Deutschlands Kultur in der Krise?


Bode-Museum in Berlin © www.colourbox.com
Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise scheint Friedrich Nietzsches Postulat auf unverhoffte Weise zu bestätigen, doch anders als von ihm konzipiert: Man erinnert sich derzeit notgedrungen an Nietzsches „Umwertung aller Werte“ - Teil seiner Moralphilosophie vom „Willen zur Macht“, der die Umwertung herbeiführen soll. Der Begriff „Wert“ selbst schillert hierbei doppeldeutig - zwischen materiellem Wert, Geld, Kaufkraft und Wert als Bedeutung, Rang und Ansehen, die einer Sache beizumessen sind.
Eine Art „Umwertung“ ist längst im Gang - beide Wortbedeutungen von „Wert“ können sich wie kommunizierende Röhren verhalten: Fallen die Kurswerte der Finanzwirtschaft und werden materielle Werte beschädigt oder vernichtet, so steigen die immateriellen Werte im Bewusstsein der Menschen nach oben. Tatsache ist, dass hinter den negativen Gegebenheiten der Krise sehr wohl positive, dem Verlust trotzende Gegenkräfte wirksam werden, dass der ökonomische Druck, der auch der Kultur materielle Verluste bereitet, die kulturellen Wertvorstellungen steigert – und somit auch die Anstrengungen, diese zu schützen.

Kulturforum in Berlin © www.colourbox.com
Mäzenatische Tradition der Kulturförderung in Deutschland
Finanzkrise darf nicht mit Inhaltskrise verwechseln werden. Denn die gewachsene Kulturlandschaft Deutschlands ist von einer Beständigkeit der Werte bestimmt, sowohl der Ressourcen wie auch der Traditionen: Die Institutionen - Museen, Theater, Orchester - , die Künstler und Organisatoren, das Publikum, sie folgen ihrem jeweiligen Interesse und ihrer Inspiration. Die Stabilität der Kultur in Deutschland besitzt in der mäzenatischen Geschichte der Länder und Städte ihre historische Grundlage: die Basisfinanzierung der Kultur durch Staat, Länder und Kommunen. Das unterscheidet sie von kulturellen Strukturen etwa in den USA, wo der Staat kulturelle Einrichtungen mit nur sehr geringem finanziellem Engagement fördert.
So herrscht in den kulturellen Institutionen Deutschlands trotz der Finanzkrise noch genügend Zuversicht beim Blick auf die Zukunft. Anders als etwa in Italien, wo der Staat unter der Regierung Berlusconi sich von vielen seiner förderpolitischen Pflichten durch extreme Spar- und Entzugsmaßnahmen – Kürzung, Privatisierung, Fusion, Abwicklung - verabschieden will, gibt es in Deutschland ein Grundvertrauen in die öffentliche Wertschätzung und Absicherung der Kultur, ob im Bereich der Museen oder der besonders kostenintensiven Opernhäuser im Lande. Dennoch kommt es auch dort derzeit zu ersten Einsparmaßnahmen. So hat etwa die Deutsche Oper in Berlin ihre geplante Neuinszenierung Fidelio zur nächsten Spielzeiteröffnung gestrichen. Dennoch dürfte der lange Zeit als gut „gepolstert“ geltende Etat der Opernstiftung der Hauptstadt, ab 2008 zusätzlich durch eine Erhöhung um 10 Millionen Euro aufgewertet, schon bald auf die gewohnte Ebene schleichender Auszehrung zurückkehren. Doch sind die drei Institutionen der Stiftung - Deutsche Oper, Staatsoper, Komische Oper – in ihrem Bestand bisher keineswegs gefährdet. Dagegen zeigen sich in der Berliner Orchesterlandschaft mit den in einer Stiftung sicher aufgehobenen Berliner Philharmonikern an der Spitze durchaus auch personale und organisatorische Krisenanzeichen, die meistens mit Engpässen in den knappen Etats, etwa der Finanzierung von Orchesterplanstellen, zu tun haben.

