Die Gnade der Jugend – Erinnerungen an die 70er Jahre Teil 6

Chang’an Straße, Peking, April 1976, Foto: Martin Kummer
In der Weite, Kargheit und der Tristesse der siebziger Jahre hätte sich niemand träumen lassen, welchen Weg China noch vor sich haben sollte. Nie zuvor war die Politik so wankelmütig gewesen wie nach 1949, bis in die siebziger Jahre war es ein permanentes Auf und Ab.
1969 begann man, die Jugend scharenweise in alle Provinzen aufs Land abzukommandieren. Auf den Listen der sogenannten „Kaderschulen“ standen auch die zu jener Zeit wichtigen Literaten und Künstler der Nation. Nachdem der Befehl zur Landverschickung bereits seit einem Jahr verkündet war, wurden Millionen Mittelschüler der „drei alten Jahrgänge“ (laosanjie), welche eigentlich in den Jahren 1966-69 von der Schule hätten abgehen sollen, zu fünfzig Prozent in die Grenzregionen verbannt. Der Anteil des 69er Jahrgangs, zu dem ich gehörte, wurde jedoch von Zhang Chunqiao (张春桥), dem amtierenden Generalsekretär des Stadtparteikomitees von Shanghai, als „hundertprozentig“ eingestuft.
1970 wurden ich zusammen mit tausenden Mittelschülern der Unterstufe nach Süd-Jiangxi und Nord-Anhui, nach Yunnan und Heilongjiang verbannt. Im März wurde mein hukou annulliert und Anfang April verließ ich in einem der vollgestopften Sonderzüge – umgeben von lautem Weinen und Klagen – Shanghai.

Mao Zedong: “Alle Intellektuellen, die zum Arbeiten aufs Land gehen, sollen dies mit Enthusiasmus tun. Das Land ist eine riesige Welt, in der die Intellektuellen eine wichtige Rolle spielen können.“
Foto: He Shiyao, Quelle: China im Bild NR. 277, ca. 1970
Foto: He Shiyao, Quelle: China im Bild NR. 277, ca. 1970
1971, als der Große Vorsitzende Mao seinen Spezialzug nahe der Stadt Nanchang in der Provinz Jiangxi zum Halten brachte, um die Sekretäre des Provinzparteikomitees in sein Abteil zu geheimen Gesprächen vorzuladen, lernte ich gerade tief in den Bergen, an eben dem Ort, an dem sich einst Mao mit der Roten Armee eingenistet hatte, Brennholz zu schlagen und zu kochen, und erkannte, dass ich mein Leben für immer auf dem Land zubringen würde. Im September verunglückte Lin Biao tödlich.
Unter einem Moskitonetz liegend hörte ich Anfang 1972, dass die Amerikaner gekommen waren. Die Lage entspannte sich, so dass ab Mai auf Anweisung Jiang Qings (江青), der Ehefrau Maos, wieder Gesang- und Tanzaufführungen sowie nationale Kunstausstellungen stattfanden – noch im selben Jahr bekam das chinesische Volk durch die Besuche der chinesischen „Ping-Pong-Delegationen“ in vier amerikanischen Staaten erstmals westliche Wolkenkratzer und die Kulisse der Zweiten Moderne zu Gesicht.
Da 1973 das Verlagswesen in den einzelnen Provinzen allmählich wieder auflebte, hatte ich das Glück, vom Verlag der Provinz Jiangxi vorübergehend „entliehen“ zu werden, um Bildergeschichten zu zeichnen. So konnte ich die Gebirgstäler hinter mir lassen und kam in die Provinzhauptstadt Nanchang. Im selben Jahr verstarben im besten Alter zwei Koryphäen der Zentralen Kunstakademie: Dong Xiwen (董希文), der Die Gründungszeremonie der Nation (开国大典) malerisch eingefangen hatte und intern als Rechtsabweichler abgestempelt worden war, sowie Wang Shikou (王式廓), der in Yan`an zu einem Maler der Revolution geworden war und die Bodenreform in Bildern festgehalten hatte.
1974 wurde mir mitgeteilt, ich müsse doch wieder aufs Land zurück; Deng Xiaoping (邓小平) wurde auf eine Reise in die Jinggan-Berge, den Geburtsort der chinesischen Roten Armee, geschickt, um dort der Revolution zu gedenken – dies bedeutete, dass seine Rehabilitierung kurz bevorstand. Ende des Jahres verkündete Zhou Enlai auf dem Vierten Nationalen Volkskongress mutig die Durchführung der „Vier Modernisierungen“ (der Industrie, der Landwirtschaft, der Verteidigung sowie von Wissenschaft und Technik). In jenem Jahr – eben zu der Zeit, als die Italiener die Erlaubnis bekamen, Antonionis China zu drehen – machte ich mich ohne Zugfahrkarte nach Peking auf, um mir eine nationale Kunstausstellung anzusehen. Ich fand die Hauptstadt weiträumig und still, sie verströmte die Aura des alten China.
1975 setzte die Politik Deng Xiaopings ein. Sie bewirkte eine gewisse Entspannung sowie die Entschärfung der Politik der Verschickung „Gebildeter Jugendlicher“ in ländliche Gebiete und Fabriken. Für mich persönlich bedeutete das, dass ich in die Nähe von Shanghai in das nördliche Jiangsu verlegt wurde. Die Stadt Nanjing lag nun gleich am gegenüberliegenden Yangtze-Ufer.

