Wenn Freunde aus der Ferne kommen...


„Wenn Freunde aus der Ferne kommen, ist das etwa kein Anlass zur Freude?“ Diesen Ausspruch des weisen Philosophen Konfuzius kennt in China jedes Kind. In einem Land, in dem man seit jeher die Etikette groß schreibt, steht das Zitat für die natürliche Gastfreundschaft der Chinesen.
An der Art, wie man in China und im Westen Besuch empfängt, lassen sich Kulturunterschiede festmachen. Die traditionelle Lebenseinstellung der Chinesen ist geprägt von einer Haltung der Mitmenschlichkeit sowie von der Gewohnheit, dem Gast den höchsten Platz zuzuweisen. Wenn ein Freund aus der Ferne kommt – und je weiter die Ferne, desto ehrenwerter der Gast – dann ist das ein großes Ereignis. Man wird ihn feierlich empfangen, und von der Ankunft bis zur Verabschiedung des Geladenen wird alles mit größter Sorgfalt vorbereitet.
In den USA lud mich einmal ein Freund feierlich für drei Tage zu sich in eine kleine Provinzstadt ein. Er war ein herzlicher Gastgeber, aber die Bewirtung war einfach. So einfach, dass es zum Sattessen nicht reichte. Haferkringel und Vollkornbrot, das war's auch schon. Mitten in der Nacht stand ich auf und durchsuchte den Kühlschrank, nur um mich dann schlecht gelaunt wieder in mein Bett zu trollen. In China wäre so etwas unvorstellbar. Wenn Chinesen Freunde bewirten, fühlen sie sich unbedingt in den Besucher ein. Stammt er aus der südwestlichen Provinz Sichuan, hält man Sichuan-Pfeffer bereit, kommt er aus der östlichen Provinz Shandong, kocht man mit Zwiebeln. Wenn die ausländischen Sport-Teams nach China zu den Wettkämpfen anreisen, wird man sie sicherlich mit westlichen Speisen bewirten.
Es gibt zahlreiche chinesische Sprichwörter, welche diese Umsicht gegenüber dem Gast zum Ausdruck bringen: „Bringt man eine Gänsefeder über tausend Meilen mit, wiegt sie leicht als Geschenk, jedoch schwer als Beweis der Freundschaft.“ Man versetzt sich in die Situation des Angereisten, und so sind es die tausend Meilen, die dem Geschenk die Bedeutung verleihen. Bringt der Nachbar nur eine Daune, dann muss er ein Geizhals sein. Bewirtet man einen Gast nicht angemessen, obwohl man doch jede Einkaufsmöglichkeit vor der Tür hat, so wirkt das unterkühlt. Der „Umgang zwischen zwei Edlen ist so klar wie Wasser“, lautet ein anderes geflügeltes Wort. Hinter den „Edlen“ verbergen sich nicht zwei X-beliebige, sondern die besten, seelenverwandten Freunde. Nur eine solche Beziehung erlaubt es, sich über Höflichkeitsrituale hinwegzusetzen.
Im Westen ist das anders, man ist direkter. Ein Freund erzählte mir folgende Anekdote: In den USA wurde er von einem amerikanischen Bekannten, den er einige Jahre aus den Augen verloren hatte, wiederholt zu sich eingeladen. Um nicht unhöflich zu sein, nahm er die Einladung schließlich an. Nachdem die beiden die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht hatten, saß man fröhlich beisammen. Dann wurde es Zeit, sich zu verabschieden. Mein Freund war eben über die Schwelle getreten, und wollte sich noch umdrehen, um zum Abschied zu winken, als die Tür schon mit einem Knall ins Schloss fiel. „Um ein Haar hätte ich mir die Nase eingeklemmt“, regt sich mein Freund jedes Mal auf, wenn er davon berichtet. Für einen Chinesen ist diese Nachlässigkeit im Moment des Abschieds ein Affront. Nach traditioneller chinesischer Etikette ist der Ritus, den Gast an die Schwelle zu begleiten, ein Ausdruck höchster Wertschätzung. Dem Besucher winkend Lebewohl zu sagen ist nicht allein ein höfliches Ritual, sondern ein Ausdruck der Gefühle, die in der chinesischen Kultur eng mit Freundschaft und Gästen verbunden sind.
