Teil 3: Die NS-Familienvergangenheit im neuen deutschen Familienroman


So verblüffend diese Renaissance auf den ersten Blick sein mag, so vertraut ist mit dem Nationalsozialismus derjenige Phänomenkomplex, der die Familiendynamik in den Romanen zumeist dominiert. Der neue deutsche Familienroman, wie man dieses Genre nennen könnte, beschäftigt sich mit den familiendynamischen Nachwirkungen der NS-Zeit auf Täter- und Opferseite, vor allem damit, wie die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, Krieg und Vertreibung zwischen den Generationen kommuniziert wird. Momentan zeichnen sich in der Familienerinnerungsliteratur drei Tendenzen ab: 1. Eine Selbsthistorisierung der 68er-Generation mit einer Neigung zur Versöhnung statt – wie früher – zur Anklage. 2. Die Aufarbeitung der generationsübergreifenden Nachwirkungen des Nationalsozialismus bei den Schriftsteller-Jahrgängen von 1945 bis 1965. 3. Ein Schwanken zwischen Aufbewahrung und Verabschiedung der eigenen Familiengeschichte bei den nach 1965 geborenen Autoren.

„Unscharfe Bilder“ © dtv
Als Fortsetzung bzw. Transformation der Väterliteratur lassen sich diejenigen Bücher bezeichnen, in denen Angehörige der 68er-Generation den Blick auf die familiäre NS-Vergangenheit zum Ausgangspunkt machen, um ihre eigene Rolle während der Studentenbewegung zu thematisieren. Im Gegensatz zur Väterliteratur steht dabei nicht die Anklage im Zentrum, sondern Empathie und Verständnis. So fragt sich die Protagonistin Katja Wild in Unscharfe Bilder, dem 2003 erschienenen Roman von Ulla Hahn (geb. 1946), als sie der NS-Vergangenheit ihres alten und kranken Vaters nachforscht: „Warum hatte sie nicht schon damals in ihrer Studentenzeit auf klaren Antworten bestanden? Und auch danach nie wieder? Sie hatte geschwiegen. Genau wie der Vater. Und die anderen? Die gefragt hatten? Hatten die ihre Väter nicht zu erbarmungslos, voller Vorurteile gefragt? Ihnen keine Chance gegeben, offen zu reden? Hatten sie nicht allzu schnell die eigene Unschuld sichern wollen, indem sie ohne Unterschied eine ganze Generation zu Tätern, Mitläufern, Zuschauern machten, um ja nichts mit ihnen zu tun zu haben? Für die Väter galt dann: schuldig; für sie selbst: gewissenhaft. Sogar als Opfer konnte man sich sehen, als Opfer der Täter-Väter.“

Am Beispiel meines Bruders © dtv

„Ein unsichtbares Land“
© Fischer Verlag
© Fischer Verlag
In der zeitgenössischen Familienerinnerungsliteratur der 68er bzw. Post-68er findet sich ein Verständnis- und Versöhnungsgestus, ja, eine Tendenz zum Generationenschulterschluss als Wiedergutmachung für die Vorwürfe, die man in der studentenbewegten Vergangenheit – vorschnell und überzogen – erhoben hatte. Die familiäre Kommunikation zwischen den Generationen, die aufgrund des starken Abgrenzungswillens in den sechziger und siebziger Jahren entweder gar nicht oder konfrontativ und ideologisch aufgeladen stattfand, wird nun im Rahmen einer Selbsthistorisierung der 68er-Generation schriftlich nachgeholt.
Generationsübergreifende Nachwirkungen
Von Täter- wie Opferseite beantwortet man in Bezug auf den Nationalsozialismus die Frage, wie die Generationen miteinander verknüpft werden, durch die Übertragung von Schuld oder Erinnerung. Der Ausgangspunkt für das Bestreben, die eigene Familienvergangenheit genauer zu erforschen, ist das oft unbestimmte Gefühl von nach 1945 Geborenen, auf unaufgeklärte Weise zum Gegenstand generationsübergreifender Übertragungsmechanismen geworden zu sein.
So versucht die Ich-Erzählerin in So sind wir, dem autobiographischen Familienroman der 1963 geborenen Gila Lustiger, sich vom „Erinnerungsgiftstoff“ und ihrer eigenen „Vorgeschichte zu befreien, die, so dachte ich, nichts mit mir zu tun haben durfte“. In der Schule wurde sie gerne von Lehrern als Tochter eines Auschwitzüberlebenden vorgestellt, während sie „wie meine deutschen Klassenkameradinnen“ sein wollte und darauf beharrte, dass „meine Individualität und mein Wesen“ sich doch „nicht nur aus der Leidensgeschichte meiner Familie und des europäischen Judentums erklären ließ“. Als nicht abzuschüttelnden Schatten der Opfervergangenheit formuliert das Buch, „dass wir, die Nachgeborenen, von der Angst verfolgt werden, wir könnten uns als unwürdig erweisen, ja als der letzte Jammerlappen, wenn wir unseren Sorgen und Wünschen Luft machen. Dass also jeder Nachgeborene glaubt, er müsste das Erbe der Geretteten und Ermordeten antreten“.

