Kühle Schauer im Frühling


Opfer der Krise sind vor allem diejenigen, die sowieso am unteren Rand der Gesellschaft stehen, Foto: ML
Lu Mins Text Frühling im Winter hat mich nicht optimistischer gestimmt, ganz im Gegenteil, es lief mir in diesem echten Frühling sogar ein leichter Schauer über den Rücken. Von den vielen Fragen, die sich mir auftaten, hat mir eine am meisten Kopfzerbrechen bereitet: Sollte es sich mit dieser Krise tatsächlich so verhalten wie Lu Min schreibt: „Denn während die Blizzarde der Finanzkrise den Menschen eiskalt durch Mark und Bein fahren, öffnet sich zugleich ein Türspalt warmen Lichts und gibt den Menschen aller Länder eine Chance, mit Hilfe der Finanzkrise lang bestehende Barrieren und Missverständnisse, Entfremdung und Gleichgültigkeit zu überwinden.“
Ich komme zu einem negativen Schluss. Lu Mins frommen Wunsch kann ich nachvollziehen, wurden wir doch von Kindesbeinen an dazu erzogen, uns angesichts jeder Krise einen ominösen Optimismus zu bewahren und ganz nach dialektischer Denkart, dem offensichtlich Negativen noch etwas Positives abzugewinnen. Gerade 2008 wurde dies deutlich, als sich bei dem großen Erdbeben vom 12. Mai viele Prominente und Medienvertreter voll Optimismus in das Katastrophengebiet aufmachten. Dadurch mögen sie zwar die Stimmung der Betroffenen aufgehellt haben, aber an der Traumatisierung so vieler Menschen haben sie ganz gewiss nichts geändert. Die kollektive Anteilnahme der Bevölkerung für die Katastrophenopfer ist mit Sicherheit sehr wichtig, aber deren innere Leere kann sie nicht vertreiben, denn was sie verloren haben, lässt sich nicht zurückholen. Eines ist klar, die Optimisten dieser Krise gehören bestimmt nicht zu denjenigen, die direkt von der Misere betroffen werden, manchmal zählen sie nicht einmal zu den indirekten Opfern.
Werfen wir in diesen schwierigen Zeiten zunächst einen Blick auf die Situation in China. Ganz gewiss sind es nicht die Reichsten, welche die Krise in finanzieller sowie in psychischer Hinsicht am härtesten trifft. Zwar schrumpft auch ihr Vermögen, aber wenn ein Multi-Milliardär 99 Prozent seines Geldes einbüßt, ist er immer noch ein reicher Mann. Die armen Leute jedoch verlieren mit ihrem Arbeitsplatz auch ihr tägliches Brot, ein Schicksal, das sich in China millionenfach ereignet. Jene, die gerade erst der Armut entkommen schienen, sind nun plötzlich wieder auf die Hilfe der Regierung angewiesen. Ein besonders brisantes Thema ist in diesem Jahr der Arbeitsmarkt für Studenten. Zahlreiche Hochschulabsolventen trifft das Los der Arbeitslosigkeit. Der Sohn eines meiner Bekannten sah nach der Uni keine andere Möglichkeit, als in Shenzhen eine Lehre zu machen. Am Anfang bekam er nur 300 Yuan, was nicht einmal für seinen Lebensunterhalt reichte. Trotzdem schätzte er sich sehr glücklich, denn zumindest gab ihm das einen gewissen psychischen Halt. Natürlich ist das ein Einzelfall, die meisten Studenten aus den Großstädten haben keine andere Wahl als ihren Eltern weiter auf der Tasche zu liegen und geraten in eine ausweglose Situation. Auch in Chinas ursprünglich sehr schwach ausgeprägtem Mittelstand, der vor allem aus den Büroangestellten – den sogenannten „Weißkragen“ – besteht, geht in diesen Zeiten der horrenden Immobilienpreise und ungesicherten Arbeitsplätze sicherlich bei vielen Menschen die Angst um. Eine sichere und stabile Entwicklung Chinas ist aber ohne eine gefestigte Mittelklasse ganz und gar unmöglich. Man sieht also, dass diese Krise für China gravierende soziale Probleme mit sich bringt, welche die gesamte Gesellschaft durchdringen. Nichtsdestotrotz tragen den größten Schaden jene Schichten davon, die schon zuvor einen schwachen Stand hatten.
