Das Beben im Gedächtnis - Formen der Erinnerung


Erdbeben in Wenchuan, Sichuan 2008 © www.icpress.cn
Dieser Artikel erschien am 6. Mai 2009 in der Wochenzeitung Nanfang Zhoumou (Southern Weekly). Bei der deutschen Übersetzung handelt es sich um eine leicht gekürzte Version.
Darüber, wie eine Gesellschaft ihre Katastrophen beschreibt und erinnert, sollten sich nicht allein die Historiker Gedanken machen. Sie gehen uns alle an, weil sie sich jederzeit und überall ereignen können. In diesem Sinne ist jeder von uns ein „zukünftiges Katastrophenopfer“. Die Erfahrungen und Lehren der Vergangenheit im Kopf zu behalten, kann uns dabei helfen, mit den Tragödien, welche uns in Zukunft begegnen mögen, umzugehen. So wie ein Erdbeben Häuser spaltet und den Blick auf die innere Struktur der Gebäude freigibt, können wir durch die Beschreibung und Erinnerung eines Unglücks in ein Innenleben der Gesellschaft blicken, das uns unter normalen Umständen verborgen bleibt.
Nimmt man die Erdbeben-Protokolle, liegt es nahe, mit dem Beben von Tangshan zu beginnen. Zu jener Zeit standen Katastrophenberichte in einem engen politischen Kontext. Am Tag nach dem Erdbeben in Tangshan titelte die Volkszeitung: „Heftiges Erdbeben erschüttert die Region Tangshan-Fengnan in der Provinz Hebei – Angeleitet durch den Revolutionskurs des Vorsitzenden Mao stemmt sich das Volk im Unglücksgebiet mit revolutionärer Haltung gegen die Natur und leistet Katastrophenhilfe.“ Ohne auf das Ausmaß der Zerstörung, die Zahl der Toten und Verletzten oder die Reichweite des Bebens einzugehen, hieß es in der Nachricht lediglich pauschal, in der Region Tangshan-Fengnan habe sich ein heftiges Erdbeben ereignet, das bis Peking und Tianjin zu spüren gewesen sei und dem Volk Menschenleben sowie Hab und Gut geraubt habe. Insbesondere die Stadt Tangshan leide unter der Zerstörung und den Verlusten.
Die Berichte konzentrierten sich in erster Linie auf den Kampf der Menschen gegen die Katastrophe. Erst drei Jahre später wurde auf der Gründungskonferenz der Seismological Society of China die Situation der Opfer erstmals offen gelegt. Einen Tag nach der Konferenz, am 23. November 1979, meldete die Volkszeitung von der Tagung: „Beim Erdbeben von Tangshan kamen über 240.000 Menschen zu Tode.“
Dem Militärjournalisten Qian Gang (钱钢) zufolge wurden in der damaligen Erdbeben-Berichterstattung die Schäden des Bebens kaum thematisiert. Schilderten die Kader im Katastrophengebiet der Presse die Lage, benutzten sie Sätze wie: „Jedes Erdbeben erteilt uns eine Lektion im Kommunismus!“, „Mit einer Massenkritik, bei der die Theorien vom Erlöschen des Klassenkampfes, der Allmacht der Produktionsmittel und der materiellen Basis heftig verurteilt wurden, haben wir die Katastrophenhilfe intensiviert.“, „Dank des Vorsitzenden Mao und dank der Volksbefreiungsarmee hat sich unser Volk aus Tangshan am ‘Reis der Freundschaft’ gesättigt, am ‘Wasser des Wohlwollens’ gelabt und sich mit den ‘Kleidern des Altruismus’ gewärmt.“
In den folgenden beinahe zehn Jahren wurde kaum über das Erdbeben in Tangshan berichtet. Erst um das Jahr 1985 tauchten in den Medien erste Artikel über das Beben auf. Im Juli 1986 begann die Arbeiterzeitung Tangshan, die vom Stadtkomitee der Partei herausgegeben wurde, Erinnerungen, literarische Texte und Artikel über Gedenkveranstaltungen zu publizieren. Im Juli 1996 bat die Zeitung ihre Leser unter dem Motto „Wie ich das neue Tangshan 20 Jahre nach dem Beben sehe“ um die Zusendung von Texten und druckte einige Erfahrungsberichte ab. Unter anderem liest man von der Grundschulaktion „Wie Mama von der Vergangenheit erzählt“, bei der Grundschüler angeregt wurden, sich von ihren Eltern deren Erdbeben-Erfahrungen schildern zu lassen und im Unterricht davon zu erzählen. Auch zu den folgenden Jahrestagen erschienen ähnliche Berichte und Gedenkartikel. Auch wenn die persönlichen Erlebnisse in den Details voneinander abwichen, weisen sie – wie die nachstehenden Beispiele zeigen - in Tenor, Erzählstruktur und Kernaussage gemeinsame Merkmale auf.
