Kulturelles Gedächtnis

Teil 3: Die NS-Familienvergangenheit im neuen deutschen Familienroman

Ostheimer Neuer deutscher Familienroman Buchtitel-Collage
Ostheimer Neuer deutscher Familienroman Buchtitel-Collage
 
Die deutschsprachige Literatur hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Thema wiederbelebt, das in einer von der Globalisierung, dem Kampf der Kulturen und den Neuen Medien geprägten Zeit stark im Rückzug begriffen war: die Familie. Spätestens seit Günter Grass’ 2002 erschienenem Buch Im Krebsgang reißt der Strom an generationsübergreifender Erinnerungsliteratur nicht ab. Bezeichnenderweise gewannen gleich dreimal Familienromane den überhaupt erst viermal vergebenen Deutschen Buchpreis: 2005 Es geht uns gut von Arno Geiger, 2007 Die Mittagsfrau von Julia Franck und 2008 Der Turm von Uwe Tellkamp.

So verblüffend diese Renaissance auf den ersten Blick sein mag, so vertraut ist mit dem Nationalsozialismus derjenige Phänomenkomplex, der die Familiendynamik in den Romanen zumeist dominiert. Der neue deutsche Familienroman, wie man dieses Genre nennen könnte, beschäftigt sich mit den familiendynamischen Nachwirkungen der NS-Zeit auf Täter- und Opferseite, vor allem damit, wie die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, Krieg und Vertreibung zwischen den Generationen kommuniziert wird. Momentan zeichnen sich in der Familienerinnerungsliteratur drei Tendenzen ab: 1. Eine Selbsthistorisierung der 68er-Generation mit einer Neigung zur Versöhnung statt – wie früher – zur Anklage. 2. Die Aufarbeitung der generationsübergreifenden Nachwirkungen des Nationalsozialismus bei den Schriftsteller-Jahrgängen von 1945 bis 1965. 3. Ein Schwanken zwischen Aufbewahrung und Verabschiedung der eigenen Familiengeschichte bei den nach 1965 geborenen Autoren.

„Unscharfe Bilder“ © dtv
„Unscharfe Bilder“ © dtv
Selbsthistorisierung

Als Fortsetzung bzw. Transformation der Väterliteratur lassen sich diejenigen Bücher bezeichnen, in denen Angehörige der 68er-Generation den Blick auf die familiäre NS-Vergangenheit zum Ausgangspunkt machen, um ihre eigene Rolle während der Studentenbewegung zu thematisieren. Im Gegensatz zur Väterliteratur steht dabei nicht die Anklage im Zentrum, sondern Empathie und Verständnis. So fragt sich die Protagonistin Katja Wild in Unscharfe Bilder, dem 2003 erschienenen Roman von Ulla Hahn (geb. 1946), als sie der NS-Vergangenheit ihres alten und kranken Vaters nachforscht: „Warum hatte sie nicht schon damals in ihrer Studentenzeit auf klaren Antworten bestanden? Und auch danach nie wieder? Sie hatte geschwiegen. Genau wie der Vater. Und die anderen? Die gefragt hatten? Hatten die ihre Väter nicht zu erbarmungslos, voller Vorurteile gefragt? Ihnen keine Chance gegeben, offen zu reden? Hatten sie nicht allzu schnell die eigene Unschuld sichern wollen, indem sie ohne Unterschied eine ganze Generation zu Tätern, Mitläufern, Zuschauern machten, um ja nichts mit ihnen zu tun zu haben? Für die Väter galt dann: schuldig; für sie selbst: gewissenhaft. Sogar als Opfer konnte man sich sehen, als Opfer der Täter-Väter.“

Am Beispiel meines Bruders © dtv
Am Beispiel meines Bruders © dtv
Weniger selbstkritisch, doch auch an der Historisierung der 68er-Bewegung interessiert, zeigt sich der autobiographische Ich-Erzähler in Am Beispiel meines Bruder (erschienen 2003) des 1940 geborenen Uwe Timm. Zwar kreist das Buch um die SS-Vergangenheit des 1943 mit 19 Jahren verstorbenen Bruders, macht aber zugleich den Autoritätsverlust, den die Vätergeneration mit dem Ende des Krieges erlitt, zum vermuteten Ausgangspunkt für die Studentenbewegung: „Von einem Tag auf den anderen waren die Großen, die Erwachsenen, klein geworden. Eine Erfahrung, die ich mit vielen anderen meiner Generation teilen sollte. Wahrscheinlich gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser Erfahrung und der antiautoritären Bewegung der Studentenrevolte, die sich gegen die Vätergeneration richtete.“

