Kulturelles Gedächtnis

Die Gnade der Jugend – Erinnerungen an die 70er Jahre Teil 2

Mao Zedongs Stellvertreter, Lin Biao, starb 1971 bei einem Flugzeugabsturz in der Mongolei; Quelle: Sammelband Vergeudete Jahre
Chang’an Straße, Peking, April 1976, Foto: Martin Kummer
Chang’an Straße, Peking, April 1976, Foto: Martin Kummer


Aus dem Gedächtnis Ereignisse zu rekapitulieren, die bereits dreißig bis vierzig Jahre zurückliegen, ist wirklich nicht leicht. Das „Gedächtnis“ gleicht einer “Einlagerung“, gut verwahrt und wirkungslos; das „Erinnern“ hingegen kommt nahezu einer “mentalen Überprüfung“ gleich, alles gerät ins Wanken und sucht nach neuer Möglichkeit, sich Ausdruck zu verschaffen Sobald die Erinnerung in einen Text gefasst ist und gelesen wird, hat sie auch den Anspruch? für den Leser glaubwürdig zu sein.

Ich lese gerne die unterschiedlichsten Erinnerungen, aber ich bin auch anspruchsvoll. Die klarsten und aufrichtigsten Memoiren, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, waren die zweibändigen Erinnerungen von Wu Faxian (吴法宪), dem ehemaligen Oberbefehlshaber der chinesischen Luftwaffe. Das ist kein bloßes Erinnern, wie er eins nach dem anderen bis ins kleinste Detail schildert, sondern das redliche Bekenntnis eines für schuldig befundenen KP-Mitglieds. Hätte er seine Verhaftung nicht beschrieben, wer hätte sie sich ausmalen können: Zunächst wurde er zusammen mit Huang Yongsheng (黄永胜), Li Zuopeng (李作鹏) und Qiu Huizou (邱会作)in die Große Halle des Volkes geführt, hin zu der Reihe von Bambussesseln, hinter denen jeweils ein „Herkules“ wachte. Kurz darauf kamen Zhou Enlai, Ye Jianying (叶剑英) und andere hochrangige Offiziere im Gänsemarsch in den Saal und verkündeten ihre Amtsenthebung: „Wir werden für jeden von euch einen geeigneten Ort finden, an dem ihr Zeit habt, nachzudenken.“ An dieser Stelle fährt Wu Faxian fort:

 Zhou Enlai sagte außerdem zu mir: „Du hast die Luftwaffe in diese Situation gebracht, aber dir soll nichts passieren, es wird sich ein Weg finden.“ Ich verstand, was Zhou Enlai mir damit sagen wollte: Ich sollte keinen Selbstmord begehen…“Jetzt geh“, sagte er, und dann gaben mir Zhou Enlai, Ye Jianying und Li Desheng (李德生) nacheinander einen festen Händedruck und ließen mich von Yang Junsheng (杨俊生) abführen.“

Sieht so eine Szene moderner Politik aus? Regelte die Fraktion so ihre Personalangelegenheiten, direkt im Staatspalast: durch einen „festen Händedruck“? Direkt danach begann die lange Gefangenschaft Wu Faxians, während der er immer wieder an einen andern Ort verlegt werden sollte.

Im Gedächtnis der Parteipolitiker liegt so manches Geheimnis begraben. Diese betreffen das Schicksal von Abermillionen, aber diese Millionen von Menschen sind ahnungslos. Als 1971 Lin Biao (林彪) verunglückte, war ich gerade aus der Provinz Jiangxi nach Shanghai zurückgekehrt und war ohne Plan und Ziel. Eines Tages wurde ich vom Nachbarschaftskomitee zusammen mit etlichen beschäftigungslosen Jugendlichen ins Jing’an Sportstadion zu einer öffentlichen Bekanntmachung beordert. Die Atmosphäre war von Anfang an merkwürdig. Es handelte sich nur um ein kurzes Dokument, und als es verlesen war, herrschte lange Zeit Stille. Erst als der Vorsitzende des Nachbarschaftskomitees anfing zu applaudieren, steigerten sich die vereinzelten Klatscher im Stadion allmählich zu kollektivem Beifall. Als wir das Stadion verließen, kamen wir an der Straße an einem Schaukasten mit Propaganda vorbei. Ein Grüppchen bestaunte ein Foto, das man noch nicht entfernt hatte: eine Farbaufnahme des stellvertretenden Parteivorsitzenden Lin Biao, die Jiang Qing (江青), Maos fünfte Frau im Vorjahr aufgenommen hatte. Eine seltene Aufnahme, auf der die Halbglatze des Generals im Gegenlicht zu sehen war. Mit konzentrierter Miene las er in Maos Ausgewählten Werken.