Deutsche Oper in Berlin © www.colourbox.com
Die meisten Musikfestivals in Deutschland sind – noch! - der Finanzkrise gewachsen, da die öffentlichen Mittel und die unterschiedlich hohen Leistungen von Sponsoren aufrechterhalten werden. So hat beispielsweise der Autobauer Audi Ende April erklärt, auch in Zukunft seine Sponsorenverpflichtung am zentralen Standort Ingolstadt bei den dortigen „Sommerkonzerten“ erfüllen zu wollen. „Gerade in Zeiten wie diesen ist unser kulturelles Engagement wichtiger denn je“, so der Kulturreferent von Audi, Jürgen Bachmann. Auch bei der brandenburgischen Kammeroper Schloss Rheinsberg kann der diesjährige 19. Festivalsommer ohne Abstriche veranstaltet werden. Indessen hat etwa der Berliner Europäische Musiksommer „Young Euro Classic“, das aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds sowie von Sponsoren und Förderern finanzierte Festival internationaler Jugendorchester, diesmal weitaus weniger Sponsorenmittel zur Verfügung – als Hauptpartner blieb neben zahlreichen kleineren Unterstützern lediglich die staatliche KfW-Bankengruppe übrig, und aus früheren Partnern wurden Förderer.

Operngala im Schlosshof, Schloss Rheinsberg © Schloss Rheinsberg/Foto: Henry Mundt
Auswirkungen der Krise noch nicht akut
Langsam, aber sicher und beharrlich frisst sich die Finanzkrise durch die Wirtschaft hindurch ins Bewusstsein aller Menschen. In die Kultur - die Theater, Museen, Opernhäuser, Festivals. Die tatsächliche Krise in der Kultur kommt jedoch erst. Im Grunde ist es noch zu früh, jetzt schon in Deutschland von einer einschneidenden Finanzierungskrise in der Kultur zu sprechen. Ihre Auswirkungen werden sich erst in naher oder mittelfristiger Zukunft bemerkbar machen. Aus zwei Hauptgründen: Das hat einerseits mit der Struktur der Kulturlandschaft in Deutschland zu tun, in der rund 90 Prozent der Leistungen, die vertraglich abgesichert sind, den öffentlichen Kassen von Staat, Ländern und Gemeinden entstammen. Andererseits damit, dass sowohl die Haushaltsplanungen der Finanzpolitik als auch die Planungen der Kulturinstitutionen längerfristig angelegt sind. Kulturinstitutionen schließen ihre Verträge mit langen Vorlaufzeiten ab. Dagegen sind die Auswirkungen, die durch Einschränkungen oder den Rückzug beim Kultursponsoring entstehen, viel rascher spürbar, im Prinzip sofort. Und da sind Anzeichen des Einsparens partiell bereits bemerkbar – etwa beim Großprojekt „Ruhr 2010“, dem Städteverbund in Nordrhein-Westfalen für die Festivitäten der Kulturhauptstadt Essen. Wie sicher oder ruinös jedoch das Geld der zahlreichen, im kulturellen Bereich wirkenden Stiftungen angelegt ist, wird sich erst erweisen müssen.
Dass im übrigen die akute Finanz- und Wirtschaftskrise auch mit einer umfassenden gesellschaftlichen Kultur zu tun hat, mit starkem bzw. rabiatem Wettbewerbsdenken und dem damit einhergehenden Egoismus, mit der Überzüchtung des Effizienzdenkens, dem Prinzip des reinen Funktionierens von Menschen, das hat vor kurzem die frühere Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder), die Professorin Gesine Schwan öffentlich festgestellt. Eine neue Kultur der Gemeinsamkeit und ganzheitlicher sozialer Ansätze sieht sie als dringend geboten an. Tatsächlich: In Zeiten der Unsicherheit, der Bedrohung materieller Werte sind die Werte des Immateriellen neu gefragt und gefordert – die Zeichen der Umwertung sind virulent.
Wolfgang Schreiber, geboren in Koblenz, studierte Germanistik, Musikwissenschaft und Geschichte in Mainz, Mailand und Regensburg. Von 1967 bis 1974 lebte er als Korrespondent in Wien. Als Musikredakteur der Süddeutschen Zeitung lebte er von 1978–2002 in München. Nach Tätigkeiten als freier Publizist in München wechselte er 2009 für die Süddeutsche Zeitung nach Berlin. Er verfasste mehrere Bücher, u.a. über Gustav Mahler, Sergiu Celibidache und über „Große Dirigenten“.Text: Wolfgang Schreiber
Redakteur und Publizist, Berlin
Mai 2009
Redakteur und Publizist, Berlin
Mai 2009









