Historische Stoffe im deutschen Kino und Fernsehen


Filmszene aus „Mein Führer" mit Helge Schneider als Adolf Hitler © Constantin Film Verleih GmbH
Die regelmäßigen Geschichtsstunden über „Hitlers Helfer“ im ZDF zeigten bereits ab 1995, dass man mit historischen Stoffen ein großes Publikum gewinnen kann, gerade was jene jahrzehntelang unzureichend aufgearbeitete Epoche betrifft. Die Machart der Reihe lehnte sich in ihrer Mischung aus Spiel- und Dokumentarszenen an britische und amerikanische Geschichts-Dokus an. Hier wie dort wird bewusst auf emotionale Effekte abgezielt. Auf ähnliche Weise funktionieren deutsche Kino- und Fernsehfilm-Stoffe der jüngsten Zeit. Ob sie authentische Geschichten nacherzählen oder fiktive, ist dabei kaum von Belang. Diese Grenzen sind, ebenso wie im Dokumentarfilm, fließend geworden. „Überall wird arrangiert“, so Michael André, Redakteur und Dramaturg beim WDR.
Geschichte im Film
Was Filmstoffe zum „Dritten Reich“ angeht, konnten im Kino etwa Nirgendwo in Afrika und Rosenstraße nationale und internationale Erfolge verzeichnen, ersterer die Verfilmung einer Autobiografie, letzterer die Illustrierung wahrer Vorfälle. Beide Filme setzen, so wie die meisten zum Thema, massiv auf das Strickmuster des Melodrams, um das Publikum für sich zu gewinnen. Darin sieht André eine ernste Gefahr für die Aufarbeitung von Geschichte. Zu beobachten sei, so schreibt er in einem Beitrag für die Zeitschrift „Freitag“, „dass es „immer die gleichen Dreiecksgeschichten sind, die hier vor veränderter historischer Kulisse erzählt werden“.
Auch Der Untergang basiert auf den Aufzeichnungen wahrer Begebenheiten, diesmal in und um den „Führerbunker“ am Ende des Zweiten Weltkrieges. Dieser Film setzte sich eher der Gefahr aus, das Geschehen zu banalisieren, indem er dem Bösen in Gestalt der NS-Führungsriege ein allzu menschliches Antlitz verleiht. Anders, mit komödiantischen Mitteln, gingen etwa Goodbye, Lenin! und Das Leben der Anderen vor, die sich beide mit den Zuständen in der DDR befassen und ebenfalls sehr erfolgreich waren.

Filmszene aus „Der Vorleser“ mit Kate Winslet und David Kross © Constantin Film Verleih GmbH
Zurzeit sieht Tom Spieß, Produzent und Geschäftsführer von Little Shark Entertainment, im Kino allerdings kaum noch eine Chance für deutsche Geschichte: „Die Genres sind durchdekliniert und die großen Themen abgearbeitet.“ Für alle historischen Stoffe gelte heute: „Wenn kein erfolgreicher Roman zugrunde liegt, wird es schwierig.“ Zu den aktuellen Romanverfilmungen zählen etwa Der Vorleser, eine deutsch-amerikanische Koproduktion nach dem Buch von Bernhard Schlink, oder die geplante Filmfassung des Bestsellers Die Päpstin. Eine Ausnahme von dieser Regel bilden laut Spieß Komödien wie etwa Dani Levys Mein Führer, eine Groteske, die Hitler der Lächerlichkeit preisgibt, oder „Actionfiguren der jüngeren Vergangenheit“ wie die RAF in Uli Edels Der Baader-Meinhof-Komplex. Tatsächlich hat das Interesse des deutschen Publikums an der eigenen Geschichte im Kino jüngst wieder abgenommen. So waren Anfang 2009 die Besucherzahlen ambitionierter Projekte wie Anonyma (über Vergewaltigungen durch sowjetische Besatzer im Nachkriegsdeutschland), Hilde (über Hildegard Knef) oder John Rabe (über einen deutschen Industriellen, der Chinesen vor japanischen Truppen rettete) sehr enttäuschend. Eine gewisse Schere im Kopf der Filmemacher ist offenbar nicht unschuldig an dieser Ermüdung: „Das Dogma, zunächst die Kollektivschuld der Deutschen zu benennen und dann Geschichte erzählen zu dürfen, ist erst jetzt überwunden“, so Spieß, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie ist, die den Deutschen Filmpreis vergibt. „Heute muss es einfach publikumswirksam sein.“

