Das „kollektive Gedächtnis“ im Theater


V.l.: Duo Duo, Guo Shixing, Stan Lai, Gesine Danckwart und Kathrin Röggla, Foto: ML
Im Rahmen der Veranstaltung „Neue Dramatik: China/Deutschland“ kamen in Peking vom 16.–19. Oktober 2009 deutsche und chinesische Theatermacher zusammen, um in szenischen Lesungen, Vorträgen und Podiumsdiskussionen den Status quo sowie die Möglichkeiten des Theaters in beiden Ländern auszuloten. Eine der Podiumsdiskussionen widmete sich dem Thema Memory of change: Traumata und kollektives Gedächtnis im Gegenwartstheater. Dabei gestaltete sich der Dialog mit den deutschen Kolleginnen Gesine Danckwart und Kathrin Röggla umso anregender als auch die drei chinesischen Dramatiker, Guo Shixing (过士行), Duo Duo (多多), und Stan Lai (d.i. Lai Shengchuan 赖声川) jeweils einen ganz unterschiedlichen Hintergrund vorweisen. So wurden an dem Thema die besonderen Sichtweisen beider Kulturen hinsichtlich Zeit, Geschichte und Gegenwart deutlich.
Mit einer nüchternen Definition des „kollektiven Gedächtnisses“ gingen die deutschen Dramatikerinnen direkt in medias res: Es bestehe in den Erinnerungen, die nach einer Traumatisierung in der Psyche von Individuen schlummerten und zu irgendeinem Zeitpunkt wachgerufen werden könnten. Das geschehe nicht nur beim Einzelnen, sondern auch im Kollektiv. Sie machten darauf aufmerksam, dass einzelne Gesellschaften auf unterschiedliche Weise mit ihrem kollektiven Gedächtnis umgingen, und dass kollektive Erinnerung nicht nur von den Ereignissen herrühre, die man selbst erlebt habe, sondern sich auch darin ausdrücke, dass man Dinge, die sich zukünftig ereignen könnten, antizipiere. Beispielsweise würden die Berichte der Medien über die Finanzkrise oder den Klimaschutz eine Verunsicherung verursachen, welche wiederum zu einem Teil der kollektiven Psyche würde.

Guo Shixing (过士行), Foto: ML
Bevor man über ein „kollektives Gedächtnis“ diskutiere, merkte Guo Shixing weiter an, müsse man zunächst einmal darüber sprechen, wie sich in China das „Kollektiv“ – womit im Chinesischen eine „Gruppe“ gemeint sei – geformt habe. Auf jeden Fall hätten die Jugendlichen und Erwachsenen von heute sowie auch einige vorangegangene Generationen eine Erziehung im Sinne des „Kollektivs“ durchlaufen. Vom Kindergarten über die Schule bis zur Arbeitseinheit hatte sich das Individuum den Interessen des Kollektivs zu beugen und musste dem Kollektiv Ehre machen. In einem Wirtschaftsbetrieb beispielsweise sei das Kollektiv – in Zeiten der Planwirtschaft – zwar das Regulativ für den Einzelnen gewesen, habe jedoch so gut wie nie Verantwortung übernommen. Auch in der Kulturrevolution, die im „Kollektiv“ betrieben wurde, habe man die Verantwortung zuletzt an die „Viererbande“ abgewälzt. Demzufolge, so meinte Guo Shixing, könne man in China nur davon reden, dass „das Kollektiv kein Gedächtnis hat“.

Duo Duo (多多), Foto: ML
Duo Duo vertrat die Ansicht, dass es nicht seine Aufgabe sei, sondern die der Nachrichtenmedien, auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse unmittelbar zu reagieren und sich einzumischen. Theater, Literatur und Lyrik nähmen stets die unlösbaren Fragen der Gesellschaft und der Menschheit als Ausgangspunkt, sie hätten keine Propagandafunktion und wollten auch keine Reformen einleiten, andernfalls „opfere man die Kunst“. Literatur und Drama hätten allerdings auch die Funktion, Dinge offen zu legen, analysierte Duo Duo weiter. In diesem Fall würde der Autor nicht allein die eigenen Ansichten und Neigungen darlegen, sondern womöglich an die tieferen Schichten eines kollektiven Gedächtnisses rühren.
Von seiner persönlichen Perspektive ausgehend, betonte Duo Duo, Poesie und Literatur müssten sich als Instrumente, welche die Fragen der Gesellschaft und sogar des Lebens nicht nur an der Oberfläche sichtbar machten, auf ihren wichtigsten Part zurückbesinnen – die Sprache. Mit Vehemenz vertrat er die Ansicht, dass Sprache per se eine erinnernde Funktion habe. (Hierzu beachte man, was Duo Duo 1984 schrieb: Wird Sprache in der Küche zubereitet / dann ist die Seele das Schlafzimmer. Man sagt / wenn die Seele ein Schlafzimmer ist / sind die Hirngespinste, die Herren des Schlafzimmers / ... ein Gehirn, das nicht zu träumen vermag / ist nur ein Ödland auf Zeit / ...)
Duo Duo fasst sich am kürzesten, regelrecht dramatisch kurz. Tatsächlich kann man sich in seinen Worten verlieren, wenn man mit seiner Lyrik vertraut ist. Hier nur ein Beispiel:
Mancher Abend hat einen Anfang, doch kein Ende / Mancher Fluss funkelt, doch seine Farbe sieht man nicht / Manche Zeit sträubt sich heftig gegen das Dunkeln / Manche Zeit, bricht erst in tiefer Nacht an.

