Die Gnade der Jugend – Erinnerungen an die 70er Jahre Teil 5


Chang’an Straße, Peking, April 1976, Foto: Martin Kummer
Mein altes Zuhause in Shanghai steht längst nicht mehr. Will man die letzten Bilder der engen Gässchen zwischen den steinernen Shikumen-Häusern vor ihrem Verfall mit der Kamera festhalten, stößt man an jeder Straßenecke auf eingebrochene Wände oder Mauerreste. Ich wandere zwischen ihnen umher und bleibe immer wieder wie angerührt stehen, weil ich das Haus irgendeines alten Schulkameraden aus den siebziger Jahren zu erkennen glaube.
Die schäbigen Räume liegen einsam und verlassen, die Dächer fehlen und überall liegt alter Hausrat verstreut. Eigentlich hatte das Schicksal die Zerstörung dieser nun menschenleeren Behausungen nicht vorgesehen. Aber seit den fünfziger Jahren, als die unzähligen Privatwohnungen verstaatlicht und umgestaltet wurden, hatten sie über mehrere Generationen Bewohner ertragen müssen, die keinerlei Besitzrecht an ihnen hatten. So haben sie Expansion, Boom und Verfall erlebt und schließlich ihre Würde verloren. In den Trümmerhaufen trete ich auf das ein oder andere Familienfoto eines Hausbewohners. So beschädigt, verschmutzt und staubig sie sind, ist in ihnen doch noch ein schwacher Glanz erhalten: die Schwarz-Weiß-Fotos wurden überwiegend zwischen den fünfziger und siebziger Jahren aufgenommen. Eltern aus der Republikzeit und ihre nach der Befreiung geborenen Kinder neigen sich einander zu, mit ihren roten Halstüchern und der roten Mao-Bibel, glücklich und ahnungslos; Die Farbfotos reichen von den achtziger Jahren bis heute, dieselben Familien, sie sind erwachsen geworden, oder alt, tragen Lippenstift, Dauerwellen, billige westliche Anzüge und modische Kleider. Sie wirken noch ahnungsloser und glücklich.

Shanghai, Häuser im Abriss, 2008, Foto: ML
Eine Handvoll älterer Leute in meinem Alter streift ebenfalls durch die Ruinen, ganz offensichtlich ehemalige Bewohner. In den siebziger Jahren standen sie also gerade in der Blüte ihrer Jugend, gingen in der Nähe zur Schule und spielten hier. Sie wuchsen heran, arbeiteten in Fabriken oder auf dem Land, gründeten in den achtziger Jahren eine Familie und machten Karriere. Bis die Häuser abgerissen wurden und sie wegzogen. Wie in einer mittelmäßigen Tragödie, bei der man manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll, wohnen sie nun als Entschädigung für die Vertreibung in den neuen Apartments am Stadtrand. Wer wäre vor dreißig Jahren, als wir auf die Dächer kletterten und ausgelassen und arglos im Wind standen, auf den Gedanken gekommen, dass diese Schuppenhaut aus Ziegeln über den sich ewig dahinstreckenden Gässchen einmal in Trümmern liegen würde. Noch viel weniger hätte man vermutet, dass es einem im Alter bestimmt sein sollte, ein Apartment zu beziehen – inklusive Gasheizung, Kühlschrank, Farbfernseher, fließendem heißen und kalten Wasser und einem Wasserklosett - ein Bürger der siebziger Jahre besaß nichts von alledem. Und weil es das alles nicht gab, war vieles ganz anders: die fettigen Töpfe und Teller wurden nach dem chinesischen Silvesteressen mit eiskaltem Wasser abgespült; im Winter heizte man frühmorgens bibbernd den kleinen Kohleofen ein und beobachtete, wie sich die Flammen im Ofen allmählich blau färbten. Wenn der Jauchewagen zu den Latrinen, die Tür an Tür zu den Wohnungen lagen, kam, flirteten die Frauen mit den Fahrern. Es ist ewig her, dass ich meine Kleidung eigenhändig gewaschen habe. Jedes Teil wurde auf eine Bambusstange gespannt und zum Trocknen raus gehängt. Meine nach New York ausgewanderte Mutter will sich bis heute nicht von der alten Gewohnheit trennen, von Hand zu waschen. Nur den Wasserbottich muss sie sich nicht mehr mit den Nachbarn teilen.
