten einer ehemaligen Sklavenhaltergesellschaft und nach wie vor geistlichem Oberhaupt, jeglicher Sinn für Kritik abgeht.
Im Jahr 2008 sah ich mich dann endgültig dazu veranlasst, den deutschen Medien den Rücken zu kehren. Auslöser waren nicht jene technische Pannen, die den deutschen Medien passierten, sondern die fadenscheinigen Gründe für diese Pannen und die totale ideologische Gehirnwäsche, der die Medien gemeinsam mit der Politik die deutsche Gesellschaft unterzogen. Das ganze Hin und Her im Fall Zhang Danhong zeigt noch deutlicher, wie frostig der McCarthyism der „freien Welt“ sein kann. Als das Primat der Werte 2008 in Deutschland zu einem Klima ähnlich dem während der chinesischen Kulturrevolution ausartete und sogenannte Bürgerrechtsaktivisten aus den USA, die noch nie Deutsche Welle gehört hatten, zu einer Anhörung im Deutschen Bundestag eingeladen wurden, um die Reporterin der Deutschen Welle wegen einiger ehrlicher Sätze zu ruinieren, war dies wirklich nicht mehr lustig, sondern im Gegenteil erschreckend.
Die Medienpolitik auf dem chinesischen Festland hat in den letzten Jahren zwar Fortschritte gemacht, doch nach wie vor gibt es viele törichte Maßnahmen. Z.B. gibt es in Nordamerika einige sehr beliebte chinesische Webseiten, die verglichen mit den in China verrufenen neo-liberalen Webseiten objektiver und rationaler, in China aber gesperrt sind. Trotzdem, in der gegenwärtigen Mediendiskussion sind es die deutschen Medien, die mehr über sich reflektieren müssen. Die Entideologisierung der chinesischen Gesellschaft ist bereits weit fortgeschritten, die deutschen Medien hingegen sind dort stehen geblieben, wo sie vor 20 Jahren waren, Unwissenheit und Anmaßung sind nicht viel geringer geworden. Auf vielen chinesischen Webseiten innerhalb und außerhalb Chinas wurden die separatistischen Bestrebungen (Unabhängigkeit Taiwans, Unabhängigkeit Tibets und Unabhängigkeit Xinjiangs), die Falun Gong-Bewegung und die sogenannte Bürgerrechtsbewegung schon lange vor 2008 voller Abscheu als „Kreis der Unabhängigkeitsbewegungen“ (geschrieben 独运轮, gesprochen du yun lun) oder sogar als „Kreis des Gifts und der Übelkeit“ (geschrieben 毒晕轮, ausgesprochen ebenfalls du yun lun) zusammengefasst.
Haben die deutschen Medien ihrem Publikum berichtet, welchen Schaden diese Hätschelkinder des Westens dem chinesischen Volk zufügen und die Gründe dafür aufgezeigt? Welcher Journalist hat deutschen Lesern die Abscheu, die das chinesische Volk gegen die neo-libearale „Elite“ hegt, und die Entstehung der „Graswurzelbewegung“ erklärt? Hat sich irgendjemand mit den vielen Familientragödien auseinandergesetzt, die von den bornierten amerikanischen Evangelikalen, die in China missionieren, verursacht werden?
Im April 2008 sagte ich in einem Interview mit der Jungen Welt, die Kommunistische Partei müsse den westlichen Medien dankbar sein, denn ihre Berichterstattung sei wesentlich wirksamer als jedwede patriotische Erziehung in China. Nun gibt es tatsächlich Leute, die sich bedanken. Es ist den westlichen Medien gemeinsam mit den Nationalisten aus der Volksrepublik gelungen, dass sich immer mehr Jugendliche in ihrer Empörung über die westliche Chinaberichterstattung zu entschiedenen Parteianhängern und Patrioten gewandelt haben.
Ein deutscher Journalist (Andreas Lorenz, Spiegel-Korrespondent in Peking) schrieb kürzlich , seine Aufgabe als Korrespondent in China sei es, das Publikum in Deutschland darüber zu informieren: „Wie werden die Menschen mit den rasanten Veränderungen fertig? Was essen die Chinesen, wie kleiden sie sich, wie leben sie, was lesen sie? Wovon träumen sie, worüber streiten sie? Wie steht es mit den Menschenrechten? Wie steht es mit Umweltschutz? Was für Persönlichkeiten sind ihre politischen Führer?“ Wenn sie dies wirklich als ihre Aufgabe betrachten, dann müssten deutsche Korrespondenten in China doch wissen, wie sehr sich in den letzten 20 Jahren das Denken in der chinesischen Gesellschaft gewandelt hat, sie müssten wissen, warum immer mehr Chinesen die von den deutschen Medien propagierten universellen Werte anzweifeln und kritisieren, und warum die in Europa und Amerika so geliebte Wochenzeitung Nanfang Zhoumo von immer mehr Menschen abgelehnt wird. Wenn die deutschen China-Korrespondenten dies wirklich als ihre Aufgabe betrachtet hätten, dann wären ihre deutschen Kollegen auf ihrer ersten Chinareise auch nicht ständig mit dem „Zusammenbruch ihres Weltbildes“ konfrontiert worden. Es ist bedauerlich, dass die deutschen Medien und ihre China-Korrespondenten ihren Aufgaben so wenig nachkommen. Stattdessen kümmern sie sich darum, Vorreiter für Merkels „Werteorientierte Außenpolitik“ zu sein und um ihre eigenen „universellen Werte“. Mit dieser vermeintlich kritischen Haltung, die die chinesische Realität völlig außer Acht lässt, präsentieren sie sich nicht mehr als Journalisten, die über die chinesische Realität informieren, sondern als geistliche Büttel, die die Verbreitung der „universellen“ Werte als ihre religiöse Mission betrachten.
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Text: Jia Zhiping
Journalist, Dolmetscher und Synchronsprecher, Berlin
Übersetzung: Andrea Schwedler
Januar 2010
Journalist, Dolmetscher und Synchronsprecher, Berlin
Übersetzung: Andrea Schwedler
Januar 2010









