Finanzkrise

Immer in der Krise - Bericht aus der Sonderwirtschaftszone Berlin

Berliner Bär, Foto: Lao Du
Berliner Bär 389 Foto: Lao Du
Der Berliner Bär steht für Kreativität


„Die Krise sitzt im Kopf“ titelte neulich das Feuilleton der Berliner Zeitung und das, obwohl legendäre deutsche Firmen wie Märklin, Schiesser und Rosenthal in der Realität pleite gingen. Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann kritisierte vor allem Deutschland, das unter Bundeskanzlerin Angela Merkel immer noch mit den üblichen politischen Mechanismen der Geldpolitik agiere, die längst nicht mehr zur Wirtschaftsstimulierung funktionierten. Deutschland hinke hinterher und könne sich der globalen Finanzkrise nicht adäquat und innovativ stellen. Die so genannte Asien-Krise vor zehn Jahren entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als Krise des Kapitals, und der Lehmann-Crash des letzten Jahres ist auch nur monetärer Art. Deutschland werde „von Rezession, Konjunkturflaute und Massenentlassungen und bis nach 2010 von Teuerungswellen im Zuge der globalen Finanzkrise geschüttelt werden, prognostisierte Thomas Straubhaar vom Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut. Hilflose Versuche wie die Abwrackprämie für Autos helfen der Autoindustrie, nicht aber dem Einzelhändler um die Ecke. Oder die 100 Euro extra Kindergeld, die wie ein Tropfen auf dem heißen Stein schon weg waren, bevor sie vergeben wurden. Ganz Deutschland also in der Krise? Nein, nicht ganz Deutschland, denn die Hauptstadt Berlin ist nicht mit Deutschland gleichzusetzen, sondern hat einen ganz eigenen Charakter. Den versucht der Berliner Senat mit der Kampagne „be Berlin“ gerade medienwirksam als Marke zu promoten. Was hat Berlin, was andere Städte Deutschlands nicht haben?

Ein Berliner Stadtmagazin titelte bereits ein paar Jahre nach der Wende im Berliner Dialekt „Krise, watt´n für ´ne Krise?“. Berlin war und ist eine krisengeschüttelte Hauptstadt, besonders, nachdem damals die Neuverschuldung durch den Bankrott der Bankgesellschaft Berlin auf mehrere Milliarden Euro stieg. Berlin befindet sich eigentlich in einer Dauerkrise, da fällt eine weitere Finanzkrise nicht weiter auf. Auch ohne Weltwirtschaftskrise ist der prozentuale Anteil staatlicher Leistungsempfänger höher als der Bundesdurchschnitt. Das kann für eine Hauptstadt peinlich sein, muss es aber nicht, wenn ihr Bürgermeister sie mit dem Slogan „arm, aber sexy“ rehabilitiert.

Museum Hamburger Bahnhof, Foto: Lao Du
Museum für Gegenwartskunst - Hamburger Bahnhof


Berlin funktioniert wie eine Sonderwirtschaftzone: Die Stadt hat keine Industrie, dafür aber viel Kunst und Kultur, und sie bemüht sich, ihr „Kult-Image“ weiter zu polieren. Neben Berlin sehen selbst New York und London blass aus, denn Berlin gilt als kreativer Inkubator und zieht Künstler und Kreative aus der ganzen Welt an. Mieten und Lebenshaltungskosten sind günstig, die Stadt sirrt Tag und Nacht vor lauter Energie, ein Mode- und Designlabel nach dem anderen siedelt sich in Berlin an. Die Cafés sind voll von Menschen mit und ohne Laptops – und nur ein Teil sind Touristen. Es scheint, als ob es Berlin egal sei, wenn irgendwo ein Finanz-Crash stattfindet. Die Stadt trotzt den kapitalistischen Zyklen mit ihrem eigenen, teils antizyklischen Rhythmus. Berlin generierte in den letzten Jahren einen ideellen Mehrwert, der sich wiederum monetär auf die Kreativwirtschaft auswirkt. Das ist beachtlich, immerhin geht es um Umsätze in Milliarden-Euro-Höhe durch Ideen, Know-how und Kreativität.

Berliner haben eine Beweglichkeit, die andere in teuren Change-Management-Seminaren erst mühsam lernen müssen. Deshalb können sie flexibel auf den Markt reagieren, schnell improvisieren und neue Ideen umsetzen. Aber wie sagte schon Karl Valentin: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit!“, und deshalb ist es zum einen der Reaktionsgeschwindigkeit und Originalität von Galeristen, Designern und Kreativen zu verdanken, dass Berlin sein Image als „the place to be“ behält, zum anderen aber auch der täglichen unermüdlichen Arbeit der Kulturschaffenden. Einst nannte man sie Bohème, dann Avantgarde, heute künstlerisches Prekariat. Alle befinden sich immer in irgendeiner Krise, und die hat ja immer auch eine Chance inne. Wo nicht viel Spielgeld ist, kann auch nicht viel verspielt werden. Sie sehen die Krise also wohl eher sportlich, denn prekäre Kulturschaffende befinden sich eh immer im Dauerlauf für den nächsten Auftrag oder das nächste Projekt.

Berliner Mauer Graffiti, Foto: Lao Du
Berliner Mauer mit Graffiti: Geschichte und Kultur ziehen Touristen an


Berlin dient auch als Seismograph, wie unsere Zukunft aussehen könnte: Hat der Stararchitekt Rem Koolhaas, der Architekt des CCTV Tower in Peking, den 80% der Chinesen kennen, vor einigen Jahren noch unter dem Motto „more is more“ seine gigantische Schaffenskraft in der Neuen Nationalgalerie in Berlin dargestellt, so proklamiert er heute eine neue Bescheidenheit. Er kritisiert den Hype, der die Schraube immer schneller und immer weiter nach oben gedreht hat – egal, ob im Kunstbereich, an der Börse oder am Markt - obwohl er selber Teil des Ganzen ist. Diese Blasen müssen eines Tages platzen. Im Rahmen der so genannten „Berliner Lektionen“ ruft er zur Besinnung auf und sieht die Zeiten, in denen wir uns gerade befinden, positiv. Das „Regime des Marktes“ sei am Abdanken, und wir könnten uns der Zukunft nun homöopathisch nähern: Weniger ist mehr und wirkungsvoller, billiger und wahrscheinlich hilft viel eben nicht mehr viel. Ohne gefühlsduselig zu sein, redet Koolhaas von Gedanken und Gefühlen, denen mehr Gewicht gegeben werden sollte. Konsumverzicht sei eine Form des Widerstandes, predigte er schon früher, nun sei es fast die einzige wirksame Methode, um dem Markt etwas entgegenzuhalten.

„Die Finanzkrise überrascht mich gar nicht, denn ich habe ja Marx zu DDR-Zeiten im Unterricht gehabt“, sagte mir eine Bekannte neulich bei einer Ausstellungseröffnung, „da haben wir alles über die zyklischen Bewegungen des Kapitals gelernt.“ Damit ist sie mir einen Schritt voraus, denn eines ist sicher: Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.
Text: Vera Yu
freie Autorin und Kulturmanagerin, Berlin
Mai 2009
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