Das Leben vor der Moderne war keineswegs die Hölle, manchmal war es vielleicht sogar ein Paradies. Es gab kein Fernsehen, dafür lauschten die Kleinen in den fünfziger Jahren im Rundfunk dem gütigen Großvater Sun Jingxiu (孙敬修), bis er in den siebziger Jahren von der Bildfläche verschwand. Die armen Familien besaßen kein Radiogerät, aber der Onkel mit dem Holzkarren, der in der Nachbargasse wohnte, erzählte oft vor dem Hauseingang mit bewegender Stimme aus der Bruderschaft im Pfirsichgarten . Wer wagte es in der 70ern noch, solche alten Geschichten zu erzählen. Heutzutage sieht man sie auf der Straße nicht mehr, die Menschen, die allerorts in Grüppchen den kühlenden Schatten aufsuchten, schulterfrei und mit entblößten Beinen, zwanglos und ungeniert. Allerdings hörte man immer wieder davon, dass junge Revolutionärinnen, die im Freien schliefen, zu später Stunde die nachtfeuchten Hosen aufgeschnitten wurden. Für den Sittenstrolch endete das natürlich mit Verhaftung und Genickschuss.
Zu Beginn der Kulturrevolution spielten sich nächtens in jeder Gasse Tragödien ab: in diesem oder jenem Haushalt wurde bei offenen Fenstern und Türen in einem fort gestritten. Die Nachbarn lauschten mit angehaltenem Atem: Schimpfen, Brüllen, lautes Schluchzen, Protestieren; schwerer Hausrat flog nach und nach aus dem Fenster und ging mit lautem Krachen zu Bruch; die Geräusche der Handgreiflichkeiten ließen einem das Blut in den Adern gefrieren. Fast täglich hörte man, dass in irgendeiner Familie jemand verschwunden war oder sich das Leben genommen hatte: erhängt, die Pulsadern aufgeschnitten oder den Gashahn aufgedreht. Eine ältere Dame kletterte plötzlich aufs Dach, suchte, auf allen Vieren krabbelnd, das Dachgeschoss der Familie, von der sie gedemütigt worden war, und stürzte sich hinunter. Der am Leben gebliebene Sünder lief mit gesenktem Kopf herum, über und über besudelt mit dem Speichel der Nachbarn. Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie die Mutter von gegenüber, die immer einen Qipao trug, vor allen Leuten den Verstand verlor. Leise summend schlurfte sie mit langen Schritten, wobei sie die ausgestreckten Arme langsam wie Flügel bewegte, auf ihrem Gesicht ein irres, beängstigendes Lächeln.
Ja, ich muss mir nur die Überreste der Wohnungen aus den siebziger Jahren anschauen, schon fällt mir wieder ein, welche Geschichte sich hinter welchem Tor abgespielt hat. Die Erinnerungen aber sollen zertrümmert werden. Das gegenwärtige Wunder von Peking und Shanghai liegt, abgesehen von dem vulgären Luxus, den unsere Partei uns beschert, darin, dass alles so aussieht, als wäre hier niemals irgendetwas vorgefallen.
Die Geschichte ist von den Plätzen verschwunden, an denen sie sich einmal abgespielt hat. Vor meinem inneren Auge sehe ich oft das abendliche Shanghai der siebziger Jahre. Wenn in der Abenddämmerung die Lichter angingen, saßen die Familien mit erloschener Hoffnung im Schein von fünfzehn bis zwanzig Glühlämpchen beim gemeinsamen Essen, behaglich, doch trostlos. Die Ausschreitungen der ausgehenden sechziger Jahre waren bereits abgeebbt. Die siebziger Jahre erschienen wie ein zerschlagenes Gesicht, das verheilt und allmählich wieder Farbe bekommt. In den Parks wimmelte es von Menschen. Modebewusste Männer und Frauen begannen unauffällig, wieder etwas weniger Kleidung zu tragen. Die Kinos, die jahrelang geschlossen gewesen waren, zeigten wieder einige Revolutionsfilme. Aus einer Dachkammer oder einem Hof konnte man das Spiel einer Geige hören, und in aller Stille fanden wieder sportliche Wettkämpfe statt. Tischtennis war früher schon populär gewesen, nun war es auf einmal groß in Mode – die China-Besuche von Kissinger und Nixon 1972 läuteten eine Wende ein. Der amerikanische Einfluss hielt unaufhaltsam seinen Einzug. Die nördliche Maoming-Straße, in der sich meine Grundschule befand, lief direkt auf das Jinjiang-Hotel zu. Hier wurde das „Shanghai-Kommuniqué“ unterzeichnet, und so bekamen alle am Weg liegenden Haushalte strenge Auflagen, nicht einmal Wäsche zum Trocknen durfte aus dem Fenster hängen. Die Straßenmärkte, an denen die Staatsgäste vorbeikommen sollten, waren vorübergehend üppig mit Waren bestückt. Schweine und Hühner, die es eigentlich erst zum Frühlingsfest geben sollte, lagen dicht aufgestapelt und am ganzen Leib vereist. Man durfte sie anschauen, verkauft wurden sie nicht. Sobald die Amerikaner weg waren, wurden sie noch in der Nacht wieder abgeholt. Das große Spektakel der Olympischen Spiele in Beijing 2008 hatte bereits vor 36 Jahren eine brillante Generalprobe, nur der Wert der Requisiten sollte später viel verschwenderischer ausfallen.
