Kulturelles Gedächtnis

Die Gnade der Jugend – Erinnerungen an die 70er Jahre Teil 4

Chang’an Straße, Peking, April 1976, Hauptverkehrszeit, Foto: Martin Kummer
Chang’an Straße, Peking, April 1976, Foto: Martin Kummer
Chang’an Straße, Peking, April 1976, Foto: Martin Kummer


In meinem ersten Jahr in den Bergen von Süd-Jiangxi lernte ich, scharf zu essen, höllisch scharf. Während der Arbeitssaison hatte jeder als Feldmahlzeit ein Fläschchen eingekochter Chilischoten dabei. Man mischte grobes Salz darunter, und sogar auf die dicht an dicht sitzenden Chilikerne stürzten wir uns wie hungrige Wölfe. Die Feldarbeit der „Gebildeten Jugendlichen“ trug meist keine Früchte. Auch als ich das Dorf wieder verließ, konnte ich noch immer nichts anderes anpflanzen als Wasserspinat. Um den Spinat musste man sich nicht groß kümmern, der wucherte ganz von allein, gedüngt wurde er mit unserem eigenen Urin. Mit dem Pisspot in der Hand schlugen wir am Bachufer Wasser ab, und verteilten den Urin anschließend über das Gemüsefeld. – Ob es nun unsere Jugend oder der Hunger war, unser Blick hing auf der Suche nach irgendetwas Essbarem immer am Boden, als wären wir Hunde oder Schweine. Der sandige Boden von Süd-Jiangxi eignet sich zum Anbau von Süßkartoffeln und Erdnüssen. Zur Erntezeit rissen wir die Früchte mit den erdverkrusteten Wurzeln aus dem Acker und nagten gierig daran. Wir aßen sie roh, den ganzen Mund voll Süße.

Der Katze des Nachbarn war von einem Hund ein Ohr abgebissen worden, sie verzog sich in eine Mauerecke und war am nächsten Tag tot. Ich weiß nicht mehr, wer ihr das Fell abgezogen hatte, auf jeden Fall war ich es, der sie zu dem Flüsschen trug, um sie abzuwaschen. Der klare Bach mit der starken Strömung und eine enthäutete Katze, der man Kopf und Tatzen bereits abgetrennt hatte – auf einmal glitt sie mir aus den Händen und ich sah den blutigen Fleischklumpen der kleinen Tierleiche zwischen den klaren Wellen auftauchen und davon treiben. Einen Augenblick später wurde sie von einer in Windeseile heranjagenden Hündin an das Ufer des Flusses gezerrt, die nachkommende Hundemeute war ihr dicht auf den Fersen.

Zweimal im Jahr, bei der Ernte im Hochsommer und zum Frühlingsfest, konnte sich die Dorfbevölkerung richtig satt essen. Ach je, bis heute ist nie wieder etwas an diese Gaumenfreuden des Erdreichs herangekommen: Frisch geschnittener Reis, zappelnde Fische aus dem Teich, eben im Garten geerntetes Gemüse – das gewaschene Grün, das in heißen Töpfen und brodelndem Wasser gart; das in den Bergen gesammelte Holz knistert im Ofen, aus der die Flammen züngeln – und dann noch das bei Tagesanbruch geschlachtete Schwein! Das Schwein schrie um sein Leben. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie es von ein paar starken Männern eingefangen wurde, wie einer mit einem Messer auf die Kehle zielte und zustach, wie mit dem herausgezogenen Messer das frische Blut herausquoll. Nachdem man den ganzen Schweineleib überbrüht hatte, hing er schließlich majestätisch mit dem Kopf nach unten. Anschließend wurde er fachgerecht zerlegt: Der Metzger, ein schweigsamer Mann mittleren Alters mit viel Feingefühl, ließ das Messer ganz sacht und langsam hinabgleiten, und schon purzelten Herz, Leber, Lende und Darm warm glibbernd in ihrer durchsichtigen Haut, die wie grünbläuliche Rauchschwaden changierte, zu Boden. Vor den Augen der umstehenden Männer und Frauen, Jungen und Mädchen nahm der Schlachter das Tier nun Schnitt für Schnitt aus. Waage und Hackbrett standen schon bereit.