Zahlreiche klassische Gedichte beschreiben dieses Motiv: „Winkend ziehst du deiner Wege, begleitet vom Wiehern deines Pferdes“, lautet etwa der letzte Vers von Li Bais Gedicht Abschied vom Freund. Das Pferd ist schon nicht mehr zu erkennen, aber die Hand grüßt ihm noch nach. So schickt man in China Freunde und Gäste auf den Weg. Ich denke, dass es sich bei dieser Sitte nicht einfach um ein förmliches Zeremoniell handelt; für die Chinesen ist dies ein entscheidendes Element, um die persönliche Beziehung zu festigen und Sympathie zu bekunden.
Dies mag auch mit dem Entwicklungsstand von Gesellschaften zu tun haben. Je mehr ein Ort von der Zivilisation erobert wird, desto oberflächlicher die menschlichen Beziehungen. Viele Menschen empfinden dies so. In unterentwickelten Regionen, die noch von einem bäuerlichen Leben geprägt sind, begegnet man der Außenwelt mit einer grundsätzlichen Neugier. Die Gebiete in meiner Heimat Sichuan, welche am schwersten von der Erdbebenkatastrophe im Mai dieses Jahres getroffen wurden, waren allesamt Bergregionen, die vom wirtschaftlichen Aufschwung noch kaum berührt sind. Die Menschen dort sind äußerst gutherzig und liebenswürdig. Im Fernsehen habe ich gesehen, dass auch viele Touristen von dem Unglück betroffen waren, niemand hatte genug zu essen. Die Dorfbewohner in den Erdbebengebieten gaben von dem wenigen Essen, welches ihnen geblieben war, zunächst den Fremden und dann den Kindern und alten Menschen aus dem Dorf. Erst ganz zum Schluss kamen die Erwachsenen an die Reihe. Es war bewegend zu sehen, wie selbst angesichts einer Katastrophe die Gastfreundschaft hoch gehalten wurde. Den Spruch, „sich für die Gäste etwas vom Leibe absparen“, führen die Chinesen seit vielen tausend Jahren im Munde, und er hat bis heute Gültigkeit. Während der Katastrophenhilfe durch das gesamte chinesische Volk ist auch der alte Brauch, „den eigenen Beutel zu leeren, um anderen zu helfen“, wieder zu Tage getreten. „Den Beutel leeren“ heißt, alles herzugeben, um Anderen beizustehen, und viele Chinesen haben das in der Tat so gemacht. Ich glaube, dass das im Westen vielleicht eher selten und nur schwer zu verstehen ist.
Man könnte sagen, dass die Chinesen einen Olympia-Komplex haben. Vor vielen Jahren, als ein Chinese zum ersten Mal an den Olympischen Spielen teilnahm , hatte man in China noch kaum von der Olympiade gehört. Das Land wurde als der „kranke Mann Asiens“ belächelt. Von den Chinesen wurde dies als eine Schmach empfunden, welche sich als Schatten auf die nationale Seele legte. Dies wurde vom Westen kaum verstanden. Nach so vielen Jahren kommen die Olympischen Spiele nun nach China, welches sich sehr verändert hat. Ein Werbeslogan bringt die Empfindungen und Erwartungen der Chinesen auf den Punkt: „Der chinesische Auftritt auf der Bühne der Welt.“ Dahinter verbirgt sich wohl ein Herzenswunsch der Chinesen. Seit langer Zeit warten sie darauf, sich auf der großen Bühne der Welt präsentieren zu können. Außerdem ist die westliche Sicht auf China seit der Gründung der Volksrepublik – vielleicht kann man sogar sagen seit jeher – einseitig, oberflächlich und voll von Missverständnissen. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, die von vielen Landsleuten geteilt wird. Nun hoffen die Chinesen, dass die Welt durch die Olympischen Spiele bis ins Herz Chinas vordringt und das Reich der Mitte wirklich und eingehend kennen lernt.
