Kultur-Kritik

Zhi An (止庵), Literaturkritiker

Zhi An © Goethe Institut
Zhi An © Goethe-Institut
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Ich erinnere mich an eine Anekdote aus dem alten China: Da gab es zwei Schüler, von denen der eine meinte, drei chinesische Zeichen würden „Taixing-Berg“ (太行山) gelesen, während der andere meinte, man müsse sie als „Daxing-Berg“ (大行山) lesen. Also gingen sie den Lehrer um Rat fragen. Ich denke genau hierin steckt die Kritik. Hätte es sich hier allein um Leser gehandelt, hätten sie keine Notwendigkeit gesehen, dem anderen zu sagen, was richtig und falsch ist. Ein Kritiker unterscheidet sich vom Leser darin, dass er genau dies zur Sprache bringt. Es fehlt an Kritikern, und ich gehe sogar so weit zu sagen, dass es uns sogar an Lesern mangelt. Niemand spricht aus, was er für falsch oder richtig hält. Womöglich fehlt es uns sogar an den sich über richtig und falsch nicht äußern könnenden Lesern. Vor zehn Tagen habe ich die Rede von Herrn Walser gehört, in der er über Kritik und Anerkennung sprach. Wie ich meine, gibt es eigentlich zwei Arten von Anerkennung, zum einen die Anerkennung des Verstehens und dann die Anerkennung des Missverstehens. Der Unterschied liegt bei jenem Leser, er liegt grundsätzlich im Verständnis des Lesers gegenüber dem Autor. Haben sie eine gemeinsame Norm und stimmen alle generell in dem überein, was unter dieser Norm zu verstehen ist, dann lässt sich relativ leicht darüber reden, was gut oder schlecht ist. Was also wirklich fehlt, ist der Leser, der sich zu Wort meldet. Wenn er sich äußert, dann haben wir in ihm bereits einen idealen Kritiker.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2008

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