Freiheit oder Schönheit? Gastfreundschaft in West und Ost


Mitten im alten China, Anfang der 80er-Jahre: Ich war mit einer Chinesin unterwegs, die sich in den Kopf gesetzt hatte, mir abseits des vorgegebenen touristischen Pfades das „echte“ China zu zeigen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir einer unserer spontanen Besuche bei Bauern: Nachdem man mich auf den Ehrenplatz genötigt hatte, gab es Tee mit Zucker, viel Zucker; und obwohl ich den Tee lieber ungesüßt getrunken hätte, war Widerspruch zwecklos. Zucker sei das Kostbarste, was man mir auf dem Land anbieten könne, so meine Reisebegleiterin, das dürfe man nicht ablehnen.
Und so ging es im Prinzip auch bei all meinen weiteren Reisen in den Fernen Osten zu, ob in China, Japan oder Korea, die Gastgeber waren stets bestrebt, mich gegen meinen Willen zu verwöhnen. Im Zweifelsfall sogar mit Wiener Schnitzel; dass ich viel lieber „authentisches“ Essen gehabt hätte, ließen sie nicht gelten. Rücksichtsloser kann Gastfreundschaft kaum sein: Man bekommt gegen seinen Willen nachgelegt und -geschenkt, muss auf Kommando singen, Trinksprüche erfinden und auf ex kippen, Stegreifgedichte zum Besten geben oder Lobreden auf das Land des Gastgebers. Der Gast ist nichts anderes als ein Gefangener im goldenen Käfig, der durch permanente Entmündigung vollkommen mürbe gemacht wird – so jedenfalls könnte man’s als hartgesottener Westler sehen.
Und im umgekehrten Fall, wie mag man als Chinese deutsche Gastfreundschaft erleben? Vorsichtig formuliert: als ziemlich informell. Was wird er wohl empfinden, wenn er schon bei der Begrüßung aufgefordert wird, sich „hier wie zu Hause“ zu fühlen – wo man sich als Gast im Fernen Osten doch alles andre als zu Hause fühlen soll? Sondern wie im Siebten Himmel? Nicht selten habe ich von deutschen Gastgebern den gut gemeinten Satz „Mein Kühlschrank ist dein Kühlschrank“ gehört, sprich: ‚Iss und trink soviel du magst, aber stör mich bitte nicht mit deinen Wünschen’. Und einmal, vor Jahrzehnten in einer WG, als ich tatsächlich zum Kühlschrank ging, war er bis auf ein paar verschrumpelte Tomaten leer – als Gast war man hier Mitbewohner und hatte erst mal selber einzukaufen.
So schlimm kommt’s sonst nur im Essay; doch auch in sogenannten gutbürgerlichen Haushalten saß ich oft genug vor einem leeren Glas, weil’s der Gastgeber mit dem Nachschenken nicht so genau nahm, die Flasche stand ja für jeden griffbereit auf dem Tisch, ich war in seinen Augen sozusagen selber schuld. Eine Kleinigkeit? Allerdings eine bezeichnende; solche Gastgeber versäumen es nicht selten auch, ihre Gäste untereinander ins Gespräch zu bringen, erwarten im Grunde, dass man das selber macht („Na, haben Sie sich schon bekannt gemacht?“), wohingegen der ritualisierte Austausch von Visitenkarten im Fernen Osten nicht ohne Grund Pflichtauftakt jeder Unterhaltung ist. Bei uns soll es möglichst „relaxt“ zugehen, Etikette wird nicht mehr als wunderbare Hilfestellung für alle Beteiligten begriffen, sondern als alter Zopf, der – das verhängnisvolle Erbe der 68er – abgeschnitten gehört.
Wie oft habe ich mich in solchen Situationen in Grund und Boden geschämt, wäre am liebsten erst wieder auf der anderen Seite der Welt aufgetaucht, wo man zwar oft ins entgegengesetzte Extrem verfällt, unsere im Grunde kümmerliche Emanzipation von traditionellen Spielregeln jedoch nicht schätzt. Gut, die neudeutsche Form der Gastfreundschaft basiert auf der Idee, den Gast gar nicht als Gast, sondern als vorübergehenden Teil der Familie zu behandeln – er muss sich ins Gefüge unseres Alltags einordnen, und das brave Hinaustragen des Geschirrs steht symbolhaft für seine Demokratisierung, während er andernorts noch als König hofiert wird. Absurderweise fühlen wir uns dabei tatsächlich frei und vielleicht sogar wohl, als ob in dieser nachlässigen Auffassung von Gastfreundschaft unser höchstes Gesellschaftsideal zum Ausdruck kommt: ein grundsätzliches Laissez-faire, von fernöstlichen Besuchern fälschlicherweise als Achtlosigkeit empfunden, in Wirklichkeit stillschweigende Huldigung der Freiheit – bei welcher Gelegenheit auch immer.