Dabei spielt bei den meisten Chinesen auch die Neugier auf die Welt eine Rolle. Sie möchten wissen, wie die Welt ihr Land sieht. Und sie wollen Menschen jeder Hautfarbe und jeder Abstammung vorführen, was sich in der Volksrepublik in den letzten dreißig Jahren verändert hat. Ähnlich einer traditionellen Familie, die aus bestimmten Gründen wenig Kontakt zur Außenwelt pflegte und der sich plötzlich hoher Besuch ankündigt. Nun herrscht Vorfreude bei jung und alt. Nach alter Tradition putzt man den Hof heraus, schlachtet Schweine und Lämmer und präsentiert seine wertvollsten Schätze. Man will die Gäste auf jeden Fall zufrieden stellen. So empfängt man in China traditionell Besuch. Aus der Perspektive des Westens mag das zu herzlich und übertrieben, ja befremdlich erscheinen. Geht man aber allein von den eigenen Gewohnheiten aus, kommt es zu Unsicherheiten und Argwohn. Man muss gar nicht von den zwischenstaatlichen Reaktionen während des Olympischen Fackellaufs sprechen. Das Echo der Bevölkerung aus den einzelnen Ländern belegt zwei komplett verschiedene Welten und unterschiedliche Betrachtungsweisen desselben Problems. „Eine gute Absicht für Eselsinnereien halten“, heißt es in China. So unverstanden fühlte sich das chinesische Volk und erntete dazu noch Schmähungen. In der Folge schlug das Pendel in die andere Richtung aus und rief bei einem Teil der Chinesen nationalistische Gefühle hervor.
Die chinesische Bevölkerung mag die Olympischen Spiele als eine Bühne betrachten, auf der man der ganzen Welt die traditionelle Kultur, auf die man mit stolz blickt, sowie den chinesischen Nationalcharakter, chinesische Gastfreundschaft und Etikette vorführt. Wang Bo, ein Dichter der Tang-Zeit, schildert in einer Fu-Ode die harmonische Eintracht von Gastgeber und Geladenem: „Die vier Schönheiten mögen vorhanden sein, jedoch wie schwer kommen zwei zusammen“, seufzte der Dichter. Hinter den „zwei“ verbergen sich der wohlwollende Gastgeber und sein ehrenwerter Besuch. Um es anders zu sagen: Es ist selten, dass ein guter Gastgeber und ein hoher Gast aufeinander treffen, kommt es aber zu dieser Begegnung, ist das eine glückliche Fügung. Eine schicksalhafte Begegnung, die nicht vom Himmel fällt, sondern erst durch gegenseitiges Verständnis und Einfühlungsvermögen zustande kommt.
Zhai Yongming, geboren 1955 in Sichuan, veröffentlicht seit 1981 Poesie. 1984 vollendete sie ihren Gedichtzyklus Woman, welcher zwei Jahre später publiziert wurde und als chinesisches Debut- und Vorzeigewerk einer „weiblichen Poesie“ maßgeblich wurde. 1990-1991 hielt sich die Dichterin in den USA auf. 1998 eröffnete sie gemeinsam mit Freunden in Chengdu das Literaturcafe Weiße Nächte, widmete sich weiterhin intensiv dem Schreiben und organisierte Filmvorführungen mit Werken unabhängiger Filmemacher sowie Literatur- und Kunstveranstaltungen. Der Club Weiße Nächte entwickelte sich zu einem bekannten Künstlertreff. 2000 ging Zhai Yongming mit einem DAAD-Stipendium nach Deutschland. Ausgewählte lyrische Werke: Woman (1986), Selected poems of Zhai Yongming (1994), Call it everything (1997), Plain songs at night (1997), Finally running out of money(2002). Essay-Sammlungen: Buildings on paper(1997), Tough broken flowers (1999), Just as you have seen(2004). Gemischte Poesie und Prosa: The most flowery words. Gesammelte Kritiken: Such a genius(2008).Text: Zhai Yongming
Schriftstellerin, Dichterin und Besitzerin eines Cafés in Chengdu
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2008
Schriftstellerin, Dichterin und Besitzerin eines Cafés in Chengdu
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2008