Beispiel eins - 1986: „‘Wenn die Berge erbeben und die Erde wankt, wirft der Bettler den Bettelnapf aus der Hand.’ Als ich klein war, murmelte meine Großmutter jedes Mal wenn die Erde bebte diesen zeitlosen Mundartreim. Am 28. Juli 1976 machte ein Erdbeben, wie es die Welt selten gesehen hat, die Stadt Tangshan dem Erdboden gleich. (...) Meine Großmutter, die uns glücklicherweise schon zwei Jahre zuvor „verlassen“ hatte, bekam das Unglück nicht mehr mit. Ich denke, wäre sie noch am Leben gewesen, wäre ihr dieser antiquierte Vers ganz bestimmt nicht wieder über die Lippen gekommen. Nicht nur gehörten ‘Bettler, die ihren Bettelnapf wegwerfen’ längst der Geschichte an, meine Großmutter hätte mit dem Fortschritt der Gesellschaft ihren ‘Schicksalsglauben’ sowie ihre ‘Furcht vor Geistern und Dämonen’ längst zugunsten des ‘Glaubens an die Kommunistische Partei’ aufgegeben. (...) Wenn sich über die Bürger von Tangshan, die voll Optimismus in die Zukunft blicken, die Nacht senkt, mögen ihre im Schlaf gemurmelten Worte ab und an auch der Trauer über die im Erdbeben umgekommenen Verwandten entspringen, doch meistens, davon bin ich überzeugt, sprechen sie von der Vorfreude auf ein neues Leben und preisen die Kommunistische Partei.“
Beispiel zwei - 1996: „Die Mutter meines Kommilitonen Dong Hualian (董瀚莲) wurde von der Volksbefreiungsarmee aus den Trümmern gerettet. Manch ein Soldat riss sich die Fingernägel von den Kuppen, als er den Schutt mit bloßen Händen zur Seite räumte. Als gegen Abend der Regen einsetzte, trugen die Volksbefreiungssoldaten die verletzte Frau ins Militärzelt. Noch oft sagte die Mutter später zu Hualian: „Wir dürfen nie die Fürsorge der Volksbefreiungsarmee vergessen.“
Beispiel drei - 2001: „Bei dem großen Beben von Tangshan 1976 war ich elf Jahre alt. Ich verlor beide Eltern und war durch das grauenvolle Erdbeben stark traumatisiert. Angesichts der Verletzten und der Trümmer verlor ich jeden Lebensmut und alle Zuversicht. Nachdem die Parteizentrale und der Staatsrat jedoch in Windeseile die Volksbefreiungsarmee sowie Ärzteteams entsandt hatten und die gesamte Nation Massen an Hilfsgütern schickte, kamen Produktion und Alltag in der Stadt Tangshan schon bald nach dem Erdbeben wieder in Gang. So war meine junge Seele von Dankbarkeit gegenüber Partei und Regierung erfüllt und ich empfand innig die Großartigkeit und Erhabenheit der Kommunistischen Partei.“

Erdbeben in Tangshan 1976
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Natürlich sind diese Schilderungen ein getreues Abbild der damaligen Ära. Wir erfahren durch sie, inwieweit in der chinesischen Gesellschaft vergangener Zeiten die „Katastrophenkultur“ generell politisiert war. Jedoch wird dabei auch ein Manko offensichtlich. Da sich der Schwerpunkt der Berichte und Schilderungen nicht auf die „Katastrophe“ an sich richtete, sondern auf die „Rettung“, erfahren wir aus diesen Protokollen wenig über die Situation der Opfer während des Erdbebens und bekommen kein umfassendes Bild darüber, wie die Menschen auf das Beben reagierten. Demzufolge lassen sich auch für die Nachkommen keine hilfreichen Lehren aus den Erfahrungen ziehen.
Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Als ich mich nach dem Erdbeben in Wenchuan in der Provinz Sichuan (2008) bei Dongfang Steam Turbine Works in der Stadt Hanwang zu Recherchezwecken einfand, erzählte mir ein Vizedirektor der Fabrik, man habe viele Leute aus den Trümmern retten können. Da man jedoch mit der medizinischen Versorgung nicht hinterherkam, stellte man sie vor dem Krankenhaus in einer Warteschlange ab. Als einer seiner Angestellten, dem infolge des hohen Blutverlusts schon schwummrig vor Augen wurde, einen bekannten Arzt vorbeilaufen sah, nahm er seine letzten Kräfte zusammen und rief ihn um Hilfe an. Nur so wurde er noch rechtzeitig behandelt, während zahlreiche Verletzte, die weniger Glück hatten, auf ihrer Bahre starben. Zudem seien viele freiwillige Helfer ohne die notwendige Ausrüstung und Kenntnis blindlings in das Unglücksgebiet geeilt und wären so keine effektive Unterstützung gewesen. Zwar war es zu ähnlich chaotischen Verhältnissen schon bei dem Erdbeben in Tangshan gekommen, aber da man damals keine vernünftige Bilanz gezogen hatte, ereignete sich nun die Tragödie aufs Neue.
Bei dem Beben in Wenchuan änderte sich die Einstellung, dass „nicht die Katastrophe, sondern nur die Rettung von derselben eine Nachricht wert sei“, radikal. Durch die umfassende und zeitnahe Berichterstattung der Medien bekam die Welt unmittelbar einen Eindruck von der Situation im Unglücksgebiet, was die Rettungsarbeiten enorm beschleunigte. Ganz anders als zur Zeit des Tangshan-Bebens brachte die Erdbeben-Berichterstattung aus Wenchuan seitenweise anrührende Geschichten und herzzerreißende Erlebnisse. Der Stil der Berichterstattung war meist rührselig bis emphatisch. Ein Schreibstil, der äußerst wirkungsvoll darin war, die Herzen der Leser zu öffnen, ihr Mitgefühl zu wecken und die Dimensionen der Hilfsbereitschaft auszuweiten. Jedoch haben derartige Artikel meist keinen langen Atem. Mit der Zeit flauen Rührung und Anteilnahme immer mehr ab bis sie schließlich ganz erloschen sind. Im Sommer 2008 verkauften die Buchläden in Chengdu über Sonderauslagen haufenweise Bücher und Magazine über das Erdbeben von Wenchuan und die Rettungsarbeiten. Aber heute, ein Jahr später, gibt es vermutlich nur noch wenige Menschen, die solche Bücher kaufen und lesen wollen.