Erinnerungsstütze: die Eisenbahn
Mit den Mitteln der Herrschaft und der Überwachung wird heute genauso wie in den siebziger Jahren ein ganz eigenes Kalkül verfolgt. Meinem Vater, der zum „Rechtsabweichler“ abgestempelt wurde, war es in den zehn Jahren der Kulturrevolution zum Frühlingsfest untersagt, vor die Tür zu gehen. Also schulterte er am Neujahrstag sein Fahrrad und trug es ins obere Stockwerk, um es dort in seine Einzelteile zu zerlegen und sorgfältig zu putzen – die „Fünf Elemente“ können heute als ausgerottet gelten. Wer heute reihenweise von den Kadern in Haft genommen wird, sind die permanent nachrückenden Bittsteller sowie die unkontrollierbaren Wanderarbeiter - zig Millionen. Als ich vor einigen Jahren mit dem Zug in den Norden fuhr, gab es am Zugende zwei Wagons, in denen Wanderarbeiter dicht an dicht saßen. Mir wurde erzählt, sie hätten keine Aufenthaltsgenehmigung gehabt und würden kollektiv zurückgeschickt. Der Jüngste unter ihnen war vielleicht dreizehn oder vierzehn, und auch die Wache stehenden Militärpolizisten hatten Gesichter wie Bauernbuben – In den neunziger Jahren drehte Huang Shuqin (黄蜀芹)aus Shanghai die Fernsehserie Sühne und Schuld. Am Anfang sieht man in ein düsteres, mit Passagieren vollgestopftes Zugabteil. Ein paar Kinder, von ihren Eltern, „Gebildeten Jugendlichen“, im Dorf zurückgelassen, springen als Schwarzfahrer auf den Zug auf. Sie wollen gen Norden reisen, um dort ihre Eltern zu suchen, werden aber erwischt und abgeführt. Die Kamera schweift aus dem Fenster in die schwarze Nacht, der Zug rattert und legt sich ächzend in die Kurve: In diesem Moment steht mir wieder das Vagabundenleben der siebziger Jahre vor Augen.

Kollektive Zwangspause auf dem Bahnsteig, 1967, Foto: Jiang Shaowu, Quelle: Sammelband Vergeudete Jahre
Bringt man heutzutage einen Reisenden zum Zug, findet man den Bahnsteig verwaist. Als ich 1992 das erste Mal wieder aus New York nach China zurückkam, ging mir etwas ab: Alle Fenster waren nun versiegelt und nur vereinzelt wurde jemand zum Zug begleitet, dafür stand an jeder Tür eine Schaffnerin. Das mag seine Richtigkeit haben, aber für einen alten „Gebildeten Jugendlichen“ wirkt es wie eine deplazierte Erinnerung: In den siebziger Jahren verabschiedete man sich am Bahnsteig immer erst in dem Augenblick, in dem sich der Zug schon lautlos in Bewegung setzte. Die Menschen brachen in lautes Schluchzen aus, immer wieder fassten sie sich durch die Zugfenster an Händen und Armen, während aus den Lautsprechern Revolutionslieder tönten. Filme geben das Leben am Bahnsteig vielleicht am besten wieder. Abgesehen von den Bildern dient vor allem das alternierende Geräusch der Zugräder als Gedächtnisstütze: als ich nach elfjähriger Trennung von meinem Vaterland das erste Mal mit dem Zug fuhr, wurde ich um sechs Uhr früh durch die Übertragung der Lautsprecher wach: Den Auftakt machte das von Nebengeräuschen knisternde Lied Der Osten ist rot, dann deklamierte der Sprecher: „Hier spricht der Zentrale Rundfunksender des Volkes“ – mit tragender Stimme, genauso wie früher, nur dass die so vertraute überzeichnete Betonung in mir eine fast schmerzliche Emotion auslöste: Das war kein Erinnern, es war eine sinnliche Erfahrung. Mir wurde klar, dass ich selbst immer noch in den Siebzigern gefangen war.
