Heißt die Designwelt die Krise willkommen?


Spielzeugfabrik in Shanghai © www.icpress.cn
Die Designbranche profitiert vielleicht am meisten von der Finanzkrise. Natürlich bauen einige Firmen Personal ab und legen Projekte auf Eis... Das sind harte Zeiten für Designer und Architekten – aber womöglich fruchtbare Jahre für die Designbranche?
Als ich kürzlich einen jungen, talentierten Nachwuchsarchitekten traf und mit ihm über die Auswirkungen der Wirtschaftslage auf die Branche sprach, stieß ich auf unerwartete Begeisterung: Endlich sei sie da, die Wirtschaftskrise! Angesichts von Profitgier und Etikettenschwindel bei vielen Projekten sowie eines Verlustes der Kontrolle über die Qualität der Entwürfe, sei er oft nahe daran, aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus das Feld zu räumen. Aber jetzt habe man bei den Projekten einen Gang runter geschaltet, die Projekte, die nicht gestoppt worden seien, seien finanziell abgesichert und man habe mehr Zeit, am Design zu feilen. Sei das kein Grund zur Freude?
Die Ära des Konsum-Designs: auf der Jagd nach großen Namen
Wie viele umweltzerstörende Großbauprojekte gab es in den dynamischen Jahren vor dem Finanz-Tsunami, wie viele Luxusvillen von Prominenten, die grundlegende ökologische Voraussetzungen außer Acht ließen, kulturelle Orgasmen im sogenannten „historischen Stil“ sowie wahnwitzige Abriss- und Umsiedlungsvorhaben – ein Bauboom, der allerdings in eine Wüste der Baukultur führte.
Niemals zuvor standen die Stararchitekten so im Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Rem Koolhaas, Zaha Hadid und Norman Foster... Diese klingenden Namen lieferten die selbstbewusste Grundlage für den Aufschwung chinesischer Städte. „Das erste holländische Wort, das ein Kantonese kennen muss, ist Koolhaas“, lautet der Slogan einer Immobilienwerbung in der Stadt Kanton – aber ist der kleine Schritt eines Meisters tatsächlich ein großer Schritt für China?
Die Medien sind ständig auf der Suche nach einem glanzvollen Namen für das nächste Titelblatt. Sie haben weder den Willen noch die Geduld, zu verstehen, dass gute Architektur das zeitintensive Ergebnis vieler Beteiligter ist. Das „Design“ hat sich mit dem Kapital vermählt, es ist heute eher ein Marketinginstrument, als dass es sich in den Dienst eines besseren Lebens stellen würde. „Design“ ist zur Visitenkarte für Status und Einkommen geworden. Man braucht nur ein Markenhemd, schon verfügt man über das Selbstbewusstsein und die „Power“, die man sich so lange gewünscht hat. Aber zeigt das nun, dass wir dabei sind, in eine Ära des Konsum-Designs einzutreten oder spricht es eher dafür, wie dürftig unser Verständnis von Design ist, wenn wir uns ein sogenanntes Konsumdenken blind eintrichtern lassen? Ist Design wirklich Teil unseres Lebens geworden? Woher kommt eigentlich die ‚Soft Power’ Design und Kreativität?

New Suzhou Museum von I. M. Pei © www.icpress.cn
„Werkbank der Welt“ ≠ „Industrienation“
Diejenigen Länder, welche im Design den Ton angeben, haben immer auch eine starke Industrie im Rücken. Italien, Deutschland, England, die USA und Japan schaffen mit ihren eigenen Produkten reichhaltige Ressourcen für die Designbranche. Dagegen beschränken sich die Betriebe der „Weltfabrik China“ überwiegend auf Original Equipment Manufacturing (OEM) und stellen für westliche Produkte Komponenten in Vertragsarbeit her oder liefern Einzelteile. Sie haben kein Mitspracherecht bei den Marken und keinen Zugang zum Wettbewerb der gesamten Produktionskette. Eine „Werkbank der Welt“ ist noch keine „Industrienation“. In einer solchen Zusammenarbeit gilt man zwar als guter Partner in einer Phase der Hochkonjunktur, aber sobald sich die Wirtschafslage ändert, machen sich die Kunden einfach aus dem Staub. Die Schließung von über einem Drittel der Fabriken in der südchinesischen Stadt Dongguan ist typisch für dieses Modell.
