Finanzkrise

„Das Schlimmste steht noch bevor.“

Jazzatlas Ruhr, Foto: Isabel Dreesbach
Jazzatlas Ruhr, Foto: Isabel Dreesbach
Kulturhauptstadt Europa Ruhr.2010: Streichungen im Programm durch Wegfall von Sponsoren. Bild: Jazzatlas Ruhr, Foto: Isabel Dreesbach

Jetzt wird es ernst. Wenn bisher die Kultur innerhalb der dramatischen Verwerfungen in der Finanzwirtschaft, den Absatzeinbrüchen in der "Old Economy" wie eine Insel der Seligen erschien, so ist es damit nun vorbei. Auch der mit über 8 Mrd. Euro subventionierte öffentliche und privatrechtlich-gemeinnützige Kulturbetrieb in Deutschland bekommt die Auswirkungen der globalen Finanzkrise empfindlich zu spüren. Obwohl die über 160 öffentlichen Theater, die knapp 6.500 Museen, die zahlreichen Konzerthäuser, Kulturorchester, Literaturhäuser und Akademien traditionell 60-90 Prozent ihres Gesamtbudgets von Kommunen, Bundesländern und dem Bund erhalten sowie 10-30 Prozent ihres Finanzbedarfs über Eintrittskarten, Gastspiele, Vermietungen u.a. verdienen und somit privates bzw. privatwirtschaftliches Geld von Sponsoren, Spendern und Stiftungen selten mehr als 1-3 Prozent ihres Haushalts ausmachen, drohen in Zukunft schmerzliche Einschnitte. Bereits jetzt sind Festivals und Sonderveranstaltungen von den massiven Einsparungen beim Kultursponsoring durch die Wirtschaft betroffen.

Prominentestes Beispiel ist das ambitionierte Kulturhauptstadt Europa 2010-Projekt in Essen und anderen Städten Nordrhein-Westfalens. Hier klafft eine Deckungslücke in Millionenhöhe (aktuell 6-7 Mio. Euro) durch den Ausstieg von Großsponsoren aus der Energiewirtschaft. Die Folge sind massive Streichungen im Programm: Ausstellungen, Konferenzen und andere spektakuläre Kulturevents müssen entfallen. Ähnlich ergeht es diversen Theater- und Musikfestivals im Sommer und Herbst überall in Deutschland. Die allgegenwärtige Finanzkrise scheint nicht wenigen eine willkommene Argumentationshilfe oder Ausrede, um sich ihrer bisherigen Sponsoringverpflichtungen zu entledigen. Neben dem Rückzug vieler Sponsoren - so hat beispielsweise VW alle Kultursponsorings inklusive der Berlinale 2010 gestrichen - treten auch die vielen großen privaten und privatwirtschaftlichen Stiftungen kürzer.

Fallende Zinsen und Fehlinvestitionen bei der Anlage des Stiftungskapitals haben die zur Ausschüttung an kulturelle Projekte und Institutionen vorgesehenen finanziellen Mittel erheblich schrumpfen lassen, so dass auch hier Zusagen zurückgenommen wurden. Für das nächste Jahr rechnen die Stiftungen mit einer Absenkung der ganz großen Mittel um 10 und mehr Prozent. Selbst die privaten Einzelspender, die Privatmäzene also, die in der Vergangenheit oft Summen zwischen 500.000 und 10 Mio. Euro zur Verfügung gestellt haben, verhalten sich in ihren Aktivitäten zunehmend zurückhaltend. Die größte Gefahr droht dem öffentlichen und privatrechtlich-gemeinnützigen Kulturbetrieb aber von den ab 2010 anstehenden Subventionskürzungen in den öffentlichen Haushalten der Städte und Länder, die zusammen rund 87 Prozent der über 8 Mrd. Euro der gesamtstaatlichen Kulturfinanzierung tragen. Die immense Neuverschuldung des Staates durch die Rettungsanleihen für Banken und Wirtschaftsunternehmen sowie die sinkenden Steuereinnahmen bei steigenden Sozialausgaben werden die Situation vieler Kultureinrichtungen 2010 und 2011 dramatisch verschlechtern. Es wird zu einem Umverteilungskampf zwischen Schulen, Kindergärten, Universitäten, Sozialeinrichtungen und der Kultur kommen. Für die Kultureinrichtungen bedeutet dies zunächst einmal Reduzierungen im operativen Bereich, das heißt bei den Programmen.

Da der Personal- und Festkostenanteil bei Theatern in Deutschland bei bis zu 90 Prozent des Budgets liegt, kann und muss im ersten Schritt bei der Kunst gespart werden. Man wird sich darauf einstellen müssen, mit weniger finanziellen Mitteln den künstlerischen Standard, die bisherige Qualität und Attraktivität des kulturellen Angebots zu halten. Wie ist dieser Herausforderung zu begegnen? Ökonomisch-manageriale Kriterien wie Effizienz, Auslastungsquote, Ressourcenbewusstsein werden zusammen mit der künstlerischen Qualität und dem Ansehen („Brand“) der Institutionen über Subventionen oder gar die Existenz entscheiden. Professionalität und Werteorientierung im Kulturmanagement, die hochwertige Programme, strategische Allianzen und ein kreatives besucherorientiertes Marketing miteinander verbinden, werden für die Zukunft vieler Kultureinrichtungen zur Überlebensfrage. Fazit: Keiner kann sich mehr sicher fühlen!
Text: Prof. Dr. Klaus Siebenhaar
Professor am Institut für Kultur- und Medienmanagement, FU Berlin
Juni 2009
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