Neue Interpretationen von Heimat


Liu Xiaodong: „Hometown Boy“, Ausschnitt, Foto: Chen Dan,
Bild: mit freundlicher Genehmigung von UCCA
Bild: mit freundlicher Genehmigung von UCCA
In der chinesischen Kultur war und ist „Heimat“ stets ein Koordinatensystem, aus dem man sich nicht lösen kann. Die Heimat war Ausgangs- und Endpunkt, Abschied und Reunion, in ihr lagen zugleich Freude und Schmerz. Der Heimatbegriff hat sich längst über den Geburtsort als rein geografische Vorstellung hinaus entwickelt und scheint schicksalhaft für das Leben aller Chinesen zu stehen. Man kann Heimat sogar als einen ewigen Kreislauf der Menschheit zwischen Individuum und Kosmos betrachten: Man bricht aus ihr auf, um nach ihr zu suchen, und kehrt schließlich in ihren Schoß zurück.
Das Thema „Heimat“ in der chinesischen Kunst umgab in der Vergangenheit stets eine schmerzliche Sehnsucht. In der Literatenmalerei des alten China lässt sich – die heimatlichen Gefilde vor Augen – dieses Gefühl immer wieder ablesen, es setzte sich im Pinselstrich der Maler unendlich fort. Vielleicht gerade weil der Heimat-Topos in der Kunst auf eine so lange Tradition zurückblickt, wandten sich die zeitgenössischen chinesischen Künstler von diesem Sujet ab und ließen es verkümmern. Sie schienen zu befürchten, durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat hoffnungslos veraltet, „unzeitgemäß“ oder „unmodern“ zu wirken.
Liu Xiaodong (刘小东) und Song Dong (宋冬), zwei bedeutende chinesische Gegenwartskünstler, scheinen sich dieser Logik in ihren Werken jedoch zu widersetzen. In ihren aktuellsten Arbeiten aus den Werkserien Hometown Boy und Wisdom of the Poor, die von November 2010 bis Februar 2011 und von Juli bis September 2011 im Ullens Center for Contemporary Art (UCCA) in Peking zu sehen waren, widmen sie sich thematisch ausschließlich dem scheinbar obsoleten Heimatsujet. Liu Xiaodongs Ausstellung setzt sich dabei aus drei Teilen zusammen: aus über 20 Bildern, die der Künstler innerhalb von drei Monaten in seiner Heimatstadt Jincheng in der Provinz Liaoning gemalt hat, aus über 200 schriftlichen Aufzeichnungen sowie aus einem Dokumentarfilm, den der berühmte taiwanische Regisseur Hou Hsiao-Hsien (侯孝贤) über den Prozess des Heimkehrens drehte.
Song Dong verarbeitete das Thema künstlerisch noch direkter: Er rekonstruierte die Lebenswelt seiner Kindertage und ließ das einfache, beengte, aber doch auch liebevolle Zuhause in einem alten Pekinger Hutong auferstehen. Die Werke beider Künstler geben eine aktuelle Vorlage für die Interpretation chinesischer Heimatgefühle ab.
Liu Xiaodong: Hometown Boy
Anders als viele akademische Maler, die sich auf ihr Atelier beschränken, hat sich Liu Xiaodong für seine bekannten Werke der letzten Jahre regelmäßig auf Reisen begeben und hat seine Themen direkt aus dem Leben gegriffen, so am Drei-Schluchten-Staudamm, auf dem Qinghai-Tibet-Plateau oder auch im Ausland. Auf einfache, ehrliche und direkte Weise versucht er, dem Betrachter seine unmittelbaren Eindrücke von diesen Schauplätzen zu vermitteln.
In der Serie Hometown Boy hat Liu Xiaodong seine Heimatstadt und seine Erinnerungen an früher in den Fokus genommen. Für so eine durch sich selbst an der eigenen Person vollzogene „Examination“ braucht es vor allem ausreichend Mut. So vermerkte der Maler auf der Titelseite des Tagebuchs über seine Rückkehr in die Heimatstadt: „Dieses Mal will ich wirklich zuhause ankommen“. Was sich hier mit „Heimat“ verbindet, sprengt den rein geografischen Rahmen seiner Heimatstadt Jincheng. Der Maler, den es einst zum Malen in die Fremde zog, schlägt nun genau die entgegengesetzte Richtung ein, man könnte sagen, dass er „eine Kehrtwende macht und in die Tiefen der eigenen Seele vordringt.“

