Die Gnade der Jugend

Chang’an Straße, Peking, April 1976, Foto: Martin Kummer
In seinem Essay Die Gnade der Jugend reflektiert der chinesische Intellektuelle und Maler Chen Danqing (陈丹青), geboren 1953 in Shanghai, seine Erinnerungen an die 1970er Jahre in China. Chen Danqing wurde als 17-jähriger zusammen mit tausenden Mittelschülern aus der Großstadt in eine bitterarme Bergregion geschickt, um als „Gebildeter Jugendlicher“ „von den Bauern zu lernen“. Seine Wohnberechtigung für Shanghai wurde annulliert, seine formale Ausbildung bis zum Jahr 1977, als erstmals wieder Hochschulaufnahmeprüfungen stattfanden, unterbrochen.
Im ersten Teil von Die Gnade der Jugend lässt Chen Danqing verschiedene Stationen und Eindrücke aus den Zeiten der Kulturrevolution Revue passieren: von seinen Empfindungen, als er vom Tode Mao Zedong erfährt, über Gedanken zur Politik und die 70er Jahre im Film bis zum Mao-Anzug und der „Mode“ der Zeit. Im letzten Abschnitt führt er uns zu den Bauern nach Süd-Jiangxi, der ersten Station seiner Landverschickung.
Der Essay erschien in chinesischer Sprache und leicht gekürzter Form im Januar 2009 in dem Sammelband Vergeudete Jahre (荒废集), Verlag: Guangxi Normal University Press. Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz veröffentlicht den Essay mit freundlicher Genehmigung des Autors nun erstmals in deutscher Sprache und in vollständiger Fassung.
Im ersten Teil von Die Gnade der Jugend lässt Chen Danqing verschiedene Stationen und Eindrücke aus den Zeiten der Kulturrevolution Revue passieren: von seinen Empfindungen, als er vom Tode Mao Zedong erfährt, über Gedanken zur Politik und die 70er Jahre im Film bis zum Mao-Anzug und der „Mode“ der Zeit. Im letzten Abschnitt führt er uns zu den Bauern nach Süd-Jiangxi, der ersten Station seiner Landverschickung.
Der Essay erschien in chinesischer Sprache und leicht gekürzter Form im Januar 2009 in dem Sammelband Vergeudete Jahre (荒废集), Verlag: Guangxi Normal University Press. Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz veröffentlicht den Essay mit freundlicher Genehmigung des Autors nun erstmals in deutscher Sprache und in vollständiger Fassung.
Im frühen Herbst 1976 hatte ich das Glück, mit dem Status eines „Gebildeten Jugendlichen“ vom „Büro für Bildende Kunst und Fotografie“ der Autonomen Region Tibet als Maler ausgeliehen zu werden. Zur Zeit der Kulturrevolution gab es in jeder Provinz nur diese einzige Kunstinstitution. Mit mir reisten zwei Lehrer der Nanjinger Kunstakademie, Chen Dexi (陈德曦) und Wang Mengqi (王孟奇). Am 1. September erreichten wir Lhasa und wurden in der östlichen Xingfu-Straße 12 im Gebäude Nr.2 einquartiert. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase an die Höhenluft schwärmten wir täglich in die Straßen aus, um Skizzen zu machen.
Kurz nach Mittag des 9. Septembers, wir ordneten gerade unsere Malutensilien, kam Tu Sihuan (屠思华), der Leiter des Büros und Organisator der Aktivitäten, auf unser Zimmer: „Hört zu, heute Nachmittag geht ihr nicht mehr raus. Um vier Uhr gibt es etwas Wichtiges im Radio“, verkündete er, ohne uns dabei anzusehen, und war im nächsten Moment auch schon wieder verschwunden.
Wir setzten uns, waren plötzlich ganz ruhig. Der Große Vorsitzende Mao war also gestorben. Wer das Jahr 1976 erlebt hat, versteht, was für ein Gefühl das war, und was für ein Jahr. Im Januar war Zhou Enlai (周恩来) gestorben, im Hochsommer dann der Tod Zhu Des (朱德), Angst machte sich breit, man war verunsichert. In jenem Jahr warteten die Menschen schweigend ab und stellten insgeheim Vermutungen an…