Filmszene aus „Der Baader Meinhof Komplex“ © 2008 Constantin Film Verleih GmbH; DVD im Handel
Geschichte im Fernsehen
Ähnlich ist die Situation im Fernsehen. Eine Zeitlang investierten private wie öffentlich-rechtliche Sender viel in aufwändige historische Produktionen. Der Tunnel etwa befasste sich mit einem Fluchtversuch aus der DDR, Die Luftbrücke mit der Einkesselung West-Berlins durch die Sowjets, Dresden mit der Zerstörung der Stadt durch die West-Alliierten und Das Wunder von Lengede mit einem Bergwerksunglück in den 1960er-Jahren. Auch diese Filme arbeiten mit den Mustern des Melodrams, gepaart mit denen des Katastrophenfilms der 1970er-Jahre. Aufgrund dieses Trends gelten deutsche Produzenten zurzeit international als „Masters of Disaster“. Jüngstes Beispiel ist Hindenburg, eine Großproduktion über die Luftfahrtkatastrophe des letzten Zeppelins. Wesentlich geht es bei diesen Produktionen um Einschaltquoten und Auslandsverkäufe. Die Erfolge geben den Produzenten Recht: „Gerade im anglo-amerikanischen Bereich laufen diese Filme sehr erfolgreich“, sagt Ulrich Spies, seit 1981 Leiter des Referats Grimme-Preis am Marler Grimme-Institut.
Erfolge der öffentlich-rechtlichen ARD waren etwa Die Mauer über die Tage der Teilung Deutschlands sowie die Zweiteiler Contergan – Eine einzige Tablette über den Medizinskandal der späten 1950er-Jahre und Die Flucht, der erstmals das noch weitgehend tabuisierte Thema der Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen umsetzte. Alle drei nutzen als Aufhänger tragische Familiengeschichten.
Ihr Erfolg erkläre sich daraus, so Michael André im Gespräch, dass sie eine verbreitete Sehnsucht nach Überschaubarkeit und Sinnhaftigkeit von persönlichem Handeln bedienten: „In einer Gegenwart, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zunehmend verschwinden, wirkt der Rekurs auf Geschichte beruhigend.“ Geschichte sei nicht bezweifelbar und biete daher feste Anhaltspunkte, vor allem moralische.
Besonders deutlich funktionierte dieses Prinzip in den „Living History“-Formaten, bei denen man Kandidaten in historische Szenerien schickte. Klare Verhältnisse herrschten auch hier: Der Mensch stemmt sich gegen die Naturgewalten, gegen die Tücken althergebrachter Objekte, gegen die Auflagen überkommener Kulturen.
Dieser Trend ist inzwischen vorbei. Aber auch die Tendenz, geschichtliche Ereignisse für Melodramen zu verwenden, ist nach Ansicht von Ulrich Spies wieder abgeebbt. Stattdessen sieht Spies, was die Aufarbeitung von Geschichte angeht, zurzeit eine geradezu zwanghafte „Orientierung an Jahresdaten“, und zwar „doppelt und dreifach“, etwa an 40 Jahren 68er-Revolte oder 20 Jahren Mauerfall. Spiel- wie Dokumentarfilme orientierten sich sklavisch an derartigen Jubiläen. Auch Tom Spieß beklagt, dass das Publikum offenbar nur noch mit Hilfe solcher „Aufmerksamkeitszyklen“ anvisiert werde. Dabei sehen beide Fachleute gerade für einzelne historische Dokumentationen, wenn sie gut gemacht sind, immer eine Chance im Programm. Auch was zeitgenössische Themen angeht, die sich für künftige Filmproduktionen eignen, da sie bisher vernachlässigt werden, stimmen beide überein: Migration und Integration.
Text: Oliver Rahayel
Kulturjournalist, Bonn
Oktober 2009
Kulturjournalist, Bonn
Oktober 2009









