Die Mitglieder der sogenannten „Roten Garden“, jener Gruppe, die in der Kulturrevolution am aktivsten mitmischte und in deren Anfangsphase für viel menschliches Unglück verantwortlich war, wurden zu einem beträchtlichen Teil ebenfalls zu „Opfern“ der Kulturrevolution. Denn im Zuge der von Mao Zedong 1968 in Gang gesetzten Kampagne „Gebildete Jugendliche gehen hinauf in die Berge und runter aufs Land“ zogen sie in Grenzregionen und Dörfer und galten fortan als die „aufs Land verschickte Gebildete Jugend“.
Dem Literaturprofessor Xu Zidong (许子东) zufolge sind die Roten Garden und die „Gebildeten Jugendlichen“ die zwei sozialen Rollen einer Generation, die zwei Phasen eines Zeitgeistes und die zwei Erscheinungsformen einer Geisteshaltung. Wie sie als Hauptprotagonisten der Kulturrevolution auf diesen Abschnitt der Geschichte zurückblicken, lässt uns in jedem Fall aufhorchen.
„Auch wenn ich Unrecht hatte, empfinde ich keinerlei Reue“ – so umreißt Xu Zidong in seiner Studie
Die kollektive Erinnerung für das Vergessen: Eine Interpretation von fünfzig Romanen über die Kulturrevolution das erzählerische Leitmotiv über die Kulturrevolution aus dem Blickwinkel der Roten Garden und „Gebildeten Jugendlichen“. Indem er die Methode einer strukturalistischen Erzähltheorie anwendet, liegt Xu vor allem daran, deren gemeinsame Merkmale herauszuarbeiten. Auch wenn seine Schablone auf einige Schriftsteller zutrifft, existieren doch konkrete und nicht zu leugnende Unterschiede zwischen den einzelnen Autoren.
Shi Tiesheng (史铁生):
"Mein fernes Dorf Qingpingwan"
Shi Tiesheng (史铁生), geboren 1951, ging im Alter von 17 Jahren von Peking nach Yan`an in Nord-Shaanxi, um sich dort einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft anzuschließen. Einige Jahre später kehrte er - wegen einer nicht geheilten Vaskulitis an beiden Beinen gelähmt - nach Peking zurück. In seiner 1983 veröffentlichten Erzählung
Mein fernes Dorf Qingpingwan beschreibt er rückblickend die karge Gegend der Bergregion Yan`an, den Überlebenskampf der Bauern sowie die schlichte und schöne Gefühlswelt der einfachen Leute. In der wenig später erschienenen Novelle
Geschichten von der Ansiedlung auf dem Land (1986) steht das gemeinsame Leben des Ich-Erzählers mit seinen Kameraden, den „Gebildeten Jugendlichen auf dem Land“, im Mittelpunkt seiner Erinnerungen. Shi Tiesheng spannt den Bogen von Peking zu Anfang der Kulturrevolution über die Zugreise ins nördliche Shaanxi bis zum Anschluss an die Produktionsgruppe. In der Novelle heißt es an einer Stelle: “Man sagt uns nach, wir Landverschickten würden allein deswegen ständig über diese Zeiten reden, weil wir die schönsten Jahre unseres Lebens in diesen Landkommunen verbracht haben.“ Der Ich-Erzähler, also der Autor selbst, stimmt dem zu. Aber er sieht darin nicht den einzigen Grund für die Nostalgie. Aus der Novelle, die ganz bewusst auf romantisierendes Beiwerk verzichtet, lässt sich – auch wenn es der Autor nicht in aller Deutlichkeit ausspricht – folgendes Fazit herauslesen: Das gemeinsame Leben sowie der emotionale Austausch mit den gutherzigen und einfachen armen Bauern reparierten die zwischenmenschlichen Beziehungen, welche durch die Kulturrevolution arg beschädigt und in den Schmutz getreten worden waren. Dieses Leben am Rande der Gesellschaft, das in seiner Ziellosigkeit so frei und ungezügelt erschien, bildete womöglich auch einen krassen Gegensatz zu dem immer mehr von „instrumenteller Vernunft“ durchdrungenen modernen Stadtleben nach der Kulturrevolution. Auch wenn in diesen Romanen in gewissem Maße ebenfalls „Dankbarkeit für die erlittene Not“ mitschwingt, ist doch von der linkspolitischen Affinität der „Rechtsabweichler“-Autoren nichts mehr zu spüren.
Lao Gui (老鬼):
"Blutrote Dämmerung"
Wie prägend die Erlebnisse als Rote Garden und „Gebildete Jugendliche“ waren, zeigt sich darin, dass ihre Schilderungen von Adoleszenz und Erwachsenwerden fast ausnahmslos in der ersten Person erzählt sind und deutlich autobiografische Züge tragen. Lao Gui (老鬼), geboren 1948, Sohn der berühmten Schriftstellerin Yang Mo (杨沫), ging 1968 in eine Landkommune in der Inneren Mongolei. Sein Roman
Blutrote Dämmerung (1987), an dem er gegen Ende der Kulturrevolution zu schreiben begann, ist eine relativ realistische Darstellung seines Lebens als „Gebildeter Jugendlicher“. Der Roman schildert die Tragik einer Clique „Gebildeter Jugendlicher“, die von leidenschaftlichen Idealen beseelt sind: Unter Einsatz von Blut und Schweiß, ihrer Jugend, ja sogar ihres Lebens schinden sie sich ab und bewirken am Ende doch nur, dass das einst blühende Grasland sich in eine Wüste verwandelt. Als sie nach etlichen Rückschlägen endlich das Grasland verlassen, um zurück nach Peking zu gehen, bittet der Held des Romans die Steppe um Verzeihung: „Vergib uns unsere Unwissenheit, unseren Enthusiasmus und unsere Unbarmherzigkeit.“ Als Ausdruck seiner widersprüchlichen Gefühlswelt bekennt er, „das Grasland immer noch zu lieben, immer noch an ihm zu hängen.“ Im Gegensatz zur „erfolgreichen Umerziehung von Intellektuellen zu Revolutionären“, wie sie Yang Mo in ihrem Roman
Lied der Jugend thematisiert, erzählt Lao Gui die Geschichte einer „gescheiterten Jugend“.