Trauer um Ministerpräsident Zhou Enlai mit Bildern und Kränzen am „Gedenktag für die Opfer der Revolution“, 4. April 1976
Foto: Martin Kummer
Foto: Martin Kummer
In Lhasa brannte die Sonne vom Himmel, ich erinnere mich an die Stille im Raum, wir drei zwangen uns, über irgendetwas anderes zu reden, dabei wichen wir unseren Blicken aus, weil wir es nicht wagten, einander in die Augen zu sehen. Wir kämpften gegen das Zucken in unseren Mundwinkeln, immer in der Angst, in einem unbeherrschten Moment einfach aufzulachen. „Er hatte es nicht verstanden, sein Gesicht rechtzeitig der Lage anzupassen... verzog sein Gesicht ganz unwillkürlich (....) zu seinem gewohnten gutmütigen und daher dummen Lächeln.“ So wird im ersten Kapitel von Anna Karenina der Moment geschildert, in dem Arkadjewitschs Liebschaft von seiner Frau aufgedeckt wird. „Dieses dumme Lächeln!“
Im zweiten Jahr der Kulturrevolution hatten wir auch zuhause eine Todesnachricht erhalten, ein alter Kommilitone meines Vaters war in einer Kaderschule unerwartet verstorben. Ich hatte den Brief als erster aufgebrochen, und als ich ihn meinem Vater reichte, musste ich unwillkürlich lächeln. Damals war ich 14 Jahre alt – 1976 zählte ich ganze 23 Jahre und war mir über die Tragweite der Ereignisse im Klaren. Trotzdem war es an jenem Nachmittag des 9. September eben das von Tolstoi eingefangene Lächeln, gegen das wir mit aller Macht ankämpften. Und obschon die Gründe ganz andere waren, war es doch ebenso gefährlich: Ein Lächeln galt als ein erschreckender Beweis. Auch wenn die Tür hinter uns verschlossen war, und wir drei Menschen waren, die auf einander zählen konnten, wohin hätte es geführt, wenn einer gelacht hätte? Was sollten wir sagen? Keine Äußerung schien angebracht.
Konkrete Erfahrungen lassen sich niemals konkret beschreiben. Und doch erinnere ich mich noch in aller Deutlichkeit, wie ich an jenem Nachmittag den schuldhaften Drang zu lachen herunterschluckte, während ein Gefühl von Panik in mir aufstieg. Schließlich war es vier Uhr geworden, und über die Lautsprecher, die damals in Stadt und Land allgegenwärtig waren, wurde ein Trauermarsch nach dem anderen abgespielt – immer und immer wieder. Einige Tage später fand die gigantische Abschiedszeremonie auf dem zentralen Platz in Lhasa statt, bei der Zehntausende in stiller Trauer verharrten, während die Alarmsirenen im Chor aufheulten. 2008 trauerte wegen des Erdbebens von Wenchuan wieder die ganze Nation – als ich reglos auf der Straße stand und ergriffen den Autohupen lauschte, deren Wehklagen mir der Wind von allen Seiten zutrug, fühlte ich mich an die Zeit vor 32 Jahren erinnert. Erst heute, 32 Jahre danach, traue ich mich, die Wahrheit jenes Jahres niederzuschreiben: Auf den Tag, an dem der oberste Vorsitzende von uns gehen würde, hatten wir sehr lange gewartet.
Nie wieder sollte ich später Augenzeuge eines so imposanten Szenarios werden, bei dem sich so viele Menschen weinend zu Boden warfen. Bei der Trauerzeremonie fielen ständig Leute in Ohnmacht und wurden aus den Reihen davongetragen. Das großformatige Ölbild, das ich im Oktober jenes Jahres malte, zeigte in Tränen aufgelöste Gesichter.

1976, Rote Garden in Shenyang beweinen den Tod Mao Zedongs, Quelle: Sammelband Vergeudete Jahre
Die Gründe für die Tränen des Volkes waren tiefe Trauer, drückende Sorgen und eine große Erleichterung, oder einfach nur Angst, eine Angst, welche die Gunst der Stunde nutzte und in das Weinen einfiel. Ich weiß, dass das Volk trauerte, aber ich bin mir ebenso sicher, dass damals viele Menschen, einschließlich der Herren in der Pekinger Machtzentrale Zhongnanhai, insgeheim auf diesen finalen Moment gewartet hatten. Allerdings wusste niemand, was für ein Schauspiel sich anschließend in China abspielen sollte. Ich stand in den dicht an dicht gedrängten Reihen der Trauernden und zwang mich, den Kopf hängen zu lassen; um mich herum entlud sich das Jammern hunderter Menschen immer wieder explosionsartig. Wie sollte ich mich verhalten? In jenen Jahren hatte ich vielerlei Gründe, Rotz und Wasser zu heulen, aber nun trennten mich nur noch einige Menschen von dem Augenblick, da ich an der Reihe war, vorzutreten und mich tief zu verbeugen. Und immer noch waren meine Augen trocken, was sollte ich also tun? Zwar fühlte ich keineswegs Gleichgültigkeit, aber in so einem Moment mussten unbedingt Tränen fließen! Wie verrückt suchte ich nach schmerzlichen Erinnerungen, bis mir plötzlich eine alte Fotografie aus dem Archiv unseres Büros einfiel: Das ob der erlittenen Schmach verzerrte runde Gesicht eines französischen Herren, der vom Straßenrand aus den Einmarsch der Nazis in Paris beobachtet; dieser alte Mann, in Tränen aufgelöst...., meine Augen brannten und ich überließ mein Kinn dankbar dem Zittern. Wenige Sekunden später gelang es mir, in Tränen auszubrechen.
Der Schauspieler Robert De Niro hat einmal in einer Hauptrolle einen Mafia-Boss mit einem Faible für Opern gespielt. Als sich sein Handlanger in die Loge schleicht und ihm zuflüstert, dass man den Polizeichef bereits erledigt habe, ist De Niro gerade von einer Arie zu Tränen gerührt. Nur sein Mundwinkel verzieht sich im ungebrochenen Weinkrampf zu einem leichten Lächeln. Auch habe ich einmal das Bekenntnis des Bühnenschauspielers Yu Shizhi (于是之) gelesen. Jedes Mal wenn er im dritten Akt des Stücks Das Teehaus von Lao She (老舍) wie vorgeschrieben in Tränen ausgebrochen war, sei ihm durch den Kopf gegangen: „Du hast nicht gepatzt, nicht gepatzt...“. Ich bin kein Schauspieler. Meine gewissenlosen Tränen bei der Trauerzeremonie waren nicht gespielt, nicht vorgetäuscht, aber natürlich, meine Damen und Herren, habe ich auch nicht ganz echt geweint. Nicht wegen Mao Zedong.
Dieser Text befasst sich mit der Zeit zwischen 1969 und 1979, er soll die siebziger Jahre einfangen. Tatsächlich sind in China die „siebziger Jahre“ bereits am 9. September 1976 zu Ende gegangen. Das Chaos der folgenden Jahre, welches das ganze Land erfasste, war bereits Andeutung und Vorspiel für die achtziger Jahre.
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Text: Chen Danqing (陈丹青)
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juni 2009
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juni 2009









