DDR-Vergangenheit im deutschen Gegenwartstheater


„Woyzeck“ am Staatschauspiel Dresden
© Staatsschauspiel Dresden
Foto: HL Böhme
Foto: HL Böhme
Mauerfall überall: Im Jubiläumsjahr 2009 ist der Vergegenwärtigung und Vermarktung jenes Ereignisses, das vor 20 Jahren der deutschen Wiedervereinigung vorausging, kaum zu entkommen. Beim allgemeinen Gedenkmarathon versucht auch das Theater tapfer mitzulaufen. Doch so verhalten und pflichtschuldig, wie das "Wende"-Thema in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Debatte auftauchte, gelangten die damit verbundene Reflexion über die DDR und ihre bisweilen als "Übernahme" empfundene Vereinigung mit der Bundesrepublik auf die deutschen Bühnen. Und dort wurde es eher in Form von Alltagsgeschichten und als Lebensgefühl in einer kleinen privaten Welt erzählt als anhand wichtiger politischer oder historischer Figuren.
Die erste deutsche Revolution, eine friedliche, unblutige – sie wurde bislang noch nicht durch Legenden- und Mythenbildung geadelt wie etwa "'68" oder "Der deutsche Herbst". Allzu groß mag die Enttäuschung links-orientierter Kreise gewesen sein, dass der Kapitalismus scheinbar folgerichtig gesiegt hatte. Und allzu selbstgefällig wirkte vielleicht die Gewissheit im politisch konservativen Lager, dass dieser Sieg nur eine Frage der Zeit gewesen war. Eine Frage der Zeit ist es jedenfalls, dass das wiedervereinigte Volk gemeinsam die revolutionäre Leistung vor allem seines ostdeutschen Teils wiederentdeckt und zum Thema seines Theaters macht.
Stasi und DDR – nur "Kassengift"?
Natürlich gab es schon in den 90er-Jahren eine "Wende-Dramatik". Neben ostdeutschen Autoren wie Christoph Hein und Volker Braun arbeiteten sich auch "Wessi"-Autoren wie Herbert Achternbusch, Franz Xaver Kroetz oder Rainald Goetz daran ab. Birgit Haas beschreibt die Stücke dieser Zeit in ihrer Studie Theater der Wende – Wendetheater (Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, 2004) allerdings als "weithin unbeachtet". Davon auszunehmen dürften allerdings zumindest die Denunziantengeschichte Karate-Billi kehrt zurück (1991) von Klaus Pohl sowie Heiner Müllers letztes Stück, die historische Szenenfolge Germania 3. Gespenster am toten Mann sein: Wende-Dramen, die häufig nachgespielt wurden oder doch eine gewisse Bekanntheit erreichten. Für Furore sorgte 1996 immerhin Thomas Brussigs Helden wie wir, kein Stück allerdings, sondern ein von Peter Dehler fürs Deutsche Theater Berlin inszenierter Schelmenroman über einen Mann, der behauptet, die Mauer zu Fall gebracht zu haben.
Mit der Jahrtausendwende scheint die Produktion von Dramen zum deutsch-deutschen Thema erlahmt zu sein. Liegt es daran, dass diese Stücke wahlweise als DDR-Nostalgie oder als Paulschalverurteilung derer verstanden werden, die sich mit dem System arrangierten? Oder gelten DDR und Stasi immer noch als "Kassengift"? So jedenfalls beschreibt Thomas Brussig im aktuellen Jahrbuch von Theater heute die Situation, als 1996 sein Roman für die Bühne adaptiert werden sollte. In derselben Theater heute-Sonderausgabe sagt Matthias Lilienthal, der Leiter des Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin: "Aus unserem geografischen Blickwinkel kann man mit dem Thema Migration zum Beispiel viel mehr Reibung erzeugen."