Zu jener Zeit gab es keinerlei Filmplakate oder kommerzielle Werbung. Auf allen Bildern, die öffentlich zu sehen waren, prangte eine Führungspersönlichkeit der Partei. Die Umstehenden traten näher an das Bild heran, um es genauer zu betrachten, und obwohl niemand etwas sagte, war der plötzliche Bruch in den Herzen der Menschen in diesem Moment viel dramatischer als beim Tod Maos einige Jahre später. Mao konnte jederzeit sterben, aber wer hätte damit gerechnet, dass Lin Biao einen Putsch planen würde, dass er auf diese Weise zu Tode kommen sollte. Später zirkulierten unter der Hand Schwarzweiß-Fotos von seinem Flugzeugabsturz in der Mongolei. Der Bevölkerung standen der verbrannte Körper und Schädel des Oberbefehlshabers, zu einem Stück Kohle verformt, deutlich vor Augen – dies blieb das letzte Bild von Lin Biao im öffentlichen Gedächtnis.

Mao Zedongs Stellvertreter, Lin Biao, starb 1971 bei einem Flugzeugabsturz in der Mongolei; Quelle: Sammelband Vergeudete Jahre
Mao Zedongs Stellvertreter, Lin Biao, starb 1971 bei einem Flugzeugabsturz in der Mongolei; Quelle: Sammelband Vergeudete Jahre

Ich bin wie ein Tier, das auf das „Sehen“ angewiesen ist. Wenn man mich nicht „sehen“ lässt, verliert mein Gedächtnis seine Grundlage. Heute sind die Spuren des Lebens, wie es in den siebziger Jahren war, beinahe völlig ausradiert. Kulissen, Personen und Dinge, alles hat sich verändert. Die imposanten Wahrzeichen, wie das Tor des Himmlischen Friedens oder die Große Halles des Volkes, sind geblieben. Hier haben sich die Vierte-Mai-Bewegung von 1919 und die Ereignisse vom 4. Juni 1989 abgespielt, aber die Neubauten in der Umgebung stören das „Panorama der siebziger Jahre“. Das „vaterländische Territorium“ wurde rücksichtslos misshandelt, mit Füßen getreten und unters Messer gelegt, und nur weil das arme, abgelegene Fleckchen Erde, in das es mich verschlagen hatte, mit seinen kargen Bergen und Rinnsalen von Flüssen nichts wert ist, existiert es noch in seiner ursprünglichen Form. Immer wieder hört man, dass die Veteranen der „Gebildeten Jugend“ gruppenweise an die entlegenen Orte ihrer Verbannung zurückkehren. Ich weiß, es kommt der Tag, da ich die Bergpfade vergangener Jahre Meile für Meile zurückgehe, und erst wenn ich am Fuß des Berges, am Eingang des Dorfes stehe, werden meine Augen wieder „die siebziger Jahre“ finden.

Die 70er im Film

Keiner der wenigen Filme und keines der Bilder aus jenem Jahrzehnt zeigten den Alltag der siebziger Jahre, erst Anfang der neunziger Jahre bekam ich schließlich den während der Kulturrevolution scharf kritisierten italienischen Dokumentarfilm Antonionis China zu sehen. Der Regisseur, das alte KP-Mitglied Michelangelo Antonioni, wurde 2004 nach China eingeladen und betonte bei dieser Gelegenheit aufs Neue die Ungerechtigkeit, die ihm damals widerfahren sei. Mittlerweile verstehe ich auch, warum der linke Flügel im Westen Rotchina so verehrte, aber sie kamen und gingen wieder. Diejenigen, die in China lebten, waren wir. - Ich schaute wie gebannt auf die Leinwand, lange Zeit unwillig, zu akzeptieren, dass das die siebziger Jahre meiner Erinnerung sein sollten. Aber jedes einzelne Bild sprach zu mir: Gestehe es dir ein, du bist ein Teil dieses ameisengleichen Menschenstroms. Dieser grauen Menschenmassen. Weite, karge Landschaft soweit das Auge reicht, Dörfer und Städte, die in ihrer Verlassenheit und ihrem Verfall auch noch als „makellos“ bezeichnet wurden, ja sogar als „bezaubernd“. Ein Dorf im Norden. Die Dörfler weichen der Kamera aus und spähen gleichzeitig zum Objektiv zurück. Ich finde keine Worte für diese Blicke. Durch meinen langen Aufenthalt im Ausland hatte ich mir in den neunziger Jahren bereits unwillkürlich den Blick des Fremden zu Eigen gemacht und bestaunte dieses riesige vormoderne Land – diese erste Hälfte meines Lebens. Am Ende des Films sieht man eine Gruppe ländlicher Grundschüler, die sich im Karree zum Staffellauf aufstellen, während die Sonne hoch über ihnen am Himmel steht. Ärmlich, aber auch unerschütterlich, so grob und zäh wie die Kiesel oder die wilden Früchte der rauen Berglandschaft, in die es mich damals verschlagen hatte.

