Kulturelles Gedächtnis

Deutsches Gegenwartstheater: Die Vergangenheit in Bruchstücken

Szene aus Vorsicht, Schusswaffen, Foto: David Graeter
Szene aus Vorsicht, Schusswaffen, Foto: David Graeter

Erinnerungskultur im deutschen Theater ist kein Phänomen neuerer Regie- und Autorenbestrebungen. Die meisten Stücke Friedrich Schillers etwa, der bis heute als bedeutendster deutscher Dramatiker gilt, basieren auf historischen Stoffen. Das ist nicht verwunderlich, war doch der Autor von Maria Stuart, Don Karlos und Wallenstein Historiker. Als solcher war ihm bewusst, dass dem Theater nicht nur sittliche und ästhetische Bedeutung zukommt, wie er es 1784 in seiner Mannheimer Rede Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet ausdrückte, sondern auch gesellschaftspolitische Funktion.

Friedrich Schiller © Bundesbildstelle
Friedrich Schiller - Gemälde von
L. von Simanowitz © Bundesbildstelle

"Unmöglich kann ich hier den großen Einfluss übergehen, den eine gute stehende Bühne auf den Geist der Nation haben würde", heißt es da. Zu einem Zeitpunkt übrigens, als Deutschland noch nicht Nation geworden war und noch keine nationalen Mythen ausgebildet hatte. Also spiegelte Schiller die großen Fragen seiner Zeit an historischen Stoffen, gleich, wo sie spielten. Mit dem Werden der Nation aber und ihrer nun gemeinsam erlebten, teils unheilvollen Geschichte wuchsen auch das Bedürfnis und die Bereitschaft für eine Kultur des Erinnerns im Theater. Am deutlichsten ist das wohl in den 1960er-Jahren beim Thema Nationalsozialismus zu beobachten. Das Theater näherte sich ihm unter anderem mit einer dokumentarischen Arbeitsweise wie in Rolf Hochhuths Der Stellvertreter (1963) oder in Peter Weiss' Die Ermittlung (1965) an.

Fiktiv gewordene Geschichte

Etwa seit Ende der 90er-Jahre bedienen sich Theatermacher wieder häufiger eines dokumentarischen Zugangs, um Mythen- und Legendenbildung auf die Spur zu kommen. "Die von der RAF selbst betriebene Mythenbildung und die Instrumentalisierung dieser Mythen haben ebenso wie eine jahrelange Tabuisierung dazu beigetragen, dass heute das Geschehen von 1977 als eine unwirkliche Fiktion erscheint", beschrieb es Jörg Bochow, Chefdramaturg des Schauspiels Stuttgart, als dort im Herbst 2007 die Projektwochen Endstation Stammheim stattfanden. Nach 40 respektive 30 Jahren entdeckte das Theater hier die miteinander verknüpften Mythen "1968" und "Deutscher Herbst" (1977) wieder. Immerhin hat das Stuttgarter Schauspiel die JVA Stammheim vor der Haustür, in deren Hochsicherheitstrakt RAF-Terroristen einsaßen. Und immerhin hatte der damalige Intendant Claus Peymann intern einen Spendenaufruf für die Zahnbehandlung von RAF-Terroristen aushängen lassen und galt fortan als Sympathisant.

 Szene aus ‚Peymannbeschimpfung‘ mit Rolf Otto, Foto: David Graeter
Szene aus "Peymannbeschimpfung"
mit Rolf Otto, Foto: David Graeter

Als 2007 Endstation Stammheim mit Lesungen, Gastspielen und Eigenproduktionen über die Bühne ging, war gerade eine heftige Debatte um die Begnadigung Christian Klars entbrannt. Das Theater traf also mit seinem Thema durchaus einen Nerv der Zeit. Peymannbeschimpfung nannte beispielsweise die Gruppe Rimini Protokoll ihre szenische Lesung, in der es um Protestbriefe aus dem Jahr 1977 an Peymann ging. Dargeboten wurde dies, wie üblich bei Rimini Protokoll, von "Experten des Alltags", unter anderem von Mitgliedern des Turnvereins Stammheim. Hans-Werner Kroesinger wiederum arbeitete unter dem Titel Vorsicht, Schusswaffen! Tonbandprotokolle von Verhandlungen in Stammheim auf. Und auch die ironisch-satirische Revue fand ihren Platz, nämlich mit Harald Schmidts Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen. 13-mal hat Schmidt angeblich als Schauspielschüler 1977 einen Elvis-Abend des Schauspiels besucht. Nun stellte er zusammen mit singenden Schauspielern Bezüge zum damals beherrschenden RAF-Thema her und persiflierte sogar die Ästhetik der Kollegen von Rimini-Protokoll. Die vielleicht wichtigste Funktion des Theaters machen diese drei Projektwochen deutlich: dass es fiktiv gewordene Geschichte – durchaus selbstkritisch – in ihre Bestandteile zerlegen und darin Wirklichkeit erkennen kann.

Erlösung von der Vergangenheit

Ähnliches gelang Elfriede Jelinek mit ihrem Stück Ulrike Maria Stuart, das im Oktober 2006 von Nicolas Stemann am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt wurde und in der Regie von Jossi Wieler im März 2007 an den Münchner Kammerspielen herauskam. Über das Dokumentarische weist Jelineks Stück weit hinaus, schon indem sie die beiden Königinnen aus Schillers Maria Stuart und deren Kampf um politische Entwürfe, Macht und Männer auf die Terroristinnen Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof projiziert. Jelinek zeigt eine Gesellschaft beim Versuch, sich von der Vergangenheit zu erlösen und über den Verlust von Gewissheiten und Utopien hinwegzutrösten. Stemann machte daraus eine grelle, illusionslose Show, die mit Wasserbeutelwerfen und Farbenschmieren dem Thema den letzten Rest Pathos nahm. Wieler wiederum inszenierte ein Psychogramm der bürgerlichen Familie – mit RAF-Sympathisanten und -kritikern als Großeltern sowie Enkeln, denen die linksextremistische Elterngeneration mangels Alternativen zum Feindbild wurde. Nebenbei erzählten die Figuren "von der Unmöglichkeit einer auch nur halbwegs objektiven Geschichtsschreibung", sagt Sonja Anders, zum Zeitpunkt der Uraufführung Chefdramaturgin am Thalia Theater, über Jelineks Stück.

Was also ist dieses Erinnern im Theater wert? Mindestens die Erkenntnis, dass Wirklichkeit nur unvollständig rekonstruierbar ist und das Bewusstsein darüber, wie Mythen entstehen und zerfallen. Nicht zuletzt hat sich damit aber auch das Theater einmal mehr seiner selbst und seiner aufklärerischen Möglichkeiten vergewissert.
Text: Christine Diller
Kulturjournalistin, München
November 2009
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