Nachspiel zur Frankfurter Buchmesse: Der „Fall Sonneborn“


Mediensalon des Goethe-Instituts am 20. November 2009 in Peking
„Meine Germanisten-Kollegen und ich, wir beobachten ständig die deutsche Presse, (…) aber wir können nicht unterscheiden, ob diese negativen Berichte nun eigentlich das chinesische System kritisieren, oder das chinesische Volk und seine Sitten und Gebräuche…(…)“ So der emotionale Kommentar eines jungen chinesischen Redakteurs mit guten Deutschkenntnissen zum Ende des ersten Mediensalons des Goethe-Instituts Peking. Dieser fand am Freitag den 20. November 2009 in Peking in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Chinesischen Kulturnetz und dem Ullens Center for Contemporary Art statt im 798-Kunstbezirk statt. Die Veranstaltung Von Missverständnissen zu mehr Verständnis wurde von Michael Kahn-Ackermann, dem Leiter des Goethe-Instituts China, moderiert.
Leider zeigt das obige Zitat, wie schwer es ist, Missverständnisse tatsächlich auszuräumen, selbst bei Menschen, die durch Studium und Arbeitsumfeld eigentlich bestens in der Lage sein sollten, zu recherchieren, zu hinterfragen und sich eine Meinung zu bilden, die auf Fakten basiert.
Der Stein des Anstoßes: ein Satirebeitrag
Anlass für die kurzfristig organisierte Veranstaltung war ein am 23. Oktober 2009 ,in der Satiresendung heute show des ZDF ausgestrahlter 2,44 Minuten langer Video-Clip von Martin Sonneborn. In dem Video stellt der ehemalige Titanic-Chefredakteur Sonneborn einen Reporter dar, der auf Deutsch und ohne Übersetzung chinesische Teilnehmer der Frankfurter Buchmesse in bewusst plumper Weise zu den Menschenrechten in China, zu „Massenerschießungen“ und Folter befragt. Da die Chinesen die Fragen gar nicht verstehen, erscheinen ihre Reaktionen unangemessen und lächerlich. So sie antworten, dreht ihnen Martin Sonneborn als Reporter das Wort im Munde herum. Dieser Clip, der inzwischen aus der Mediathek des ZDF gelöscht wurde, fand innerhalb einer Woche seinen Weg auf die chinesische Videowebseite www.tudou.com. Die Reaktionen chinesischer Internetnutzer waren aufgebracht, manche verlangten sogar eine Entschuldigung Deutschlands.
Die Diskussion um die in China seit einigen Jahren als überwiegend „negativ“ wahrgenommene westliche Berichterstattung wurde dadurch erneut angeheizt. Auch CCTV hatte die Video-Satire in die Sendung Shijie Zhoukan (World Weekly) vom 15. November aufgenommen, in der es hauptsächlich um den Fall der Berliner Mauer vor 20 Jahren ging und mich dazu interviewt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich das Video nur einmal sozusagen „im Vorbeigehen“ gesehen. Meine spontane Reaktion dazu: Hier macht sich jemand gewaltig über die chinesischen Buchmessegäste lustig und führt sie vor, ohne dass sie sich wehren können, denn sie verstehen ja gar nicht, was der Journalist sie fragt oder in den Mund legt. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sich viele Chinesen, die dieses Video bei www.tudou.com angeschaut hatten, verletzt fühlen würden. CCTV stellte in seinem Beitrag auch Martin Sonneborn und die von ihm gegründete PARTEI mit ihrem Slogan „Baut die Mauer wieder auf“ vor. Dieser Slogan und seine daraus interpretierte subversive Absicht, Deutschland wieder zu spalten, waren wohl auch derjenige dünne Faden, der die Verbindung zwischen Sonneborns fragwürdigem Chinesen-Video und der seriös wirkenden Berichterstattung zum Mauerfall der ersten 15 Minuten darstellte.
Missverständnis durch fehlenden Kontext
Was der CCTV-Beitrag leider versäumte, war, Martin Sonneborn als das darzustellen, was er ist: ein Satiriker, ein Polit-Clown. Der Beitrag lief nicht in den ZDF heute Nachrichten um 19.00, sondern in einer Satire-Sendung um 23.00 Uhr. Dieser Kontext fehlte in dem Moment, wo er unkommentiert (aber mit chinesischen Untertiteln) auf www.tudou.com landete. Der Charakter einer Satire ist, durch Überspitzung auf ein Problem hinzuweisen. Eine Satire kann laut Wikipedia auch eine gefälschte Nachricht oder ein fiktives Interview sein. Noch ein Zitat aus Wikipedia zur Satirezeitschrift Titanic, Sonneborns früherem Wirkungsfeld: (Sie) „ist dafür bekannt, die inhaltlichen und rechtlichen Grenzen von Satire durch spektakuläre Beiträge und Aktionen auszuloten .