„Lenas Liebe“ © DuMont Verlag

„Es geht uns gut“ © dtv
Vertraut man Philipp Erlach, dem Protagonisten von Es geht uns gut, dem 2005 erschienenen Roman des Österreichers Arno Geiger (geb. 1968), so ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Ära zu Ende gegangen, nämlich die Welt der Nachkriegsgesellschaft. Erlach, dessen Kennzeichen „familiäre Unambitioniertheit“ lautet, möchte nicht nur die alte Villa seiner Großeltern entrümpeln, sondern zugleich am liebsten seine gesamte Familiengeschichte entsorgen. „Er wirft in großem Stil weg, was ihm seine Großmutter hinterlassen hat“, und sagt sich selbst: „Erinner dich daran, dass Familiengedenken eine Konvention ist, die von denen erfunden wurde, die es nicht ertragen können, zu sterben und in Vergessenheit zu geraten.“ Die Verabschiedung der Familienvergangenheit verbindet sich hier mit der Sehnsucht nach einem Neuanfang.

„Heimsuchung“ © Eichborn Verlag
Aussterben der Zeitzeugen
Für den Boom der zeitgenössischen Familienliteratur dürfte zu einem nicht geringen Teil die biologisch unvermeidbare Tatsache verantwortlich sein, dass sich mit dem Aussterben der Zeitzeugen des Nationalsozialismus ein Erfahrungsgedächtnis auflöst, das über 50 Jahre lang für die Erinnerungskultur Deutschlands bestimmend war. Momentan knüpfen viele Autoren an die autobiographischen Erfahrungen mit ihren Familienvorfahren an. Als das Ende authentischer Zeitzeugenschaft naht, begehrt die Gegenwartsliteratur dagegen auf, dass der Holocaust bislang keinen festen Platz im deutschen Familiengedächtnis fand.
Auch für die zukünftige Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit kommt den Schriftstellern Jorge Semprun zufolge eine entscheidende Rolle zu: „Die Erinnerung an den Genozid wie an die Résistance stirbt, wenn sich nicht junge, nachgeborene Schriftsteller dieser Stoffe annehmen. Bald wird es keine überlebenden Zeitzeugen mehr geben. Natürlich haben wir die Zeugnisse der Opfer und die Dokumente in den Archiven. Die Historiker werden weiter über den Zweiten Weltkrieg schreiben. Aber nur die Dichter können das Erinnern erneuern.“
Genannte Literatur:
Jenny Erpenbeck: Heimsuchung, Frankfurt a. M. 2008
Arno Geiger: Es geht uns gut, München 2005
Ulla Hahn: Unscharfe Bilder, München 2003
Judith Kuckart: Lenas Liebe, Köln 2002
Gila Lustiger: So sind wir, Berlin 2005
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders, Köln 2003
Stephan Wackwitz: Ein unsichtbares Land, Frankfurt a. M. 2003
Teil 1: Väterliteratur - Wie die Kinder der BRD um 1980 mit ihren Vätern abrechnen
Teil 2: Nachgeholte Trauerarbeit - Wie die ostdeutsche Literatur nach 1989 traumatische Familiengeschichten erinnert
Zum Vorwort: Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der deutschsprachigen Familienliteratur
Jenny Erpenbeck: Heimsuchung, Frankfurt a. M. 2008
Arno Geiger: Es geht uns gut, München 2005
Ulla Hahn: Unscharfe Bilder, München 2003
Judith Kuckart: Lenas Liebe, Köln 2002
Gila Lustiger: So sind wir, Berlin 2005
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders, Köln 2003
Stephan Wackwitz: Ein unsichtbares Land, Frankfurt a. M. 2003
Teil 1: Väterliteratur - Wie die Kinder der BRD um 1980 mit ihren Vätern abrechnen
Teil 2: Nachgeholte Trauerarbeit - Wie die ostdeutsche Literatur nach 1989 traumatische Familiengeschichten erinnert
Zum Vorwort: Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der deutschsprachigen Familienliteratur
Text: Dr. Michael Ostheimer
Germanist, Universität Chemnitz
April 2009
Germanist, Universität Chemnitz
April 2009