Chen Danqing im März 1970 auf dem People’s Square in Shanghai. Einen Monat später wurde er für mehrere Jahre aufs Land verschickt. © Chen Danqing
Chen Danqing im März 1970 auf dem People’s Square in Shanghai, kurz bevor er für mehrere Jahre aufs Land verschickt wurde. © Chen Danqing


Diese Szenen haben damals die Unwissenheit und die Lebenskraft einer ganzen Generation eingefangen. Antonionis China bleibt für mich bis heute der einzige Film, der die siebziger Jahre wahrheitsgetreu dokumentiert hat: das Werk eines Ausländers.

Aber auch die vielen offiziellen Filme, die anzuschauen in den siebziger Jahren Pflicht war, bergen Bruchstücke der Wahrheit in sich: Mao Zedong, Lin Biao, Zhou Enlai oder Jiang Qing, die Roten Garden, die Kritik- und Kampfversammlungen sowie die Veranstaltungen zur Einschwörung der Massen und außerdem die riesigen Parteitage... Bilder sind erbarmungsloser als Worte, und erst in ihrer Schonungslosigkeit werden sie wahrhaftig. Diese Ära liegt lange zurück, die Filme können sich nicht mehr in den Dienst der Parteipropaganda stellen, sie sind stattdessen zu historischen Beweisstücken geworden. Die Zeit verwandelt die Bilder wie auch die Menschen. Vor über vierzig Jahren schauten abertausende Menschen auf dem Platz des Himmlischen Friedens auf den Großen Vorsitzenden, jubelten und machten Luftsprünge – das war 1966, tatsächlich hatten die siebziger Jahre in China genau in jenem Moment begonnen. Wir, Kinder im Teenageralter, hielten das für die Normalität. Heute kann ich mir diesen Wahnsinn, der sich am helllichten Tag abspielte, seelenruhig ansehen. Wir sind erwachsen geworden. Der Mensch brauchte seine Jahre. Blicke ich in das Gesicht von Zhou Enlai, so kann ich erst jetzt seine Miene deuten. Ich verstehe, wie alarmiert und besorgt er ist, obschon er lächelt. Mao kommt, umringt von Menschen, in Militäruniform im Morgenrot die „Goldene Wasserbrücke“ hinunter und taucht entschlossen in die brodelnden Menschenmassen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. In jenem Moment, als das Bild verwackelt und unscharf wird, kann ich herauslesen, dass der Mensch, der sich ursprünglich Mao Runzhi nannte – ein ganz normaler Mensch – mit einem eisernen Entschluss eine mächtige Intrige plante, dass er entschieden hatte, seine Macht zu missbrauchen und so einer historischen Großkatastrophe die Bahn brach.

Die Linse der Film-Kamera ist unparteiisch, aber damals haben wir die Bilder nicht lesen können, wir waren wie blind.

Am nachhaltigsten haben mich die Aufnahmen der diplomatischen Besuche beeindruckt. Sie waren in den siebziger Jahren die einzige Gelegenheit, bei der man Ausländer zu Gesicht bekam. In der Regel führte Zhou Enlai die Staatsoberhäupter in die Bibliothek. Mao lag in seinem Sessel, hatte Mühe, den Kopf zu wenden und sabberte. Von Kindesbeinen an hatten wir dieses Gesicht tausende Male auf allen möglichen Bildern gesehen. Er war der einzige Star, ein Megastar – erst viel später haben wir erfahren, dass die Frau, die ihn stützte, Zhang Yufeng (张玉凤) hieß. Jedoch blendeten diese Filme allesamt die Unterhaltung zwischen dem Großen Vorsitzenden und seinen Gästen aus, stattdessen hörte man einen eingesprochenen Text und eine Musik, die ganz anders war als die ohrenbetäubenden Revolutionslieder der siebziger Jahre. Diese musikalische Untermalung ging mir nah, sie war schön, ich liebte sie, aber bis heute habe ich nicht herausgefunden, wer ihr Komponist war.

Im Dunkel des Kinosaals blitzte in mir immer wieder der eine Gedanke auf: Wie lange will er noch leben?

Die Staatschefs, die Maos Arbeitszimmer betraten, sind inzwischen alle tot: De Gaulle, Nixon, Tito, Kim Il-sung. Bhutto wurde gehängt, Ceaucescu durch etliche Gewehrsalven exekutiert und Marcos floh nach einem Attentat auf einen politischen Gegner mit seiner Frau nach Hawaii und starb als Gast in der Fremde. 1974 hatten 800 Millionen Menschen auf der Filmleinwand verfolgt, wie Mao beim Fototermin mit den Gästen im Korridor der Wohnung die Hand von Marcos Frau ergriff und ihr einen Kuss auf den Handrücken drückte. Der Sohn an der Seite seiner Mutter war ganz im Stil der Siebziger zurechtgemacht: Längeres Haar und ein eng geschnittenes weißes Hemd mit großem Kragen. Auch wenn er Asiate war, war mein Eindruck von ihm während der Kulturrevolution der eines ausländischen Jugendlichen in meinem Alter.

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Text: Chen Danqing (陈丹青)
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juni 2009

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