„Ein unsichtbares Land“ © Fischer Verlag
„Ein unsichtbares Land“
© Fischer Verlag
Eine ähnliche Form von Geschichtsschreibung in eigener Sache betreibt der sich als Post-68er bezeichnende Ich-Erzähler in dem gleichfalls 2003 erschienenen Familienroman Ein unsichtbares Land von Stephan Wackwitz (geb. 1952). Das Schweigen über den Holocaust und die „deutschnationale Behinderung“ seines Großvaters übten auf den Erzähler einen fatalen Einfluss aus. Dadurch erklärt er sich retrospektiv seine Sympathien für den Linksextremismus in den 70er Jahren, seinen „Flirt mit dem anderen Totalitarismus“.

In der zeitgenössischen Familienerinnerungsliteratur der 68er bzw. Post-68er findet sich ein Verständnis- und Versöhnungsgestus, ja, eine Tendenz zum Generationenschulterschluss als Wiedergutmachung für die Vorwürfe, die man in der studentenbewegten Vergangenheit – vorschnell und überzogen – erhoben hatte. Die familiäre Kommunikation zwischen den Generationen, die aufgrund des starken Abgrenzungswillens in den sechziger und siebziger Jahren entweder gar nicht oder konfrontativ und ideologisch aufgeladen stattfand, wird nun im Rahmen einer Selbsthistorisierung der 68er-Generation schriftlich nachgeholt.

Generationsübergreifende Nachwirkungen

Von Täter- wie Opferseite beantwortet man in Bezug auf den Nationalsozialismus die Frage, wie die Generationen miteinander verknüpft werden, durch die Übertragung von Schuld oder Erinnerung. Der Ausgangspunkt für das Bestreben, die eigene Familienvergangenheit genauer zu erforschen, ist das oft unbestimmte Gefühl von nach 1945 Geborenen, auf unaufgeklärte Weise zum Gegenstand generationsübergreifender Übertragungsmechanismen geworden zu sein.

So versucht die Ich-Erzählerin in So sind wir, dem autobiographischen Familienroman der 1963 geborenen Gila Lustiger, sich vom „Erinnerungsgiftstoff“ und ihrer eigenen „Vorgeschichte zu befreien, die, so dachte ich, nichts mit mir zu tun haben durfte“. In der Schule wurde sie gerne von Lehrern als Tochter eines Auschwitzüberlebenden vorgestellt, während sie „wie meine deutschen Klassenkameradinnen“ sein wollte und darauf beharrte, dass „meine Individualität und mein Wesen“ sich doch „nicht nur aus der Leidensgeschichte meiner Familie und des europäischen Judentums erklären ließ“. Als nicht abzuschüttelnden Schatten der Opfervergangenheit formuliert das Buch, „dass wir, die Nachgeborenen, von der Angst verfolgt werden, wir könnten uns als unwürdig erweisen, ja als der letzte Jammerlappen, wenn wir unseren Sorgen und Wünschen Luft machen. Dass also jeder Nachgeborene glaubt, er müsste das Erbe der Geretteten und Ermordeten antreten“.

„Lenas Liebe“ © DuMont Verlag
„Lenas Liebe“ © DuMont Verlag
Ebenfalls die Nachwirkungen des Vernichtungsgeschehens in Auschwitz behandelt Lenas Liebe, der 2002 erschienene Roman von Judith Kuckart (geb. 1959). Es geht um das Selbstverständnis der Protagonistin, einer Enkelin der Tätergeneration, und darum, wie ihrem Leben in Form eines generationsübergreifenden Übertragungsprozesses die Liebesunfähigkeit und – zumindest indirekt – der Holocaust eingeschrieben ist. „Alle Geschichten gehören irgendwie zusammen“, verlautet der Text des Öfteren: Lenas Mutter wies ihre wahre Liebe zurück, da sie mit dem Trauma, das ihr späterer Liebhaber als Kind eines KZ-Wärters in Auschwitz erlitten hatte, nicht umgehen konnte. Zeitlebens wehrte sie den Anspruch auf authentische Liebe ab und verschwieg beharrlich die in die Familiengeschichte hineinwirkenden traumatischen Geschichtserfahrungen. Erst als Lena dieses Familiengeheimnis lüftet, wird der Protagonistin selbst klar, warum sie sich in Liebesverhältnissen bislang so destruktiv verhalten hat.