Liang Xiaosheng (梁晓声):
"Bekenntnisse eines Rotgardisten"
Liang Xiaosheng (梁晓声), geboren 1949, schloss sich 1968 dem Produktions- und Aufbaukorps der Provinz Heilongjiang an. Nach der Kulturrevolution wurde er vor allem als Autor bekannt, der über die „Gebildete Jugend“ schrieb. In seiner Erzählung
Dies ist ein magischer Fleck Erde (1982) und seinem Kurzroman
Schneesturm heut Nacht (1983) schildert er das harte Leben im mandschurischen Grenzgebiet in einem lyrischen und heroischen Tonfall und offenbart die eindeutige Absicht, die Werte der „Gebildeten Jugend“ zu verteidigen: Egal wie hoch der Preis und wie absurd das Ende ist, so hatte der „Prozess“ doch seinen Sinn. Tatsächlich steht dahinter eben jene Haltung einer „Jugend ohne Reue“, die auch bei Shi Tiesheng durchscheint. Liangs 1988 veröffentlichter Roman
Bekenntnisse eines Rotgardisten enthält kaum fiktive Elemente. Er schildert, wie sich der von klein auf von der kommunistischen Ideologie geprägte Held der Geschichte als Mittelschüler zu Anfang der Kulturrevolution den Roten Garden anschließt und an deren ausufernden bewaffneten Straßenschlachten teilnimmt. „Ich war ein Rotgardist und ich empfinde keine Reue“, mit diesem Satz beginnt das Buch. Aber andererseits mag dieses Statement auch zum Ausdruck bringen, dass im Kontext einer von der Kulturrevolution traumatisierten Gesellschaft die Frage der „Reue“ die Autoren und vielleicht auch die Generation der Rotgardisten in ein Dilemma stürzte.
Zhang Chengzhi (张承志):
"Goldenes Weideland"
Als die Kulturrevolution ausbrach, besuchte Zhang Chengzhi (张承志, geboren 1948) eine berühmte, der Eliteuniversität Tsinghua angegliederte Mittelschule in Peking. Er war es, der die Roten Garden ins Leben rief und ihnen ihren Namen gab, bevor er sich 1968 einer Landkommune in der Inneren Mongolei anschloss. Unter den literarischen Arbeiten über Rotgardisten und „Gebildete Jugendliche“ zeichnet sich sein Roman
Goldenes Weideland durch die komplexeste Struktur sowie eine vergleichsweise anspruchsvolle Sprache aus. In zwei Erzählsträngen wird geschildert, wie der Romanheld, der Züge des Autors trägt, während der Kulturrevolution als Rotgardist den Langen Marsch nachwandert und wie er als „Gebildeter Jugendlicher“ in einer Landkommune der innermongolischen Steppe lebt. Dabei wird nicht ausgespart, wie der Ich-Erzähler während der „Ära der Roten Garden“ Leute im Namen der Revolution schlug. Auch wenn die Schilderung der psychischen Vorgänge moralische Zweifel offenbart, sieht der Autor – betrachtet man das Buch in seiner Gesamtheit – die Rotgardisten-Bewegung im Kontext der internationalen linken Jugendkultur der 1960er Jahre. Er deutet an, dass die Bewegung, wenn sie auch in manchem zu weit gegangen sei, in ihrem geistigen Kern – der Rebellion gegen eine überkommene Ordnung – sowie in ihrem Idealismus nichtsdestotrotz einen Wert hatte. Dieser anfechtbare Standpunkt verleiht den Schilderungen der Kulturrevolution aus der Perspektive der Roten Garden und der „Gebildeten Jugendlichen“ aber auch eine spekulative Spannung.
Genannte Literatur:
Shi Tiesheng (史铁生): Mein fernes Dorf Qingpingwan, 1983
Lao Gui (老鬼): Blutrote Dämmerung, 1987
Liang Xiaosheng (梁晓声): Dies ist ein magischer Fleck Erde, (1982) und Schneesturm heut Nacht (1983), Bekenntnisse eines Rotgardisten, 1988
Zhang Chengzhi (张承志): Goldenes Weideland
Zu
Teil 1: Rückbesinnung oder Vergessen? Die Kulturrevolution aus der Perspektive der Kader und der intellektuellen „Rechtsabweichler“
Teil 3: Parabeln des Bizarren und Absurden - Die Kulturrevolution in der Literatur der AvantgardeZurück zum
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Text: Dr. Leng Shuang
Dozent an der Minzu University of China
Übersetzung: Julia Buddeberg
September 2009