Das jüngere kulturelle Gedächtnis aktivieren
Was also tun respektive inszenieren, wenn einschlägige Stücke fehlen? Volker Lösch behilft sich in diesen Fällen mit der Aktualisierung von Repertoire-Klassikern. In Dresden bildete er eine Trilogie aus Orestie (2003), Die Weber (2004) und Woyzeck (2007), die unter dem Einsatz von "Bürgerchören" die sozialen Verhältnisse der Stadt widerspiegelte. Woyzeck ging besonders auf die DDR-Vergangenheit ein, weil die Inszenierung nach Ursachen dafür suchte, dass Rechtsradikalismus in Ostdeutschland so regen Zuspruch findet. (Mit 9,2 Prozent der Wählerstimmen saß die NPD zu diesem Zeitpunkt im sächsischen Landtag, seit der Wahl 2009 sind es nur noch 5,6 Prozent.) Über 500 Theaterbesucher waren zuvor zu ihren Erfahrungen mit Ausländern und ihrer Meinung zu sozialen Problemen befragt worden, um ein Stimmungsbild aus der bürgerlichen Mitte zu erhalten. Die Antworten eignen sich teilweise durchaus als Boden für rechtsextremes Gedankengut oder beschwören gute, alte DDR-Zeiten herauf, wo man ja per definitionem schon Antifaschist war.

„Die Weber“ am Staatsschauspiel Dresden © Staatsschauspiel Dresden, Foto: Matthias Creutziger
Das alles diente dem Laienchor als Textgrundlage. Klar wurde, von Lösch etwas vereinfacht dargestellt: "Die Alten" jammern besseren (DDR-) Zeiten nach und aalen sich im Ruhestand. "Die Jungen" suchen, arbeits- und perspektivlos, nach Werten, Zielen, Feindbildern. Der Staat ihrer Eltern scheiterte, in der Bundesrepublik dieser Tage finden sie ihren Platz nicht. Und deshalb wird ein Verlierer wie Woyzeck von Neonazis gequält, und seine Marie verliebt sich in einen ihrer Anführer. Mögen die Erklärungsansätze dieser Produktion auch oberflächlich bleiben, sie aktivieren immerhin das jüngere kulturelle Gedächtnis und erheben nicht zuletzt durch ihren Bezug zum Repertoireklassiker Woyzeck die DDR-Vergangenheit zum relevanten Bühnenthema.
Mit etwas weniger Erfolg untersuchte Lösch im Februar 2009 Die Wunde Dresden. Anlässlich des Gedenktages der Bombardierung der Barockstadt im Jahr 1945 inszenierte er eine grelle Geschichtsrevue. Sie gab eine Ahnung davon, wie die Zerstörung Dresdens - mit von den Nazis gefälschten Opferzahlen - von allen Seiten für propagandistische Zwecke benutzt wurde, versäumte aber, die Auswirkungen der DDR-Zeit auf das Selbstverständnis der Stadt genauer darzustellen, das sich aus einem diffusen Opfermythos und einem legendären Lokalpatriotismus speist.
Revuen und Romanbearbeitungen
Revuehafte Collagen wie diese scheinen momentan die attraktivere, weil verspieltere Form des etwas angestaubten Dokumentartheaters geworden zu sein. Und wo Dramen fehlen, müssen Romanbearbeitungen herhalten: Kürzlich zeigte das Staatsschauspiel Dresden Ingo Schulzes Wendezeit-Geschichte Adam und Evelyn (2008). Und das Berliner Maxim Gorki Theater dramatisierte Anfang des Jahres Werner Bräunigs Wismut-Roman Rummelplatz aus dem Jahr 1966. Vielleicht müssen noch einige Jahre verstreichen, bis sich "1989", die Vorgeschichte und vor allem die Folgen im kulturellen Gedächtnis der Deutschen mit etwas mehr Abstand klarer umreißen und besser einordnen lassen. Dann wird sich auch das Theater mit dem Thema leichter tun – und mehr Reibungspotenzial darin entdecken.
Text: Christine Diller
Kulturjournalistin, München
November 2009
Kulturjournalistin, München
November 2009