Die Eisenbahn durchzieht meine gesamten Erinnerungen an die siebziger Jahre: Während der Kulturrevolution durften die Leute nicht einfach an einen anderen Ort umsiedeln, und Reisen gab es auch nicht. Um loszuziehen oder zurückzukehren, brauchte man unbedingt eine offizielle Bescheinigung. Abgesehen von politisch oder wirtschaftlich motivierten Geschäftsreisen war es allein der millionenstarken Bevölkerungsgruppe „Gebildeter Jugendlicher“ erlaubt, das „Territorium des Vaterlandes“ kreuz und quer zu durchreisen: Durch ihren strahlenden revolutionären Status geadelt, hatten sie weder eine Wohnortregistrierung, noch gehörten sie einer staatlichen Arbeitseinheit an. Damals beneidete ich, tief in den Bergen, plötzlich diejenigen Ortschaften, die nahe einer Landstraße lagen. Man konnte ohne Ticket in einen Bus klettern und so dem Gebirge entkommen. Näherte man sich der Provinzhauptstadt, sah man Gleise, soweit das Auge reichte, und wurde von heftigem Heimweh überwältigt. Ein Großteil des elterlichen Haushaltsgeldes galt der Beschaffung von Fahrscheinen, aber es gab auch Kinder armer Leute, die mehrere Jahre nicht nach Hause fahren konnten. Auch die „Gebildeten Jugendlichen“ der Orte Ningdu und Ganzhou wurden aufs Land verschickt, und vermissten ihre Familien ebenso. Mit mir im Dorf harrten zwei fleißige und brave Brüder aus Ganzhou aus. Wer weiß, was bei ihnen zuhause vorgefallen war, auf jeden Fall schmiedete der Ältere der Brüder insgeheim Pläne, abzuhauen. Da er kein Geld hatte, wollte er sich als Saisonarbeiter verdingen und zu Fuß nach Hause laufen. Eines Tages sah ich, wie er sich, das Gepäck mit einer Stange geschultert, eiligen Schrittes vom Dorf entfernte. „Pass auf dich auf, Danqing. Du musst dir auch überlegen, wie du hier raus kommst!“, rief er mir von weitem zu, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. – In der Bergregion von Süd-Jiangxi stand alle vier, fünf Meilen ein gemauerter Pavillon aus der Ming- oder Qingzeit am Wegrand, an dem man Rast einlegen konnte, an den Wänden Überreste von Parolen aus der Zeit der Roten Armee bis hin zur Kulturrevolution. Weite und anstrengende Fußmärsche war ich längst aus den Bergen gewohnt, mit jedem Schritt wird man ruhiger und entschlossener. Das Gras steht hoch in den wilden Wegen. Eine Schlange! Von erschreckender Schönheit. Einen Augenblick waren ihre Pupillen auf mich gerichtet, dann glitt sie blitzschnell mit einem Zischen davon und hinterließ ein Nest sich windender Schlangenbabys.

Im Zug von Kanton nach Shenzhen, April 1976, Foto: Martin Kummer
In den siebziger Jahren gab es keine Nationalstraßen, keine Hochstraßen oder Autobahnen. Abgesehen von Fahrrädern besaß niemand ein eigenes Fahrzeug. Die Züge, Busse, LKWs und Traktoren gehörten allesamt dem Staat. Bis in die achtziger Jahre war ein „Chauffeur“ der Traummann vieler Frauen. Militärs, Häftlinge sowie die Herren aus dem Regierungsbezirk Zhongnanhai bildeten in den siebziger Jahren drei weitere, streng geheim gehaltene , mobile Bevölkerungsgruppen. Viele Jahre später habe ich aus ausländischen Büchern und Zeitschriften erfahren, dass Mao in den siebziger Jahren mehrmals auf Reisen ging: Mit einem Mal äußerte er den Wunsch, einen Zug bereitstellen zu lassen, dann änderte er auf dem Weg die Route und ließ plötzlich die örtlichen Provinzbeamten einen nach dem anderen in seinem Wagon antanzen. – „Ihr müsst mir die Wahrheit sagen,“ verlangte dieser großartige Lügner, gleichzeitig bettelnd und drohend, von seinen Untergebenen – diesen Untergebenen standen Jeeps zur Verfügung, die jedoch mit den Importautos der Golf spielenden Provinzkader von heute nicht zu vergleichen waren.
Wann hörte man in den siebziger Jahren schon einmal eine Geschichte über das Fliegen - bis heute gibt es am Flughafen der Hauptstadt den kleinen Flugplatz, auf dem Zhou Enlai Nixon empfing. Damals gab es kaum zivile Luftfahrt in China. Meine einzige Flugreise führte 1976 von Nanjing nach Lhasa, und an diesem Tag bestand der gesamt Flughafenbetrieb aus nur einem Flug.
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Text: Chen Danqing (陈丹青)
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juni 2009
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juni 2009









