Finanzkrise: Frühling im Winter


Frühling im Winter © Lao Du
Beim Thema Finanzkrise friert wohl Jedem das Lächeln ein. Aber zumindest, so meine ich, verhält sie sich unparteiisch: Wie beim Dominoeffekt erfasst sie vom ersten bis zum letzten Stein fast jeden Winkel des Globus’: von West bis Ost, in Stadt und Land, trifft sie Menschen aller Hautfarben, Frauen wie Männer, den Politiker wie den kleinen Mann von der Straße. Alle Unterschiede, die von Nationalität oder Rasse, Geschlecht oder Status herrühren, rücken in den Hintergrund, verschwimmen, verlieren an Relevanz und an Brisanz. Die Wirtschaftskrise türmt sich über jedem Land und jedem Individuum zu einer sich deutlich abzeichnenden Kulisse auf.
Selbstverständlich bezieht sich diese von mir erwähnte „Parteilosigkeit“ hier keineswegs auf die Geldscheine, welche der Einzelne in der Tasche trägt, sondern auf einen allgemeinen Gemütszustand, ein unbestimmtes Frösteln, eine instinktive Alarmiertheit, das es jeden treffen kann, sowie ein Gefühl der Verunsicherung, das den Wunsch weckt, sich aneinander festzuklammern.
Nichtsdestotrotz habe ich dabei ein optimistisches Gefühl: Man könnte die Krise doch auch als ein subtiles und großzügiges Geschenk göttlicher Herkunft betrachten. Denn während die Blizzarde der Finanzkrise den Menschen eiskalt durch Mark und Bein fahren, öffnet sich zugleich ein Türspalt warmen Lichts und gibt den Menschen aller Länder eine Chance, mit Hilfe der Finanzkrise lang bestehende Barrieren und Missverständnisse, Entfremdung und Gleichgültigkeit zu überwinden. Aus dem Turm von Babel könnte so vielleicht gar eine „Himmelsleiter“ werden: die Wertschätzung des Vergänglichen, die Rückbesinnung auf familiäre Bindungen, eine bescheidene Definition von Glück und die Sehnsucht nach Nähe könnten zu einer gemeinsamen Empfindung aller Menschen werden und dazu beitragen, dass die Menschen wieder zu leisen, sensiblen und gefühlsbetonten Wesen würden - mit körperlichen Schwächen und geistig frei - , anstatt sich - wie es so lange der Fall war - von Gesellschaft, Utilitarismus, Kommerz und Politik steuern zu lassen.
Eine solche optimistische Sichtweise verstärkt bei mir die Hoffnung auf einen künstlerischen Austausch, der nationale, rassische und zeitliche Grenzen überwindet. Gerade in so einer Eiszeit könnte der künstlerische Dialog sparten- und länderübergreifend, ob in Englisch, Deutsch oder Chinesisch, eine Blütezeit erleben: Man rückt näher zusammen, um sich über verschiedenste künstlerische Ideen auszutauschen – hypothetische, romantische oder auch realitätsferne Ideen, vom Ursprünglichsten bis zum Modernsten, vom Konservativsten bis hin zum Radikalsten, vom Visuellen über das Auditive bis hin zum Figurativen. Vor dem allgemeinen Hintergrund des wirtschaftlichen Niedergangs werden sprachliche, kulturelle sowie systemimmanente Unterschiede und Barrieren zweitrangig, die der Kunst immanenten Eigenschaften, wie Offenheit, Toleranz, Empathie und Integrationskraft hingegen werden realer und lebendiger; und dies ausgehend von den Bedürfnissen der „Psyche“ und der „Kunst“, und nicht von den Bedürfnissen des „Marktes“ und der „Politik“.
Verletzlichkeit bringt die Menschen einander näher, der Verlust von Sicherheiten macht sie erfinderisch und die Ohnmacht gegenüber der Wirklichkeit lässt sie Träume entwickeln und über die Realität hinauswachsen. Die negative und deprimierende materielle Welt kann für die Kunst, insbesondere die Kunst unterschiedlicher Kulturen, durchaus einen fruchtbaren Nährboden bilden, ein versöhnendes Bankett, bei dem alle miteinander teilen.