Aus der traditionellen chinesischen Philosophie stammt der Spruch „wer lange regieren will, muss langfristig denken“, denn „wenn man nachdenkt, verwandelt sich Gefahr in Sicherheit, wird das Chaos zur Ordnung, herrscht statt dem Untergang die Fortdauer.“ Die Unternehmen erkennen nun, dass die Strategie für eine „lange Regentschaft“ in der globalen Finanzkrise darin besteht, in die Bereiche Design und Innovation zu investieren, den Produkten einen Zusatzwert zu verschaffen und sie besser den psychologischen Bedürfnissen der Verbraucher anzupassen, durch eine höhere Produktqualität einen höheren Erlös zu erzielen sowie eigene Marken zu etablieren. Die chinesischen Marken Haier und Lenovo sind dabei, ihre Designerteams aufzurüsten und versuchen mit einer eigenen Corporate Identity, den Markt zu erobern.
Mit beschränkten Mitteln kreativ zu werden, war schon immer die Stärke der Designer. Ist nun, angesichts der derzeitigen ökonomischen Situation, nicht genau der richtige Moment gekommen, die Qualität der Produktgestaltung zu verbessern und zum Ursprungsgedanken von „Design“ zurückzukehren?
Design – Der Phönix aus der Asche
Das Design scheint sich stets wie ein Phönix aus der Asche zu erheben. Das Ehepaar Charles und Ray Eames entwarf in den 1940er Jahren während der Großen Depression robuste Möbel aus preiswerten Materialien wie Harz und Schichtholz. IKEA hat durch ein cleveres Management bewiesen, dass Design für jedermann erschwinglich ist. Das einstmals als „globale Veredelungsfabrik“ bekannte Japan sah seine Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche liegen. Daraufhin lud der japanische Verband der Wissenschaftler und Ingenieure den amerikanischen Experten für Qualitätskontrolle, William Edwards Deming (1900-1993), zu einer Reihe von Schulungen für Ingenieure und Topmanager ein. Der Kerngedanke Demings war folgender: Eine hochwertigere Qualität reduziert letztendlich die Kosten und erhöht sowohl die Produktionsmenge als auch Marktanteile. Sein Konzept des Qualitätsmanagements trug dazu bei, dass sich Japan mit international bekannten, günstigen, guten und innovativen Produkten eine wirtschaftliche Grundlage schaffen konnte. Renommierte Marken wie Honda, Sony oder Panasonic profitierten davon und stiegen nach dem Krieg rasant auf.
Taiwan, das einst ebenfalls auf OEM-Kurs war, hatte seine Ökonomie mit billiger Komponentenproduktion und minderwertigen Produkten gestützt. In dem US-Film Fatal Attraction von 1987 kämpft die Hauptfigur Dan im Platzregen mit seinem Regenschirm, der sich nicht entfalten will. „Der ist wohl ‘Made in Taiwan’“, sagt seine Geliebte Alex schmunzelnd, während sie auf ihn zukommt. Trotzdem hat Taiwan in einem erbitterten Wettbewerb die Palette seiner Markenprodukte Schritt für Schritt erweitert. Acer mit seinen Elektro- und Telekommunikationsprodukten und der Computerproduzent Asus haben sich zu internationalen Marken gemausert, wozu ihre Design- und Entwicklungsteams entscheidend beigetragen haben.
Den strengen Krisenwinter werden diejenigen Unternehmen, die sich allein auf die Produktion sowie die Vertragsarbeit für westliche Marken eingeschossen haben, kaum überstehen. Auf dem innerchinesischen Markt herrscht jedoch nach wie vor eine gewaltige Nachfrage. Verbirgt sich hier nicht eine Chance für chinesische Firmen, die es schaffen, sich auf den eigenen Markt einzustellen und Faktoren wie Produktdesign, Marketing und Markenstrategie zu bündeln? Könnten sich nicht gerade in dieser Zeit neue, unverwechselbare chinesische Marken entwickeln? Liegt hier nicht eine neue Chance für das Design und andere kreative Branchen? Wahrscheinlich müssen wir noch etwas Geduld haben… Der Schutz geistigen Eigentums in China muss noch verbessert und die Barrieren zum Schutz lokaler Märkte abgebaut – kurz, der Wettbewerb muss gerechter werden; Vorraussetzungen hierfür sind eine vorausschauende Strategie sowie die Unterstützung durch die Regierung. Schließlich wäre ein hochwertiges und innovatives „Made in China“ die beste Public Relation für das Land.
Text: Feng Keru (冯恪如)
Architektin und Redakteurin bei Domus China
Übersetzung: Julia Buddeberg
April 2009
Architektin und Redakteurin bei Domus China
Übersetzung: Julia Buddeberg
April 2009









