Chinas Intellektuelle: moralische Instanz und neue Aufklärung – Zi Zhongyun (资中筠) im Interview

Zi Zhongyun (资中筠), ehemalige Direktorin des Institute of American Studies der CASS, Foto: Zhang Xiangyang © ImagineChina
Das folgende Interview erschien im Juli 2010 bei www.aisixiang.com
Während des antijapanischen Widerstandskriegs erlebte sie als Schülerin die Demütigung der Nation; danach erfüllte sie der Bürgerkrieg mit soviel Abscheu vor den Verwerflichkeiten der Nationalregierung, dass sie die Politik mied und sich hinter Büchern vergrub. Die strahlende Zukunft des Vaterlandes vor Augen, verließ sie nach der Gründung des neuen China die Studierstube und engagierte sich aktiv in verschiedenen Bewegungen; Anfang der 1950er Jahre unterzog sie sich aus idealistischer Überzeugung und aus dem Schuldbewusstsein ihrer Klassenzugehörigkeit heraus mit großem Eifer der geistigen Umerziehung und gab dabei mehr und mehr sich selbst auf; Ende der 1950er Jahre bewahrten sie ihre Arbeitseinsätze vor der „Kampagne gegen die Rechtsabweichler“; während der Kulturrevolution wurde sie zur körperlichen Arbeit aufs Land verschickt, um das Leben der Bauern kennenzulernen. Ihre Erfahrungen dabei lösten Zweifel aus und setzten einen Denkprozess in Gang. Ende der 1970er Jahre entschied sie, sich intensiv der akademischen Forschung zu widmen. Die offene akademische Atmosphäre jener Zeit ließ sie den Enthusiasmus der Reform- und Öffnungspolitik spüren, sie fand allmählich zu sich selbst zurück und lernte, wieder selbstständig zu denken.
Die heute 81-jährige Zi Zhongyun (资中筠) hat nie aufgehört, nach innerer Freiheit und geistiger Unabhängigkeit zu streben, ihre Sorgen und Gedanken um die Zukunft der Nation sind nie zur Ruhe gekommen. Zi Zhongyun ist ehemalige Direktorin des Institute of American Studies, Ehrenmitglied der Chinese Academy of Social Sciences (CASS) und auch im Ruhestand noch eine gefragte Expertin für internationale Politik und Amerikaforschung.
Während des antijapanischen Widerstandskriegs erlebte sie als Schülerin die Demütigung der Nation; danach erfüllte sie der Bürgerkrieg mit soviel Abscheu vor den Verwerflichkeiten der Nationalregierung, dass sie die Politik mied und sich hinter Büchern vergrub. Die strahlende Zukunft des Vaterlandes vor Augen, verließ sie nach der Gründung des neuen China die Studierstube und engagierte sich aktiv in verschiedenen Bewegungen; Anfang der 1950er Jahre unterzog sie sich aus idealistischer Überzeugung und aus dem Schuldbewusstsein ihrer Klassenzugehörigkeit heraus mit großem Eifer der geistigen Umerziehung und gab dabei mehr und mehr sich selbst auf; Ende der 1950er Jahre bewahrten sie ihre Arbeitseinsätze vor der „Kampagne gegen die Rechtsabweichler“; während der Kulturrevolution wurde sie zur körperlichen Arbeit aufs Land verschickt, um das Leben der Bauern kennenzulernen. Ihre Erfahrungen dabei lösten Zweifel aus und setzten einen Denkprozess in Gang. Ende der 1970er Jahre entschied sie, sich intensiv der akademischen Forschung zu widmen. Die offene akademische Atmosphäre jener Zeit ließ sie den Enthusiasmus der Reform- und Öffnungspolitik spüren, sie fand allmählich zu sich selbst zurück und lernte, wieder selbstständig zu denken.
Die heute 81-jährige Zi Zhongyun (资中筠) hat nie aufgehört, nach innerer Freiheit und geistiger Unabhängigkeit zu streben, ihre Sorgen und Gedanken um die Zukunft der Nation sind nie zur Ruhe gekommen. Zi Zhongyun ist ehemalige Direktorin des Institute of American Studies, Ehrenmitglied der Chinese Academy of Social Sciences (CASS) und auch im Ruhestand noch eine gefragte Expertin für internationale Politik und Amerikaforschung.