Für die vergessenen Erinnerungen
Im August 2008 entdeckte ich auf einem Büchertisch zur Erdbebenkatastrophe zwei Publikationen, in denen es zwar nicht um Wenchuan, aber dennoch um Erdbeben ging. Das eine Buch Erfahrungsberichte vom großen Beben in Tangshan schlägt verglichen mit dem anrührenden und aufwühlenden Stil der Wenchuan-Bücher einen nüchternen und unspektakulären Ton an. 61 Erdbebenopfer aus Tangshan, Tianjin und Peking schildern darin, wie sie selbst das Unglück erlebt haben, wie sie gerettet wurden und danach weiter lebten. Leiser Schmerz, gepaart mit tiefgründigen Gedanken, zieht sich als roter Faden durch das gesamte Buch. Rettung und Dankbarkeit sind nicht mehr die ausschließlichen Perspektiven, aus denen das Erdbeben erinnert wird. Die Menschen haben begonnen, hinter die Dinge zu blicken, über die verschiedenen Reaktionen der Gesellschaft auf das Erdbeben und die dahinter stehenden politischen und kulturellen Faktoren und darüber, wie sich das Erdbeben in seiner Zufälligkeit und Zwangsläufigkeit auf das eigene Leben auswirkte, nachzudenken. Dass diese tief im Inneren verschlossenen privaten Erinnerungen dreißig Jahre nach dem Erdbeben wieder ausgegraben werden, zeigt deutlich, dass unsere Gesellschaft dieses Gedächtnis bewahren muss – für sich und für unsere Nachkommen.
Das andere Buch, Das große Erdbeben von Tangshan von Qian Gang, ist wohl das einzige Werk, das für sich in Anspruch nehmen kann, das Erdbeben von Tangshan wirklich umfassend darzustellen. Dieses Buch wird jeden, der darin liest, faszinieren. Dass das Buch nach seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 1986, 1996 in einer überarbeiteten Fassung und 2005 noch einmal als Gedenkband zum 30. Jahrestag des Erdbebens erschienen ist, belegt seinen Wert hinlänglich. Gleich einem Richter, der durch eine Vielzahl an Beweisen einen Fall aufrollt, gleich einem Historiker, der durch eine Fülle historischen Materials die Vergangenheit rekonstruiert, hat Qian Gang in einer Kombination aus unzähligen Erfahrungsberichten und wissenschaftlicher Statistik ein plastisches Bild des Erdbebens in Tangshan gezeichnet. Der Autor behandelt das Tangshan-Beben nicht einfach als ein singuläres und unerwartetes Ereignis, sondern betrachtet das Erdbeben als einen Teil des menschlichen Lebens und der Kultur und diskutiert Tangshan und das China jener Zeit unter politischen, sozioökonomischen und kulturellen Aspekten. So liefert er nicht nur durch das Andenken an die Toten und die Schilderung des Grauens wichtige Anhaltspunkte für die Katastrophenprävention, sondern stärkt das soziale Gedächtnis an das Erdbeben, fördert die Kontinuität der Überlieferung in der gesamten Gesellschaft und verhindert, dass die Erinnerung an die Katastrophe brüchig wird und verschwindet.
Hoffen wir, dass früher oder später auch über das Erdbeben von Wenchuan eine so authentische Darstellung wie Das große Erdbeben von Tangshan erscheinen wird. Allein so wird der Satz „die Vergangenheit nie zu vergessen“ kein leeres Verspechen bleiben, und nur so wird das Erdbeben von Wenchuan in das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft eingehen. Am 20. April 2009 nahm sich Feng Xiang (冯翔), der Vizedirektor der Propaganda-Abteilung des Kreisparteikomitees, im Autonomen Kreis Beichuan der Qiang-Minderheit in seinem Haus in den frühen Morgenstunden das Leben. Angeblich ist er bereits der dritte Funktionär, der nach dem Beben in Wenchuan Selbstmord beging. Das Beben ist vorbei, aber es fordert immer noch Menschenleben.
Die Geschichten von Tangshan und Wenchuan bezeugen den Wandel der chinesischen Gesellschaft. Wir müssen dieses Stück Geschichte festhalten, die millionenfachen persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse aufzeichnen und in das Gedächtnis unserer Nation einlesen. Dies ist unser Auftrag gegenüber den nachfolgenden Generationen und gleichzeitig das Bindeglied zu unserem Schicksal. Denn „die Katastrophe ereignet sich nicht, während wir sie erinnern, sie ereignet sich, weil wir sie vergessen.“
Text: Dr. Wang Xiaokui (王晓葵)
Dozent am Institut für immaterielles Kulturerbe der Sun Yat-Sen Universität
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juni 2009
Dozent am Institut für immaterielles Kulturerbe der Sun Yat-Sen Universität
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juni 2009