Welches Problem hatte Martin Sonneborn in seinem Video aufs Korn genommen? Die starke Politisierung jedweder Kontakte zwischen angereisten Chinesen und deutschen Journalisten, ein Phänomen, welches auch Michael Kahn-Ackermann während der diesjährigen Frankfurter Buchmesse so wahrgenommen hatte: „Nach zwei Tagen wollte Mo Yan keinen Journalisten mehr sehen und abreisen“, nannte Kahn-Ackermann zu Beginn seiner Moderation ein Beispiel. Nachdem sich Mo Yan von Journalisten zurückzog, die ihn zwanghaft in eine Schublade stecken wollten - entweder in die des Dissidenten oder des Staatsschriftstellers – habe die Schlagzeile einer deutschen Zeitung am folgenden Tag gelautet: „Mo Yan hat Redeverbot.“ Nach solchen und ähnlichen Erfahrungen hätte also auch Herr Kahn-Ackermann - wäre er Berufssatiriker und nicht der Leiter des Goethe-Instituts China, seit Jahrzehnten im internationalen Kulturaustausch tätig und daher entsprechend sensibilisiert - genau dieselbe Sendung machen können wie Martin Sonneborn. Letzterer hatte bei seinem Beitrag aller Wahrscheinlichkeit nach ausschließlich sein deutsches Publikum im Blick, das prinzipiell besser ausgestattet ist, den doppelten Boden dieser Inszenierung zu durchschauen, als ausländische Zuschauer.

Michael Kahn-Ackermann, Leiter des Goethe-Instituts China
Zwei Missverständnisse, die sich - wie den Wortbeiträgen des Medien-Salons des Goethe-Instituts zu entnehmen war - auf chinesischer Seite hartnäckig halten, müssen an dieser Stelle also zunächst aus dem Weg geräumt werden: Erstens handelte es sich bei Martin Sonneborns Beitrag in keiner Hinsicht um einen chinesenfeindlichen Beitrag. Zweitens darf dieser Satirebeitrag keinesfalls in einen Topf mit einer manchmal als chinafeindlich empfundenen westlichen /deutschen seriösen Berichterstattung geworfen werden.
Über die Moral von Satire kann man streiten
Wie es moralisch zu bewerten ist, dass Ausländer, die sich als Gäste Deutschlands, oder eben zumindest der Buchmesse, wähnten, und somit aus ihrem eigenen Verständnis von Gastfreundschaft heraus nicht damit rechnen konnten, Opfer einer Satire zu werden, eines Formats, welches ihnen zu dem aus ihren offiziellen Medien nicht bekannt sein dürfte, kann, darf und soll diskutiert werden. Dies geschah so auch in Deutschland, zum Beispiel auf der Seite www.freitag.de, wo die Mehrheit der Kommentare sich kritisch bis abfällig zu Sonneborns Beitrag äußerte.
Die Satire ist ein Format, das bewusst unter die Gürtellinie zielt. Innerhalb eines Kulturkreises wird sie eher verstanden und in ihrer Funktion akzeptiert. Sind aber Personen einer anderen Kultur oder Religion beteiligt, können die Konsequenzen schwer einzuschätzen sein. Ein interessantes Beispiel hierfür liefert ein Fall, der sich im Oktober 2009 im Kulturpavillon der Deutsch-Chinesischen Promenade in Wuhan zutrug. An einem Nachmittag lief bei vollbesetzten Zuschauerreihen ein chinesischer Kurzfilm über das Fluchen in China. Eine Frau kam verspätet hinzu und regte sich lautstark auf, als ihr statt des erwarteten Programmpunkts „Locker Deutschlernen“ saftige chinesische Gossensprache entgegenschlug. Sie blieb trotzdem bis zum Schluss und erklärte in der folgenden Diskussion mit dem Publikum, sie habe sich vor allem geärgert, weil sie vermutet hatte, Deutsche hätten Chinesen so „unzivilisiert“ gefilmt. Als sie erfuhr, dass der Regisseur Chinese war, wurde sie nachdenklich und verstummte. Im Übrigen hatte der Regisseur selbst starke Bedenken, seine provokativen Werke vor einem zufälligen und nicht speziell aus dem Kunst- oder Filmmilieu stammenden Publikum zu zeigen.
Von Missverständnissen zu mehr Verständnis – was bedeutet dies konkret? Einerseits bietet das Internet die Chance zu mehr Information, weltweit. Ich würde mir daher wünschen, dass der eingangs zitierte junge chinesische Redakteur mit Deutschkenntnissen sich auf der Webseite des ZDF zusammen mit deutschen Freunden oder Kollegen mehrere heute show-Sendungen anschaut, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie solche Satiresendungen funktionieren, um den Sonneborn-Clip in den richtigen Kontext einordnen zu können. Andererseits sollte es Produzenten von Medienbeiträgen heutzutage im weitesten Sinne bewusst sein, dass es heute keine rein lokalen Produktionen mehr gibt. Politische Korrektheit mag zwar manchmal langweilig daherkommen, ist aber bei der heutigen globalen Vernetzung möglicherweise zunehmend eine Voraussetzung für den konstruktiven Dialog, den wir benötigen, um die anstehenden globalen Probleme lösen zu können.
Text: Maja Linnemann
Chefredakteurin des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes
November 2009
Chefredakteurin des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes
November 2009