Später habe ich Berichte über die skrupellosen Menschenmorde in Guangxi, zu denen es am Anfang der Kulturrevolution gekommen war, gelesen: Am Flussufer waren den Toten Herz, Leber, Augen und Hirn auf die gleiche Weise Stück für Stück entfernt worden. Die wartenden Dörfler schnappten sie sich und bereiteten daraus zu Hause ein Mahl, in der Meinung, das helfe gegen Krankheiten. Wie hätte man das dem Schriftsteller Lu Xun (鲁迅) beibringen sollen? Denn dagegen waren die Dampfbrötchen aus Menschenblut in der Stadt Shaoxing ja richtig zivilisiert. Aber was ich im Ort über die Vergangenheit zu hören bekam, war zu Lu Xuns Lebzeiten passiert: In der Nähe des Dorfes lebte ein Gutsbesitzer mit seinem stattlichen Sohn. Als die Rote Armee abgezogen war, trachtete er nach Rache. Noch in den siebziger Jahren schnalzten die Dörfler angesichts seiner Statur und Muskelkraft ungläubig mit der Zunge: Wie er die Leute aus dem Weg gebrüllt hatte, wie er eigenhändig Schweine tötete und Menschen mordete. Dabei packte er den Intimfeind an beiden Beinen, zog ihn in die Höhe und zielte mit dem herabhängenden Kopf auf einen Fels, eins ums andere, Schlag auf Schlag, bis der Tod eintrat.

Sein Sohn war zwar schon über dreißig, aber keine Frau wollte ihn heiraten, weil sein Vater als ein Konterrevolutionär erschossen worden war. Er saß oft an einem Berghang und stierte vor sich hin, wenn aber eine Frau vorbeikam, öffnete er seinen Hosenstall und lachte ausgiebig, ein derbes und anzügliches Lachen, ganz wie der Hongkonger Schauspieler Chow Yun-Fat.

In einer glücklichen Erinnerung an die siebziger Jahre sehe ich mich auf einem der kleinen Gemüsemärkte in Shanghai in der Schlange stehen. Es war der Abend vor dem Frühlingsfest und ich wartete die ganze Nacht hindurch. Der Tag war noch nicht angebrochen, auf den Gemüsemärkten drängten sich rumorend die schwarzen Schöpfe der Stadtbewohner. Als sich das erste Morgenrot zeigte, herrschte bereits wildes Stimmengewirr. Schlange stehen! Das gehört zu den alltäglichen Erinnerungen an die sechziger und siebziger Jahre. Die meisten „Gebildeten Jugendlichen“ fuhren zum Frühlingsfest zurück in die Stadt, wo sie nichts zu tun hatten. Schlange stehen bereitete mir ein unvergleichliches Wohlbehagen. Am Abend wurden auf den Märkten noch Überstunden gemacht, um weiter zu verkaufen. Kabel wurden ausgerollt und die Lichter angeschaltet, es war eine bewegende Atmosphäre. Ich stand gerne stundenlang in der Schlange und schaute den hübschen Mädchen nach, zwischen Euphorie und Enttäuschung, denn im Stillen wusste ich, dass ich einer war, dem man die staatliche Wohnortregistrierung, den hukou, für Shanghai abgenommen hatte.

Chen Danqing mit Bruder, Shanghai 1970 © Chen Danqing
Chen Danqing mit Bruder, Shanghai 1970 © Chen Danqing


Einmal jährlich zum Frühlingsfest wurden den Familien Sonderbezugsmarken für Lebensmittel ausgehändigt. Trauben von Menschen starrten auf die gefrorenen Schweine, die Enten und Hühner, die Gelbfische und die Tintenfische. Wenn mit dem Abwiegen begonnen wurde, gerieten die Wartenden in Unruhe, als gäbe es eine Rebellion: die Hühner und Enten waren unterschiedlich groß, aber es kam nur ein Tier in jeden Haushalt, da gab es kein langes Federlesen. Die rücksichtsloseren Herrschaften stürzten sich furchtlos ins Gerangel, wobei sie aus Leibeskräften brüllten: „Ich bums' deine Mutter, und vögele deine kleine Schwester!“ Bei solchen Flüchen setzte der Überlegene eine grimmige Mine auf, während der Unterlegene sie, wie eine Heulsuse, in einem winselnden Ton hervorbrachte. Erdnüsse, kandierte Früchte, Melonenkerne und die gelb glänzenden Sojasprossen wurden nur einmal im Jahr zugeteilt. Ich erinnere mich, dass jedem ein halbes Pfund Sojasprossen zu vier Fen zustand. Nach Erhalt der Lebensmittelmarken wurden diese von den Familien immer wieder aus der Tiefe der Schublade hervorgeholt. Man prüfte den Bestand und überlegte hin und her, nur um sie dann wieder tief in der Schublade verschwinden zu lassen. Wenn es schließlich ans Bezahlen ging, wurde die Vier-Fen-Marke mit einem Ratsch abgerissen – dann wartete man wieder ein Jahr.

