Xi Chuan (西川), Dichter


Xi Chuan © Goethe- Institut
Eben hat Wang Min`an darauf hingewiesen, dass die guten Köpfe sich generell nicht mit Literaturkritik beschäftigen. Das wird in den letzten zehn Jahren immer offensichtlicher. Die guten Lyrikrezensenten – vor allem die herausragenden unter ihnen – sind zur Romankritik gewechselt, die Romankritiker wiederum beschäftigen sich jetzt mit der Geistesgeschichte, alle haben also diesen Schauplatz verlassen. Dabei befindet sich die chinesische Lyrik in einem interessanten Zustand: Einerseits hat sich in den Medien und in den Köpfen der Allgemeinheit eine Reihe von Stereotypen zur zeitgenössischen chinesischen Lyrik herausgebildet, dass heißt, dass ein Gedicht eben so und so sein muss. Vor einer Weile hat sich eine Zeitschrift das Thema Lyrik vorgenommen, unter dem Motto „Die Dichter sind alt geworden.“ Aber wie man sieht sind wir gar nicht so alt, trotzdem gibt es hier bereits eine stereotype Zuschreibung. Lyrik ist eine sehr marginale Sache. Jedoch steht dieser Umstand in einem krassen Gegensatz zu der internen Arbeit der Dichter, denn aus meiner eigenen Erfahrung und aus der Beobachtung der Arbeiten meiner Freunde kann ich etwas Skandalöses sagen: Die heutige Lyrik übertrifft alles, was seit der Vierten-Mai-Bewegung an Gedichten geschrieben wurde – nur nimmt das niemand wahr.
Die chinesischen Leser sowie die Kritikerkreise zeigen sich nicht nur an dieser Stelle gleichgültig, es gibt vieles, was sie kalt lässt. Vor zwei Tagen habe ich Herrn Zhi An bei einer Veranstaltung getroffen, bei der Buchpräsentation der Gesamtausgabe eines russischen Dichters. Bei dieser Präsentation habe ich behauptet, dass der heutige chinesische Leser diesen Dichter nicht im Geringsten beachten wird. Er wird nicht nur ihn links liegen lassen, er nimmt auch andere wertvolle Dinge nicht an. Das ist also ein ziemlich heikles Problem.
Abgesehen von den Fragen der Kritik und dem Problem der Akzeptanz, fiel mir auch eine kürzlich gemachte Reise ein. Letzte Station dieser Reise war Wien. Ich hatte in Wien den Eindruck, dass diese Stadt einfach anders als Städte wie Paris oder New York sei, aber ich konnte nicht klar benennen warum. Nach einiger Zeit bekam ich das Problem zu fassen: Das intellektuelle Leben in Wien ist nicht so ausgeprägt wie das in Paris, Berlin oder New York. Wenn die Intellektuellen eines Landes kein intellektuelles Leben etablieren, ergibt sich eine Lücke in der kulturellen Anatomie. Wie es um die Kultur einer Stadt steht, ist für jeden ersichtlich. Meiner Meinung nach ist die Kritik äußerst wichtig. Der Erfindungsgeist der Kritik stand im zwanzigsten Jahrhundert dem künstlerischen Schaffen an sich in keiner Weise nach, nur wurde das von uns übersehen. Das spiegelt wieder, was wir aus unserem Leben heraus empfinden, nämlich dass es keine gute Kritik mehr gibt, dass es auch keine echte Gesellschaft der Intellektuellen mehr gibt und dass deshalb diese Stadt eben so ist, wie sie ist. Das Niveau der Lyrik, der Literatur, der Musik, des Films hängt ganz eng mit dem intellektuellen Vakuum einer Gesellschaft zusammen. Wir brauchen uns nicht über andere beschweren, wir sind alle ein Teil davon. Diese Aufgabe muss von uns allen gemeinsam bewältigt werden.
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November 2008
November 2008