Im Oktober 2009 ist China Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Ich bin sicher, dass es eine großartige Feier des Kulturaustausches werden wird. Die östliche Philosophie und die alte Kunst Chinas, aber auch seine zeitgenössische Literatur werden in einem größeren Maße Aufmerksamkeit und Resonanz bekommen. Insbesondere einige von der Aura des Geheimnisvollen umgebenen Prinzipien der chinesischen Weltanschauung wie etwa das „Regieren durch Nichtstun“, die „Gleichmut angesichts der Launen des Schicksals“ oder die „Kultivierung von Körper und Charakter“ könnten für den westlichen Leser in der Finanzkrise besonders inspirierend und bedeutsam sein; jene östliche Genügsamkeit, Anpassungsfähigkeit und seelische Selbstheilungskraft…
Als Schriftstellerin, die schon von Berufs wegen die Position eines nüchternen Beobachters einnimmt, bin ich in gewisser Weise sogar der Meinung, dass diese Finanzkrise notwendig und unausweichlich ist und uns auch gerade im rechten Moment trifft. Denn mit ihrer vernichtenden, geißelnden und rachsüchtigen Grausamkeit stößt sie alle Erdenbürger mit der Nase auf das, was uns als Menschheit – jenseits materieller Genüsse, um die wir in einem hässlichen Konkurrenzkampf stehen, jenseits des allmächtigen Fortschritts von Wissenschaft und Technik, jenseits von profitorientierten Kriegen und Auseinandersetzungen um Energieressourcen und Territorien, und auch jenseits eines Ehrgeizes, der alles unterwirft und mit Füßen tritt - noch am Herzen liegen sollte. Sollten wir nicht gegenüber der Natur ein Gefühl der Ehrfurcht entwickeln und uns der menschlichen Unzulänglichkeit bewusst werden? Sollten wir nicht einsehen, dass wir als sogenannte „Herrscher der Erde“ unser Tempo drosseln, ja sogar innehalten und wieder ein paar Schritte zurückgehen müssen, um auf die Stimmen der Wildnis und der Natur zu lauschen, auf den Ruf aus den Tiefen der Seele; ist das, was wir wollen, eigentlich ein ewiger materieller Fortschritt, oder Freundschaft und Liebe, auch wenn sie vergänglich sind?
Deshalb bin ich überzeugt, dass die Welt der Künste, einschließlich der Literatur, in diesem langen ökonomischen Krisenwinter in einen blühenden Frühling eintreten wird: Die Künstler werden sich der verhexten „Hand des Marktes“ entwinden, ihr konkurrierendes Geltungsbedürfnis überwinden und sich selbstbewusster und freier ihrem Schaffen widmen können, und die Menschen werden zum wahren Wesen der Kunst zurückkehren, sich einen Dialog über nationale Grenzen, Sprachen und Völker hinweg wünschen und mehr auf ihre seelischen Empfindungen, auf ein kooperatives Miteinander, auf die Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Schicksals sowie auf gegenseitige Toleranz und Unterstützung achten.
Lu Min wurde 1973 in Jiangsu geboren und gilt als vielversprechende Newcomerin. Seit 1999 veröffentlicht sie Romane in zahlreichen namhaften chinesischen Literaturzeitschriften, u.a. in Ernte, Volksliteratur und Oktober. In den letzten Jahren erhielt sie mehrere Preise, darunter den Literaturpreis des Volkes und eine Medaille der Zeitschrift Autoren Chinas. 2006 wurde sie von den Lesern der Zeitschrift Selected Novels zur beliebtesten Autorin gewählt. Lu Min lebt in Nanjing.Text: Lu Min
Schriftstellerin, Vize-Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Nanjing
Übersetzung: Julia Buddeberg
April 2009
Schriftstellerin, Vize-Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Nanjing
Übersetzung: Julia Buddeberg
April 2009









