Intellektuelle - Wie definiert man sie eigentlich?


Dass man im Deutsch-Chinesischen Kulturnetz das Thema der „Intellektuellen“ diskutiert, ist ein nützliches, wenn auch ein gewagtes Unterfangen, denn der Begriff des „Intellektuellen“ ist an sich schon diffus. Über etwas Diffuses nun seine Meinung zu äußern, führt zu noch mehr Konfusion, und leicht erreicht man ein Stadium, in dem es, wie man es auch dreht und wendet, zu keinerlei Klärung mehr kommen kann.
Erst nach einigen Recherchen wurde mir der Ursprung des „Intellektuellen“-Begriffs deutlich: Er soll in Russland geprägt worden sein, 1860 wurde er von dem Schriftsteller Boborykin aufgebracht, um einen kleinen Kreis von Leuten zu bezeichnen, welche in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts die deutsche Philosophie in Russland einführten. Das russische Zarenreich war zu jener Zeit relativ rückständig, und so regte sich bei den Auslandsstudenten, welche mit den Ideen und dem Lebensstil der westeuropäischen Gesellschaft in die Heimat zurückkehrt waren, Unzufriedenheit über die Situation in Russland. Ob sie nun beseelt von utopischen Idealen das große Wort führten und die Lebensart der westeuropäischen Oberschicht imitierten oder praktische Reformen der Gesellschaft angingen, aus ihnen sollten später so unterschiedliche geistige Bewegungen hervorgehen wie etwa der Populismus, der Marxismus, der Liberalismus oder der Neu-Kantismus. Verfolgt man den Begriff ausgehend von seinem Ursprung über die Entwicklung in den einzelnen Ländern, so ist unter einem „Intellektuellen“ jemand zu verstehen, der eine gute Bildung genossen hat sowie über einen unabhängigen Charakter und kritische Urteilskraft verfügt. Nach der Oktoberrevolution verschwanden derartige Persönlichkeiten allerdings allmählich aus Russland, da das damalige System keine Menschen mit einer abweichenden Weltanschauung tolerieren konnte.
Ich weiß nicht, wann genau der Begriff des „Intellektuellen“, des „zhishifenzi“, in China eingeführt wurde, vermutlich in den 1920er oder 1930er Jahren, vielleicht auch früher. Zu jener Zeit konnten in China nicht viele Leute lesen und schreiben. Sehr wahrscheinlich nannte man einfach alle, die der Schriftzeichen mächtig waren, „Intellektuelle“, um die alte Bezeichnung der „dushuren“, der Gelehrten, abzulösen. Nach der Befreiung (Gründung der Volksrepublik 1949, Anm. d Ü.), bekam der Begriff des Intellektuellen eine starke ideologische Färbung, oft wurde ihm ein „bourgeois“ oder „kleinbürgerlich“ vorangestellt. Während der Kulturrevolution wurde es noch schlimmer, aus jedem Intellektuellen wurde gleich ein Konterrevolutionär. Obgleich damals so gut wie alle chinesischen Intellektuellen ihr autonomes Denkvermögen bereits eingebüßt hatten, wurden sie weiterhin zur untersten Schicht der Gesellschaft degradiert. Womöglich fürchtete man sich vor dem Rest an Potenzial, das noch in ihnen schlummern mochte.
Zweifelsohne hat sich heute die Situation von Grund auf gewandelt. Die Intellektuellen haben endlich wieder Eingang in das Heer der Werktätigen gefunden, und dass man in diesen vergleichsweise normalen Zeiten über die Frage der Intellektuellen diskutieren kann, ist ein großer Fortschritt. Schaut man sich jedoch einmal genau um, drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf, ob es denn in China überhaupt noch eine Schicht von Intellektuellen gibt, und wenn ja, wo sie sich verbirgt?
Über die Situation der Intelligenzija ist kaum etwas bekannt. Ich weiß nur, dass die alte Garde der Intellektuellen, sollte sie sich nicht aus dem Griff der Ideologie befreien, nur schwerlich etwas zustande bringen wird. Gelegentlich gibt es brillante neue Köpfe oder Artikel, nur setzen sich diese nicht durch, denn es gibt kein konstantes Medium, welches für sie die Trommel rühren würde.
In China rechnete man schon immer die Schriftsteller den Intellektuellen zu. Seit über einem Jahrzehnt jedoch klingt uns nun die Rede von den „Schönen Autorinnen“ („meinü zuojia“) oder der „Neuen Autorengeneration“ („xinshengdai zuojia“) in den Ohren. Zum Zweck der Etikettierung mag das noch nachvollziehbar sein, aber wenn die Schriftzeichen nur dazu gebraucht werden, um eine Story zu fabulieren oder ein Fernsehspiel zu schreiben, anstatt Gedanken zu vermitteln, kann einen dies nur betrüblich stimmen. Auch noch so schöne Schriftstellerinnen vermögen es nicht, jene Nuancen der Hässlichkeit in sich selbst oder der Seele des Lesers zu verändern.
Um es kurz zu machen, die chinesischen Intellektuellen haben in diesen gut zehn Jahren niemals eine unabhängige Gruppe gebildet, und es gibt auch in Zukunft kaum Anlass, diesbezüglich übertriebene Erwartungen zu hegen.
Es ist heute über 140 Jahre her, dass die Russen den Begriff des Intellektuellen geprägt haben. In diesen über hundert Jahren hat das Verhalten der Intellektuellen an vielen Orten dieser Welt zu wünschen übrig gelassen. Denken wir etwa an Afghanistan oder Kambodscha; hätte es damals nicht jene Intellektuelle gegeben, die ihre eigenen revolutionären Ideale verwirklichen wollten, wären dem Volk viele Leiden erspart geblieben, und insbesondere die Kultur wäre weit weniger zerstört worden.
Womöglich muss man den Intellektuellen als eine historische Begrifflichkeit betrachten und untersuchen. Auf diese Weise könnte man zumindest diejenigen Verwirrungen beseitigen, welche von der Unschärfe des Begriffs herrühren. Vielleicht sollte die Welt von heute die Forderung des Gelehrten Wu Shi (1877-1958) beherzigen und „weniger über –ismen sprechen, und dafür mehr Probleme lösen.“ Auch wenn sie die momentane Lage der Finanzwelt erfassen wollen, wird den besonders „klugen“ Intellektuellen nichts anderes übrig bleiben, als „mit den Füßen nach den Steinen tastend den Fluss zu überqueren.“
Freilich, ab und zu, wenn ich auf CCTV-4 die Sendung „Taiwan-Straße“ („Haixia liang'an“) verfolge, entfährt mir doch ein bewundernder Seufzer über die Fähigkeiten und Unverzichtbarkeit der Intellektuellen. Leider sind es immer nur Intellektuelle aus Taiwan, die sprechen. In ihren Kommentaren wird gelegentlich ihr unabhängiger Charakter oder ihre besonnene Analyse spürbar. Im Vergleich dazu kann einem unsere Akademiker-Prominenz wirklich die Laune verderben.
Li Jianming wurde 1943 in Shanghai geboren. Nach ihrem Studium an der Pekinger Fremdsprachenuniversität war sie als Deutschlehrerin und Übersetzerin sowie als Dramaturgin und Theaterregisseurin tätig. Li Jianming hat viele deutsche Dramen ins Chinesische übersetzt, u.a. von Goethe, Lessing und Brecht.Text: Li Jianming
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Januar 2009
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Januar 2009