Nahrungsmittel wurden unter der Hand auf alle erdenklichen Arten gehandelt. Den Menschen war kein Weg zu weit, Schweinefleisch, gepökelten Fisch, Dörrgemüse, Süßigkeiten oder diverse lokale Spezialitäten über tausende von Meilen zu transportieren. Im Zug konnte es einem passieren, dass ein verschnürter Hahn inmitten der Menschen frühmorgens zu krähen anfing. Nachdem ich in eine Landkommune der Provinz Jiangsu verlegt worden war, hatte ich bei jeder Rückkehr nach Shanghai pfundweise Reis geschultert, denn in Jiangsu war der Kauf von poliertem und unpoliertem Reis anders als in Shanghai nicht rationiert. In den siebziger Jahren war die Stadtbevölkerung bereits seit zwanzig Jahre daran gewöhnt, tagein, tagaus die Marken für Getreide und Lebensmittel zu verwenden. Bekam man von Freunden oder Verwandten einen Coupon für Getreide oder Öl geschenkt, war das wie Bargeld – apropos, reiche Leute gab es in den siebziger Jahren, abgesehen von der privilegierten Klasse, in ganz China nicht. Die geringen Lohnabweichungen standen in keinem Vergleich zu der sozialen Schere von heute. Denn als in den 60er Jahren die Kulturrevolution ausbrach, wurden Familienbesitz und Vermögen der als Kapitalisten klassifizierten Familien im ganzen Land rigoros konfisziert und eingefroren, nur das Klassenmerkmal, welches ihre Verfolgung ausgelöst hatte, lies man ihnen.

Getreidemarke aus Jiangxi 1972 © www.icpress.cn
Getreidemarke aus Jiangxi 1972 © www.icpress.cn


Die Millionen von Bauern besaßen keine Bezugsmarken, ihre Getreidezuteilungen waren nichtsdestotrotz streng rationiert. Obwohl in den historischen Büchern die Hungersnöte der vergangenen Dynastien und Generationen aufgezeichnet sind, ist doch an keiner Stelle die Rede von einer Getreiderationierung. Mir standen monatlich 29 Pfund zu. Als ich von dem provinzeigenen Verlag in die Provinzhauptstadt beordert wurde, um Propagandaplakate zu malen, musste ich mir vorübergehend Getreidemarken ausleihen. Danach suchte ich mir auf dem Fahrplan einen Überlandbus heraus, mit dem ich einen vollen Tag zurück in die Kreisstadt brauchte. Nun ging es zu Fuß den beschwerlichen Weg über die Berge bis in mein „Heimatdorf“, wo ich mir meine Ration für mehrere Monate in Rohreis abwiegen ließ. Das mächtige Schloss des Getreidespeichers öffnete sich mit einem Scheppern. Ich erinnere mich, wie die Hand des Buchführers an der Waage mit dem Laufgewicht zitterte, und auch an den Träger, der mir aus dem Dorf geschickt worden war. Ich marschierte hinter ihm her und in der Kommune angekommen wurden die Körner vor meinen Augen ausgeschüttet, ein riesiger Haufen, der lautlos in der Getreidestation der Kommune verschwand. Der Träger erhielt einen ganzen Yuan als Obolus, und er nahm ihn mit Freuden, bekam ein Bauer doch kaum einmal einen Geldschein zu Gesicht. Schweißüberströmt begleitete er mich zur Verwaltungsstation für Lebensmittel und wechselte die Getreidemarken ein. Nachdem sie abgezählt waren, musterte er sie eingehend, bevor er sie mir reichte. Ich bestellte ihm ein Pfund Reis, einen Teller Schweineblut sowie eine Suppe mit Schweinleber und Spinat – es dauerte nicht lange, da hatte er alles restlos weggeputzt.

Als es mich 1975 zum zweiten Mal in eine Produktionsgenossenschaft nach Nord-Jiangsu verschlug, wurde ich wieder mit dem Unwillen der örtlichen Dorfkader konfrontiert: Sie standen auf dem Acker, diskutierten, stritten, wollten mich hinhalten und spuckten kraftvoll auf den Boden. Zwischen ihren Zehen quoll der weiche Lehm Nord-Jiangsus hervor. Schließlich gingen sie ohne mich anzusehen zum Feldrand und brüllten dem Getreideverwalter scharf zu, die Getreiderationen herauszugeben. Abermals wurde ich zu einem Getreidespeicher geführt, und als ich ihn wieder verließ, hatte sich die Dorfbevölkerung von jung bis alt versammelt. Sie musterte den Auswärtigen, von dem es hieß er sei ein „Gebildeter Jugendlicher“, und der von der Nahrungsration des ganzen Dorfes mitaß.

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Text: Chen Danqing (陈丹青)
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juni 2009

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