„Es geht uns gut“ © dtv
„Es geht uns gut“ © dtv
Aufbruch und Abriss

Vertraut man Philipp Erlach, dem Protagonisten von Es geht uns gut, dem 2005 erschienenen Roman des Österreichers Arno Geiger (geb. 1968), so ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Ära zu Ende gegangen, nämlich die Welt der Nachkriegsgesellschaft. Erlach, dessen Kennzeichen „familiäre Unambitioniertheit“ lautet, möchte nicht nur die alte Villa seiner Großeltern entrümpeln, sondern zugleich am liebsten seine gesamte Familiengeschichte entsorgen. „Er wirft in großem Stil weg, was ihm seine Großmutter hinterlassen hat“, und sagt sich selbst: „Erinner dich daran, dass Familiengedenken eine Konvention ist, die von denen erfunden wurde, die es nicht ertragen können, zu sterben und in Vergessenheit zu geraten.“ Die Verabschiedung der Familienvergangenheit verbindet sich hier mit der Sehnsucht nach einem Neuanfang.

„Heimsuchung“ © Eichborn Verlag
„Heimsuchung“ © Eichborn Verlag
Wie anders – bei ähnlicher Grundkonstellation – geht Jenny Erpenbeck, Jahrgang 1967, in ihrem 2008 erschienenen Roman Heimsuchung vor. Ausgangspunkt ist ein von einem Berliner Architekten 1936 erbautes Haus am Scharmützelsee, das nach dem Krieg in den Besitz von Erpenbecks Großeltern überging. Zwölf Geschichten, die sich alle um das Haus ranken, erzählen von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, von Krieg, Flucht und Vertreibung, aber auch von der Utopie Heimat, und bieten ein Panorama von drei Familien und fünf Generationen. Zum Schluss wird das Haus abgerissen und die Enkelin weiß nicht, wie sie erklären soll, „dass von dem Moment an, als sich abzeichnete, dass sie in diesem Haus nicht alt werden würde, die vergangene Zeit in ihrem Rücken zu wuchern begann, dass da ihre sehr schöne Kindheit ihr, die längst erwachsen war, mit so großer Verspätung noch über den Kopf wuchs und sich als sehr schönes Gefängnis erwies, das sie für immer einschließen würde.“ Erpenbecks Roman steht geradezu symbolisch für das Verfahren der Erinnerungsliteratur: Mögen geschichtsträchtige Orte auch zunehmend verschwinden, so gilt dies nicht für die damit verknüpften Personen und Ereignisse, wenn sie nur in einem erinnernden Erzählen aufgehoben werden.

Aussterben der Zeitzeugen

Für den Boom der zeitgenössischen Familienliteratur dürfte zu einem nicht geringen Teil die biologisch unvermeidbare Tatsache verantwortlich sein, dass sich mit dem Aussterben der Zeitzeugen des Nationalsozialismus ein Erfahrungsgedächtnis auflöst, das über 50 Jahre lang für die Erinnerungskultur Deutschlands bestimmend war. Momentan knüpfen viele Autoren an die autobiographischen Erfahrungen mit ihren Familienvorfahren an. Als das Ende authentischer Zeitzeugenschaft naht, begehrt die Gegenwartsliteratur dagegen auf, dass der Holocaust bislang keinen festen Platz im deutschen Familiengedächtnis fand.

Auch für die zukünftige Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit kommt den Schriftstellern Jorge Semprun zufolge eine entscheidende Rolle zu: „Die Erinnerung an den Genozid wie an die Résistance stirbt, wenn sich nicht junge, nachgeborene Schriftsteller dieser Stoffe annehmen. Bald wird es keine überlebenden Zeitzeugen mehr geben. Natürlich haben wir die Zeugnisse der Opfer und die Dokumente in den Archiven. Die Historiker werden weiter über den Zweiten Weltkrieg schreiben. Aber nur die Dichter können das Erinnern erneuern.“

Genannte Literatur:
Jenny Erpenbeck: Heimsuchung, Frankfurt a. M. 2008
Arno Geiger: Es geht uns gut, München 2005
Ulla Hahn: Unscharfe Bilder, München 2003
Judith Kuckart: Lenas Liebe, Köln 2002
Gila Lustiger: So sind wir, Berlin 2005
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders, Köln 2003
Stephan Wackwitz: Ein unsichtbares Land, Frankfurt a. M. 2003

Teil 1: Väterliteratur - Wie die Kinder der BRD um 1980 mit ihren Vätern abrechnen

Teil 2: Nachgeholte Trauerarbeit - Wie die ostdeutsche Literatur nach 1989 traumatische Familiengeschichten erinnert

Zum Vorwort: Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der deutschsprachigen Familienliteratur
Text: Dr. Michael Ostheimer
Germanist, Universität Chemnitz
April 2009

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