Peking, Platz des Himmlischen Friedens, April 1976, Foto: Martin Kummer
Im Januar 1976 starb Zhou Enlai. Im März musste Deng Xiaoping erneut von der politischen Bühne abtreten, und im April kam es erst in Nanjing, und dann bei dem sogenannten „Tian'anmen-Zwischenfall“ (5. April 1976) in Peking zu Unruhen in der Bevölkerung.
Ich war Augenzeuge, wie in Nanjing, „der Stadt der goldenen Hügel“, hunderttausende Arbeiter den Tod Zhou Enlais zum Anlass nahmen, auf die Straße zu gehen und zu protestieren. In den Straßen stapelten sich die Trauerkränze bis in den Himmel. Die Stadt Tangshan wurde im Sommer von einem Erdbeben erschüttert. Im September – und hier sind wir wieder bei der Eingangszene meines Textes – verstarb der Vorsitzende Mao. Unmittelbar darauf kam Hua Guofeng (华国锋) ans Ruder, und im Oktober verhaftete man die „Viererbande“, der man die Auswüchse der Kulturrevolution anlastete.
Kurz nachdem ich im Jahr 1977 nach Nord-Jiangsu zurückgekehrt war, fanden erstmals wieder Aufnahmeprüfungen für die Universitäten statt. Die Tian'anmen-Unruhen vom 5. April 1976 wurden von der Zentralregierung neu beurteilt, und es gab Hoffnung darauf, dass die unzähligen Justizirrtümer, die sich über die Jahre angesammelt hatten, nun wieder zurechtgerückt würden: Nachdem Mao endlich gegangen war, gab noch im selben Jahr ein Dokument der Zentralregierung den Startschuss für die Revision von Millionen alter Fälle von der Kulturrevolution bis zurück zur „Anti-Rechts-Kampagne“ von 1957.
Im Herbst 1978 konnte ich mein Studium in Peking aufnehmen. Im Spätherbst heftete ein Bürger den ersten politischen Kommentar an die „Mauer der Demokratie“ in der Xidan-Straße; man forderte die Rückkehr Deng Xiaopings auf die politische Bühne. Anfang des Winters verkündete der Staat auf der dritten Plenartagung des 11. Zentralkomitees den Abschied von den Politkampagnen und zum Jahresende nahmen die USA und China offizielle diplomatische Beziehungen auf. Wenig später wurde die Filmaufnahmen von Deng Xiaopings Amerika-Besuch öffentlich ausgestrahlt. Die Chinesen bekamen das Weiße Haus und Manhattan zu sehen und hörten die rockig angehauchten Country-Songs von John Denver.

Deng Xiaoping und Jimmy Carter in Washington, Januar 1979
© www.icpress.cn
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Im Frühjahr des Jahres 1979 brach der Krieg zwischen China und Vietnam aus. Die „Mauer der Demokratie“ wurde geschlossen. Die junge Parteigenossin Zhang Zhixin (张志新), der man gegen Ende der Kulturrevolution vor der offiziellen Exekution vorsorglich die Stimmbänder durchgeschnitten hatte, wurde plötzlich zu einer gefeierten Person. Die Nationalgalerie in Peking gab ihr zu Ehren eine Sonderausstellung, eine Gedenkfeier wurde allerdings nicht zugelassen und die Bildergeschichten über ihr Schicksal durften ebenfalls nicht erscheinen. Anfang Herbst wurde das Debüt der oppositionellen Pekinger Künstlergruppe „Sterne“ von offizieller Seite blockiert, worauf die Künstler demonstrierend durch die Straßen zogen.
Die Gnade der Jugend – Erinnerungen an die 70er Jahre Teil 7
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Text: Chen Danqing (陈丹青)
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juli 2009
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juli 2009