Liu Xiaodong: „Hometown Boy“, Ausschnitt, Foto: Chen Dan, Bild: mit freundlicher Genehmigung von UCCA
Das Kinderzimmer des Malers, die Spielkameraden aus Kindertagen, die in die Jahre gekommen Eltern – gleich einer Filmgeschichte, die sich nach und nach entwickelt, wird hier erzählt, wie sich Stimmungen aus der Vergangenheit und der Gegenwart überlagern. Hätte es nicht den Druck dieser Ausstellung gegeben, freiwillig wäre er nicht zurückgekehrt, um zu malen, bekennt Liu Xiaodong, denn „das wäre mir ziemlich unangenehm gewesen“. Eben hierin liegt eine Besonderheit der chinesischen Kultur: Die Kinder brechen von zuhause in die Welt auf, bringen sie es zu nichts, schämen sich, heimzukommen und haben Angst vor dem Spott der daheimgebliebenen. Doch auch wer es geschafft hat, lässt sich in der Befürchtung, als Aufschneider zu gelten, ebenfalls nur ungern zuhause blicken. Auf Liu Xiaodong dürfte Letzteres zutreffen.
Während Jincheng in Nordostchina einmal ein wichtiger Standort für die Papierproduktion war, steht der Ort heute vor dem gleichen Schicksal wie viele andere Industriestädte dieser Region. Die Stadt wurde von dem rasanten Einzug der Marktwirtschaft in China überrollt und Liu Xiaodongs ehemalige Spielkameraden, einst die selbstbewusste Arbeiterklasse der Papierfabrik, sind heute von Arbeitslosigkeit bedroht. Als einer der gefragtesten Malerstars der zeitgenössischen chinesischen Kunstszene war Liu Xiaodong unsicher, wie er seinen mittellosen Freunden gegenübertreten sollte. Dieses Gefühl wurde zur inneren Hemmschwelle, wenn er früher daran dachte, nach Hause zu fahren.
Schließlich empfing die Heimat den Rückkehrer mit offenen Armen. Niemand fragte ihn während seines dreimonatigen Heimaturlaubs nach dem für die Städter so eklatant wichtigen Preis seiner Bilder. Nach beruflichen Dingen wurde er überhaupt nicht gefragt. Die Freunde freuten sich einfach, Zeit mit ihm zu verbringen und schauten wie früher vorbei, um gemeinsam zu essen, zu trinken oder zu singen. Daher kommt es wohl, dass seine Freunde auf den Bildern so lebendig wirken. Jeder brachte seine eigenen kleinen Geschichten, seine persönlichen Höhen und Tiefen mit und Liu Xiaodong malte alles mit viel Liebe zum Detail und zugleich mit einem Hauch von Melancholie: „Zum Leben von früher kann man zwar nicht zurückkehren, aber trotzdem hat sich über die Jahrzehnte ein schönes Gefühl der Verbundenheit erhalten“, so der Maler. „Ich möchte ihre Gesichter und ihre Haut malen, die typischen Züge ihrer Familie einfangen. Als kleinen Beweis für die Jahrzehnte, die wir miteinander verbracht haben.“
Doch die eigentlich dramatische Szene ereignete sich, kurz bevor der Maler sein Werk vollenden konnte. Ein Lastwagen krachte in sein provisorisches Atelier und beschädigte ein noch unfertiges Bild. In seiner Ausstellung Hometown Boy präsentierte Liu Xiaodong dieses „zerstörte Gemälde“ an einer prominenten Stelle in der Haupthalle des Ullens Centers. Vielleicht bringt eben dies den tiefgründigsten Gedanken des Malers über Heimat zum Ausdruck: In der modernen Gesellschaft haben die Menschen kaum mehr Zeit, ihren Gefühlen über die Vergangenheit nachzuspüren, sondern warten schicksalsergeben auf das, was kommt.
Song Dong: Wisdom of the Poor
Auch Song Dong setzt sich in seinen Arbeiten schon lange mit der eigenen Heimat auseinander und verwischt dabei die Grenzen zwischen Lebenswelt und Kunstwerk. Doch etwas ist anders: Während Hometown Boy mehr die Zerrissenheit der Heimat zwischen Gegenwart und Vergangenheit herausarbeitet, drückt sich in Wisdom of the Poor unter Rückgriff auf die Heimat eine besondere Lebensphilosophie der Chinesen aus.