Am bemerkenswertesten erscheint mir das Verhalten der Medien seit der Krise. Die chinesische Journaille gibt sich offensiver denn je zuvor, ein jeder bemüht sich, das Thema noch größer aufzublasen. Ganz so, als hätte man Angst, die Lage könnte sich wieder normalisieren, als ginge es um das letzte Inferno. Am Anfang löste das Unvorhergesehene allgemeine Panik aus. Insbesondere, weil die Festtagsstimmung der Olympischen Spiele noch in der Luft lag, als sich schon dunkle Wolken am Himmel zusammenballten. Betrachtet man es aber einmal nüchtern, merkt man, dass die Medienmaschinerie möglicherweise etwas ganz anderes bezweckt. So haben sich die Themen, welche noch vor kurzem die Gemüter der Bürger bewegten – das Wohlstandsgefälle und eine „saubere Bürokratie“ – urplötzlich in Luft aufgelöst und erscheinen beinahe wie Hirngespinste. Als wäre angesichts der Wirtschaftskrise die Gleichberechtigung aller Menschen tatsächlich wahr geworden. Wenn wir mit dieser Krise wirklich seriös und ernsthaft umgehen und ihre Zerstörungskraft tatsächlich minimieren wollen, müssen wir bei den eben erwähnten zwei Themen ansetzen. Wir müssen das Verteilungsgefüge in der Gesellschaft korrigieren, den Urbanisierungsgrad erhöhen und mehr Arme am Markt und am sozialen Leben teilhaben lassen. Selbstverständlich ist das ohne das Zutun der Beamten nicht zu schaffen. So ist es das Gebot der Stunde, Fachkompetenz und Moral der Beamtenschaft zu verbessern. Kurzum, die Medien sollten ihre Hauptaufgabe nicht darin sehen, leere Phrasen über die Krise zu dreschen. Noch viel weniger sollten sie die dunklen Schatten der „Krise“ dazu missbrauchen, die tatsächlichen Probleme zu verdecken.
Lu Min hat in ihrem Artikel den hehren Wunsch geäußert, mit Gleichgesinnten aus dem Westen in einen ehrlichen Dialog zu treten. Gleichzeitig möchte sie in dieser Krisenzeit die „entspannte“ Geisteshaltung des Ostens in Deutschland einführen. Ich kann ihren Wunsch sehr wohl verstehen, denn vor über zwanzig Jahren habe ich ähnlich gedacht, auch ich wollte meinen deutschen Freunden die Philosophie Laozis näher bringen. Nur habe ich die Erfahrung gemacht, dass das zwar ein guter Ansatz ist, in der Realität jedoch reines Wunschdenken. „Kulturaustausch“ ist ein allzu dehnbarer Begriff, aber nach meiner Lesart beschränkt er sich meist auf ein „Ich sag’ meins und du sagst deins“. Bewahrt man sich dabei ein offenes Ohr für den anderen, ist das schon sehr beachtlich, denn die Kultur hat uns von klein auf ihren Stempel aufgedrückt und so unsere Weltsicht und Lebenseinstellung nachhaltig geformt. Einen Menschen, der in einer bestimmten Kultur aufgewachsen ist, dazu zu bringen, eine fremde Kultur anzunehmen, ist ein Ding der Unmöglichkeit – die eigene Kultur ist noch dicker als Blut. Man sehe sich nur einmal die in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Kinder chinesischer Eltern an. Äußerlich gleichen sie uns bis aufs Haar, aber in ihrem Denken sind sie ganz anders gestrickt, und das liegt an der Kultur. Selbstverständlich bin ich in keiner Weise gegen einen Kulturaustausch, beschäftige ich mich doch selbst ständig damit. Nur setze ich keine hohen Erwartungen in den Kulturaustausch, sondern sehe in ihm nur ein wichtiges Werkzeug, das Leben zu bereichern und meinen Wissenshorizont zu erweitern. Wenn man ihn mit dieser Einstellung betreibt, profitiert man tatsächlich von dem Austausch der Kulturen und verliert nicht den Glauben in ihn.
Mit diesem Artikel möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen, meine Ansichten zur Krise kund zu tun. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass die „...von der Aura des Geheimnisvollen umgebenen Prinzipien der chinesischen Weltanschauung wie das ‘Regieren durch Nichtstun’, die Gleichmut angesichts der Launen des Schicksals’ oder die ‘Kultivierung von Körper und Charakter’“ den Menschen, die schwer von dieser Krise getroffen werden - seien es nun Chinesen oder Ausländer – kein bisschen weiterhelfen. Möglicherweise wird die Krise einige Regierungspolitiker oder Gelehrte dazu veranlassen, unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem rational zu überdenken und neue Ansätze und Methoden vorzuschlagen. Ich kann nicht beurteilen, ob die Welt an dieser Krise reifen wird, aber in einem bin ich mir sicher, zu einem Karneval des globalen Freudentaumels wird sie sich nicht auswachsen.
Li Jianming wurde 1943 in Shanghai geboren. Nach ihrem Studium an der Pekinger Fremdsprachenuniversität war sie als Deutschlehrerin und Übersetzerin sowie als Dramaturgin und Theaterregisseurin tätig. Li Jianming hat viele deutsche Dramen ins Chinesische übersetzt, u.a. von Goethe, Lessing und Brecht.Text: Li Jianming (李健鸣)
Übersetzung: Julia Buddeberg
Mai 2009
Übersetzung: Julia Buddeberg
Mai 2009