Wie die Intellektuellen ihr Selbstbewusstsein verloren
In den 1950er Jahren wurden unzählige Intellektuelle „umerzogen“, darunter auch etliche einflussreiche Intellektuelle. Hat man sie dazu gezwungen oder taten sie das freiwillig beziehungsweise aus pragmatischen Erwägungen?
Äußerlich gesehen, gab es damals keine Möglichkeit, sich dieser überwältigenden Bewegung zu entziehen. Historisch betrachtet hatten die chinesischen Intellektuellen seit hundert Jahren vor allem ein Ziel: Wohlstand und Stärke der Nation. Die kommunistische Partei packte die Intellektuellen also bei ihrem Patriotismus. „Das chinesische Volk hat sich erhoben!“, dieser Ausspruch Maos hat fast alle Chinesen angesprochen. Alle waren der Meinung, die Kommunistische Partei könne China retten und dem Land zu Macht und Stärke verhelfen. Als die Partei unter dieser Voraussetzung meinte, wir müssten umerzogen werden, folgten wir mit Begeisterung. Dass die hart arbeitenden Volksmassen so litten, dass sie uns ernährt und uns in den Genuss eines privilegierten Lebens gebracht hatten, löste in uns Schuldgefühle aus. Angesichts unseres immer größer werdenden Minderwertigkeitsgefühls konnten wir nicht anders, als uns lammfromm umerziehen zu lassen.
Schließlich hat man dir immer die Hoffnung gegeben, vielleicht eines Tages dein Klassenstigma loszuwerden, wenn du dich nur fleißig bessertest. Und noch etwas: In der Vergangenheit hatten die Intellektuellen immer Privateigentum besessen. Wenn sie in der feudalistischen Gesellschaft genug von der Politik hatten, konnten sie sich zurückziehen. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde jegliches Privatvermögen abgeschafft, es gab keinen Rückzugsort und keine Möglichkeit mehr, sich aus dem öffentlichen Leben zu verabschieden. Wenn man politisch gesehen als problematisch eingestuft wurde, zogen Familie und Freunde die Klassengrenze zu einem, man wurde ignoriert. Deshalb ging jeder mit der Masse. Es gibt einen Satz von Mao Zedong, der mich tief berührt hat: Man solle nicht „als Unglückswurm über sein Schicksal schmollen“. Wer nicht mit der Zeit ginge, würde von der Geschichte verstoßen werden. Der normalen Bevölkerung war das vielleicht nicht so wichtig, aber die Intellektuellen haben sich das sehr zu Herzen genommen. So ist allmählich ein festes Denkschema entstanden: Schwimme immer schön mit dem Strom und versuche, dich durch Umerziehung aus eigener Kraft zu erlösen. Bei jeder Kampagne hatte man wieder das Gefühl, nicht mithalten zu können, man suchte den Fehler immer bei sich, und unter Selbstvorwürfen bemühte man sich noch mehr, auf der richtigen Seite zu stehen... Ich selbst zählte damals zur sogenannten „unwissenden Jugend“ und bis zur Kulturrevolution hechelte ich immer hinterher.
Wie konnte es mit den Intellektuellen so weit kommen? Zur Feudalzeit wurde der, der dem Kaiser widersprach, einen Kopf kürzer gemacht, manchmal wurde die ganze Sippe ausgerottet. Nichtsdestotrotz hat es damals noch Leute gegeben, die es wagten, für ihre Überzeugungen einzutreten und den Kaiser auf Fehler aufmerksam zu machen. Warum wurden die Intellektuellen nach den 1950er Jahren durch und durch zynisch, verloren Rückgrat und ihre moralische Integrität? Eine Erklärung dafür ist mir aus meiner eigenen Erfahrung bewusst geworden. Zwar war in der Kaiserzeit der letzten zweitausend Jahre eine bestimmte Lehre vorgeschrieben und es wurde allein der Konfuzianismus verehrt, doch was entsprach eigentlich der Lehre von Konfuzius und Menzius? Wer führte das Erbe des konfuzianischen Weges fort? Wer legte den Konfuzianismus aus? Diese Macht lag nicht beim Kaiser, sondern in den Händen einiger konfuzianischer Gelehrter, an ihnen lag die Überlieferung der „rechten Lehre“.
Das heißt, auch wenn der Kaiser die Macht über Leben und Tod hatte, oblag es den konfuzianischen Gelehrten, die orthodoxe Lehre auszulegen und zu tradieren?