Soweit, so gut. Doch könnte man das nicht auch als ganz grundsätzlichen Kultur- und Werteverlust begreifen, der nicht mehr viel an Spielregeln übrig gelassen hat als diese hemdsärmelige Kumpanei von Gast und Gastgeber? Von einem Chinesen, schätze ich, wird derlei lächelnd als Rüpelhaftigkeit ertragen, wo es in Wirklichkeit meist nur Gedankenlosigkeit ist; während der distanzierte Formalismus fernöstlicher Etikette, von uns fälschlicherweise als Verklemmtheit empfunden, in Wirklichkeit nichts Geringeres ist als eine Art Ästhetizismus – welch ein Aufwand, um miteinander einen schönen Abend zu inszenieren! Dass Schönheit nur unter Schmerzen entsteht, ja dass eine Essenseinladung im Fernen Osten Gefahr läuft, in ein sadomasochistisches Ballett auszuarten, versteht sich - Schönheit ist von jeher Gewaltanwendung.
Bedingungslos gastfreundlich die einen, bis hin zur Überwältigung des Gastes; auf beiläufige Weise ungastlich die anderen? Beides problematisch, die gängige Kritik am chinesischen Anti-Individualismus könnte mühelos durch Kritik an unserem Hyper-Individualismus konterkariert werden. Es täte uns jedenfalls nicht unbedingt schlecht, wenn wir anhand des fernöstlichen Vorbilds von Gastfreundschaft (nicht von dessen Karikatur, versteht sich) wieder in eine neue Höflichkeit, vielleicht auch einmal: Verbindlichkeit des Umgangs miteinander fänden.
Viel war die Rede von der deutschen Gastfreundschaft anlässlich der Fußball-WM 2006; die Medien überschlugen sich vor Begeisterung über unsere neue Herzlichkeit im Umgang mit allen, die da zum Mitfeiern gekommen waren. Die Frage ist freilich, ob ein friedliches Besäufnis von Fußballfans verschiedener Nationalitäten schon etwas mit tatsächlicher Gastfreundschaft zu tun hat; so wie ich die entsprechenden Situationen auf der Hamburger Fanmeile selber erlebt habe, war der Jubel über die deutschen Siege schlichtweg so groß, dass jeder Ausländer im Überschwang vorübergehend zwangseingemeindet wurde – vorübergehend! Viele blieben trotz allem eher in ihrer eignen Fangruppe; und wenn sie gar in die allgemeine Seligkeit nicht einzustimmen gewillt waren – wie beispielsweise die Italiener nach ihrem Sieg über die deutsche Elf –, so war es mit dem gemeinsamen Feiern auch schon vorbei. So lange wir die Spielregeln vorgeben und dabei trotzdem unverbindlich bleiben durften, so lange waren wir gastfreundlich; alles andre ist von den Medien entsprechend hochgejubelt worden und danach schnell wieder einer normalen Gastlichkeit gewichen. Die im Übrigen ja auch längst nicht so herbe ist, wie sie von uns selbst immer gemacht wird.
Matthias Politycki, geboren 1955, gilt als „eminenter Humorist“ (Die Zeit) und ist einer der wichtigsten deutschen Autoren der Gegenwart. Sein umfangreiches Werk umfasst Prosa, Essays und Lyrik. Im Frühjahr erscheint sein neuer Gedichtband Die Sekunden danach. Svendborger Gedichte im Hoffmann und Campe Verlag. Zu seinen früheren Werken zählen der Weiberroman, Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft, Herr der Hörner und In 180 Tagen um die Welt.Gedicht von Matthias Politycki
Aufbau Fernost
Übungseinheit Völkerverständigung:
Wir nehmen eine Einladung zum Essen an
Er empfängt dich, schon lachend,
in der „Mutter aller Tofu-Suppen“,
im Pelz seiner Zunge stecken rohe Fischreste,
er begrüßt kurz den Tee,
ehe er seine Liebe zum Schüsselgedicht bekennt
und behauptet, Gemüse mache Tränen,
er hingegen rühme den zärtlichen Geschmack des Hundefleisches
und Regenwetter, dabei könne man gut trinken, oja,
trinken und dann, höchstes Glück, die Krawatte ablegen,
weshalb es im Paradies so gern regne, haha,
will alles heißen: Bitte nehmen Sie Platz!
Dann tischt er dir ein Gurgelwasser auf,
die Freundschaft unsrer Völker zu beschwören,
worauf du ihm sogleich einen Dattelbären aufbindest,
ein Stegreifgedicht über den Duft des Herzens abläßt
und ihm, der brav zu allem nickt, eröffnest,
heute sei Tag der Blumenschuhe und
daß du neulich dem Wasser beigewohnt hast,
mit dem Plätschern eines Bergbachs könne man
sehr gut die Ohren auswaschen,
weshalb es im Paradies so viele Bäche gebe, jaja
Und egal, ob er dann nickt, lacht, lächelt oder
dich stumm von ganz weit unten anvisiert,
will alles heißen: Guten Appetit, greifen Sie zu!
Text: Matthias Politycki
freier Schriftsteller in Hamburg und München
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2008
freier Schriftsteller in Hamburg und München
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Juli 2008