Stan Lai (Lai Shengchuan 赖声川),
Foto: ML
Foto: ML
Auch Stan Lai kam auf die Massenmedien zu sprechen und zeigte sich zutiefst besorgt über die zunehmende Informatisierung der Gesellschaft. In Taiwan gäbe es sieben oder acht TV-Nachrichtensender und außerdem ein, zwei Satire-Kanäle, welche die News-Channels nachäfften. Jedes noch so gewichtige Ereignis werde dort im Handumdrehen banalisiert und verflacht, denn alle Informationen würden als gleichwertig betrachtet. Wenn aber im Leben alles so leicht verfügbar sei, was sollten wir uns da eigentlich noch merken?
Über vielen von Stan Lais Dramen kreist der Lichtkegel von Gedächtnis und Erinnerung. In seinem Stück Eine stille Sehnsucht, der Pfirsichblütenquell, das in Asien für Furore sorgte und seit seiner Uraufführung 1986 bis heute auf Tournee ist, müssen infolge eines Irrtums die Proben zu zwei Stücken auf ein und derselben Bühne stattfinden. Daraus entspinnt sich eine Geschichte, in der Vergangenheit und Gegenwart, Tragik und Komik ineinander greifen. Einer der Protagonisten versucht in einem fort Erinnerungen festzuhalten. Die Zeiten ändern sich, während er derselbe bleibt. Eine andere Figur taucht in einen Ort ein, an dem die Zeit still steht, sie hat ihre Erinnerung bereits verloren. Der Held eines anderen Dramas, des annähernd siebenstündigen, Zeit und Raum umspannenden Versdramas A dream like a dream (2002) muss in ein voriges Leben zurückkehren, um Erklärungen für sein jetziges Dasein zu finden. In Writing in Water (2009) wiederum begegnet einem der Protagonisten ein kleines Mädchen – das Kind ist seine Mutter, die er nie kennen gelernt hat.
Es handelt sich hierbei um ein chinesisches Raum-Zeit-Konzept, welches Vergangenheit und Gegenwart - ganz anders als die „sich ewig wiederholende Geschichte“ oder die „Parallelen Universen“ westlicher Anschauung - außerhalb von Zeit und Raum positioniert. Diesbezüglich waren die Worte des so freundlichen und gelassenen Stan Lai überraschend: „Für mich sind Erinnerung, Traum und Realität gleichwertig, weil sie allesamt menschlichen Erfahrungen entsprechen – aus einer buddhistischen Perspektive gesprochen, sind sie deshalb von gleicher Relevanz.“
Dass Stan Lai Erinnerung, Traum und Realität als gleichwertig ansieht, verdeutlich, dass es auch im Gedächtnis Irrtum und Wahrheit gibt, ebenso wie in der Geschichte. Der Traum unterscheidet zwar nicht zwischen wahr und falsch, aber er verschließt sich oft jeder Deutung. Die Realität kennt Momente, die surrealer und unverständlicher als jedes Traumgespinst erscheinen. John Cage, der Meister der Neuen Musik, trug bei einem Vortrag in Taiwan einmal ein Gedicht vor, das mit den Worten begann: „My memory of what happened is not what happened“. Stan Lai, der damals für ihn dolmetschte, zeigte sich tief beeindruckt – dass das, was erinnert wird, schon nicht mehr dem entspricht, was einmal geschehen ist, zeige deutlich den illusionären Charakter der Realität. Der Eingriff in das Gedächtnis wie auch dessen willentliche Selbst-Korrektur sind Problemkreise, die im modernen Theater häufig untersucht werden, und sie ziehen sich als Leitthemen auch durch Stan Lais Dramen.
Im Laufe der Diskussion waren die Theatermacher dem „kollektiven Gedächtnis“ aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nachgegangen. Wenn auch nicht alle Aspekte berücksichtigt wurden, war es doch sehr bewegend, wie jeder seine eigenen Erfahrungen einbrachte. Eine Frage jedoch blieb ungelöst: Während man über „Traumata“ diskutiert hatte, war am Rande erwähnt worden, dass diese im kollektiven Unterbewusstsein existierten, ja sogar in kulturell tradierten Mythen. Was sind das für Mythen? Suchen wir unbeabsichtigt Zuflucht zu ihnen, oder können wir etwas von ihnen lernen? .... Genug offene Fragen, die auf die Fortsetzung des Dialogs neugierig machen.
Text: Umi (由宓)
Freie Kuratorin und Kulturjournalistin, Peking, Hongkong
Übersetzung: Julia Buddeberg
Dezember 2009
Freie Kuratorin und Kulturjournalistin, Peking, Hongkong
Übersetzung: Julia Buddeberg
Dezember 2009