Die Macht des Kaiser repräsentierte das Gesetz und die Konfuzianer repräsentierten die Moral, das waren zwei getrennte Bereiche. Bis zu einem gewissen Grad stand jeder Bereich für sich. In einem Punkt war der konfuzianische Gelehrte also sehr selbstbewusst, er konnte dem Kaiser sagen, welche seiner Handlungen im Einklang mit den Lehren von Konfuzius und Menzius standen und welche nicht. Die konfuzianischen Gelehrten sahen sich also selbst in der Lage, als die „Lehrer der Herrscher“ aufzutreten und ihnen darzulegen, was zu tun sei. Auch wenn sie beim Eintreten für ihre Sache vom Herrscher bestraft wurden, waren sie doch in Gelehrtenkreise anerkannt und geschätzt und konnten sogar auf Unterstützung hoffen. Selbst wenn man ihnen den Kopf abschlug, ihr Ruf würde ihren Tod auf Generationen überdauern. Es gab nicht den Fürst und Lehrmeister in Personalunion. Weder gab es zur Tangzeit die „Gedanken des Kaiser Tang Taizong (唐太宗)“ noch in der Songzeit eine „Theorie des Kaisers Song Taizu (宋太祖)“. Die Gelehrtenkreise konnten Recht und Unrecht anhand der „Orthodoxie der Lehre“ bemessen. Aber nach der Befreiung Chinas waren Lehrer und Führer plötzlich ein und dieselbe Person. Jegliche Theorie ging aus dem Machtzentrum hervor. So erhob nun die Obrigkeit den Anspruch auf die Fähigkeit, Recht von Unrecht zu unterscheiden, und die Intellektuellen büßten ihr Selbstverständnis ein. Wenn ein Mensch nicht überzeugt ist, im Recht zu sein, wie soll er da für etwas eintreten? „Ob man uns köpft, ist nicht wichtig, nur die Lehre, die lass wahr sein“, heißt es in einem Revolutionslied (Anm. d. Übers.). Um standhalten zu können, braucht es zumindest eine solide Überzeugung.
Ein völliger Verlust der Überzeugung, weil man nicht mehr die Urteilsmacht über gut und böse hatte – diese Situation hatte es in der Geschichte zuvor nie gegeben. Das hatte sich China nicht allein ausgedacht, das kam aus der Sowjetunion. Lenin war ein Lehrmeister gewesen, Stalin ebenso. Das heißt, die politische Führung war gleichzeitig auch die ideologische Führung, weshalb die Intellektuellen keine freien Gedanken mehr hatten. Wie aber kann man ohne die Freiheit der Gedanken von einem unabhängigen Geist sprechen? Es war die „Verstaatlichung des Denkens“, von der Hayek sprach, tatsächlich wurden damals sogar die ästhetischen Normen verstaatlicht.
Hat die groß angelegte Kritik-Kampagne gegen Hu Shi (胡适) der „moralischen Instanz“ nicht auch in gewisser Weise ihr diskursives Recht entzogen?
Ganz richtig, der Lehrmeister gestand den Intellektuellen nicht einen einzigen unabhängigen Gedanken und auch keinen anderen großen Lehrer zu. Jedes Urteil musste ein und demselben Kopf entspringen, wenn der behauptete, etwas sei schwarz, dann war es schwarz, und wenn er etwas als weiß bezeichnete, war es weiß. 1958 behauptete Mao, China sei ein „weißes Blatt Papier“, es sei „zum einen weiß, zum anderen arm“. China hatte ein fünftausendjähriges kulturelles Erbe, es hatte die Lehren der hundert philosophischen Schulen des Altertums und eine glänzende Literatur und Kunst, die von der Klassik bis zur Moderne ihresgleichen suchte. Wie konnte China plötzlich ein „weißes Blatt Papier“ sein? Weil eben die Träger dieser Jahrtausende alten Kultur, die Wissenseliten, umerzogen worden waren, man hatte ihre Ränge gesäubert und ihren Geist in ein unbeschriebenes Blatt verwandelt, ganz zu schweigen von den unzähligen Analphabeten und Halbanalphabeten. Auf diesem „weißen Blatt Papier“ konnte nun ein Mensch nach Lust und Laune und mit großen Ambitionen herumschmieren.
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Chinas Intellektuelle: moralische Instanz und neue Aufklärung
Teil 2
Chinas Intellektuelle: moralische Instanz und neue Aufklärung – Zi Zhongyun (资中筠) im Interview (PDF, 124 kb)
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juli 2011
Juli 2011