Song Dong „Wisdom of the Poor: Living
with the Tree“ 2005, Installation,
Bild: mit freundlicher Genehmigung
von UCCA
with the Tree“ 2005, Installation,
Bild: mit freundlicher Genehmigung
von UCCA
Jeder Ausländer, der einmal in Peking war, ist von der speziellen Atmosphäre der traditionellen Pekinger Siheyuan-Wohnhöfe fasziniert. In diesen scheinbar chaotischen Innenhöfen bildet sich der Alltag der alteingesessenen Pekinger Bevölkerung bis heute als Mikrokosmos ab. Allerdings betrachten die meisten Menschen die Pekinger Gassen mit den Augen einer gewissen folkloristischen Sensationslust. Das Verdienst Song Dongs, der hier von klein auf gelebt hat, ist es indessen, dass er die Pekinger Hutongs als erster Künstler aus der Perspektive einer „Ästhetik der Armut“ erschließt und seine Reflexionen durch seine spielerische Form der Kunstdarstellung auf eine philosophische Ebene hebt.
Song Dongs Serie überdimensionaler Installationen basiert auf den Erinnerungen an knappe Zeiten: Wegen der beengten Verhältnissen musste der kleine Song Dong auf einer Truhe schlafen. In dieser kistenartigen Schlafstätte war gleichzeitig die Kleidung der gesamten Familie untergebracht. Die ganze Familie lebte auf lediglich 5,8 Quadratmetern. Über viele Jahre war es der größte Wunsch der Eltern, einen geräumigen Kleiderschrank zu besitzen, in dem man alle Kleider bequem unterbringen könnte. So kam es in Song Dongs Arbeit zu dem „Szenario mit großem Kleiderschrank“. In Venedig füllte und teilte Song Dong den Raum der Haupthalle sogar durch über hundert Kleiderschränke, die er selbst zusammengetragen hatte, und ließ andere Künstler ihre Werke darin präsentieren. Während das Publikum staunend in dieses Meer von Kleiderschränken eintauchte, konnten wahrscheinlich nur diejenigen, die das Leben in Peking vor einigen Jahrzehnten selbst erlebt haben, das Schmerzliche dieser Installation nachempfinden.

Song Dong, Foto: Tang Xuan, Bild:
mit freundlicher Genehmigung
von UCCA
mit freundlicher Genehmigung
von UCCA
Ob in Peking oder auf der Biennale in Venedig, stets erregt Song Dong mit seinen Arbeiten Aufmerksamkeit. Dabei will er anders als andere chinesische Gegenwartskünstler mit seiner Kunst keineswegs irgendwelche „chinesischen Symbole“ kreieren, die im Ausland besonders gut ankommen, sondern er greift sich eine lokal geprägte Kultur heraus und konzentriert sich dann darauf, einen allgemeinen „Notstand“ darzustellen. Gerade auch die zeitgenössische chinesische Kunst hat aus so einem „Notstand“ ihren Ausgang genommen, denn sie baute darauf auf, historisch gesehen von den Erkenntnissen der westlichen Kultur ausgeschlossen gewesen zu sein, die aber zugleich die Phantasie beflügelten. So herrschte lange ein kultureller „Notstand“, aber eben diesen hat sich das avantgardistische chinesische Kunstschaffen der Gegenwart zunutze gemacht. Wie die armen Leute in den Gemeinschaftswohnhöfen aus ihrer beengten Alltagssituation eine eigene Kultur geschaffen haben, so ist für chinesische Künstler die eigene karge „Heimat“ zu einer fruchtbaren Quelle der Kreativität geworden.
Text: Wang Yan (王岩)
Kunstjournalistin, Beijing Youth Daily
Übersetzung: Julia Buddeberg
Dezember 2011
Kunstjournalistin, Beijing Youth Daily
Übersetzung: Julia Buddeberg
Dezember 2011
Links zum Thema
- Link zur Ausstellung Liu Xiaodong im UCCA


- Link zur Ausstellung von Song Dong Wisdom of the Poor im UCCA


- Mitten aus der Großstadt – Peking: Liu Xiaodong (刘小东): Eine Art Heimkehr (Deutsch-chinesisches Kulturnetz, Dezember 2010)


- Geschichte ist das Irreparable – Chinesische Gegenwartskunst im Berliner Haus der Kulturen (Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, Mai 2008)











