Demografie

Die Abendsonne glüht besonders rot

Luo Zhongli: Vater, Ölbild 1980, Bildquelle: Luo Zhongli
Yu Hong: Sie – Bäuerin aus dem Pekinger Umland, Acryl auf Leinwand 2003, Bildquelle: Yu Hong
Yu Hong (喻红): „Sie – Bäuerin aus dem Pekinger Umland", 2003
Bildquelle: Yu Hong


China befindet sich gegenwärtig auf dem Weg in eine Altersgesellschaft und so rückt auch die Bevölkerungsgruppe der Senioren mehr und mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Auch in der zeitgenössischen chinesischen Kunst formuliert sich aus der Haltung und den Konzepten der Avantgarde ein neues Bild der Alten. In diesem werden die narrativen Muster althergebrachter Moralprinzipien überwunden und infolgedessen viel diversere soziale Rollen und Bedeutungen entwickelt.

Beim Vater angefangen

1981 war auf der „Zweiten Nationalen Kunstschau der Jugend“ ein Exponat zu sehen, das durch seine enorme visuelle Kraft und erneuernde Ästhetik beinahe alle Besucher aufwühlte. Dieses Kunstwerk war das Ölbild Vater von Luo Zhongli (罗中立), das in hyperrealistischer Manier und mit demselben Blickwinkel und Format der Mao-Bildnisse einen vom Leben gezeichneten alten Bauern äußerst akribisch portraitiert. Natürlich entspricht das Bild, das dieses Werk von einem älteren Menschen entwirft, nicht einfach einem gewöhnlichen alten Bauern, vielmehr kommt dem Mann der Status eines überragenden und eindrucksvollen Vaters zu.

Luo Zhongli: Vater, Ölbild 1980, Bildquelle: Luo Zhongli
Luo Zhongli (罗中立): „Vater", 1980
Bildquelle: Luo Zhongli
In das sonnenverbrannte Gesicht des alten Mannes, in seine Falten und Runzeln, sind zweifelsohne die Kämpfe jedes chinesischen Bauern und jedes Vaters eingeschrieben. Auf diese Weise kommt es in der Figur des alten Mannes zu einer Bedeutungsverschiebung vom Bauern zum Vater. Das verlebte Gesicht des Alten und seine imposante Erscheinung erzeugen die besondere Eindringlichkeit dieses Kunstwerks. Gerade durch diese Intensität teilt sich dem Betrachter mit, dass die Figur dieses alten Mannes die schwere Last der Geschichte und alle Wirren der Zeit in sich trägt. Dies ist nicht der Vater des Malers, auch nicht der Vater irgendeines anderen, sondern eine in hohem Maße integrative Figur. Er ist unser aller Vater, der Vater des gesamten chinesischen Volkes.

Luo Zhonglis Vater ist ein Symbol für ein kollektives Bewusstsein; das Gedächtnis der Chinesen einer ganzen Epoche; das kollektive Bild einer Generation von Alten. Dabei hat dieses kollektive Bild an sich eine stark politische Konnotation, denn es steht als typisches Symbol für eine spezielle Ära der Gesellschaft und transportiert zugleich die Funktion und Signifikanz einer spezifischen sozialen Gruppe.

Individualbewusstsein und Gegenwartskulisse

Mitte der 1980er Jahre verlagerte sich der Zeitgeist mit der Beschleunigung der Reform- und Öffnungspolitik sowie dem leiseren politischen Klima im In- und Ausland allmählich von Volk und Nation auf das Individuum und dessen innere Erlebniswelt. Folgerichtig bildete sich auch im künstlerischen Schaffen ein immer stärkeres individuelles Bewusstsein heraus. Der Holzschnitt des Grafikkünstlers Wang Huaxiang (王华祥) Mann aus Guizhou reduziert das kollektive Symbol ganz Chinas auf Wangs Heimatprovinz Guizhou. So haben wir nicht mehr einen generischen alten Chinesen vor Augen, sondern finden einen ganz konkreten alten Mann aus Guizhou vor. Durch die Entwicklung der Marktwirtschaft meldete sich nach den 1990er Jahren das Individualbewusstsein viel vehementer zu Wort. Die Künstlergeneration, die in den 1960er Jahren geboren wurde und die Kulturrevolution nicht mehr miterlebte, nennt man die „Künstler der Neuen Generation“. Sie sprechen nicht mehr vom „Wir“ wie die älteren Generationen, sondern diskutieren mutig über das „Ego“.

Wang Huaxiang: Mann aus Guizhou, Holzschnitt 1988, Bildquelle: Wang Huaxiang
Wang Huaxiang (王华祥) „Mann aus Guizhou", 1989, Bildquelle: Wang Huaxiang


So stellt das Ölbild Vater und Sohn von Liu Xiaodong (刘小东) eine Szene dar, in dem der Maler und sein Vater sich Seite an Seite bei einer Zigarette unterhalten. Dieser alte Mann mit dem weißen Haar ist mein Vater, lautet die unverblümte Botschaft an die Betrachter, das sind ich und mein Vater, nicht irgendwelche anderen Leute. So vollzieht sich vom Vater Luo Zhonglis bis zum Vaterbildnis Liu Xiaodongs ein Wandel vom Vater des Volkes bis zum „eigenen“ Vater, von einer Generation alter Menschen bis zu einem ganz bestimmten alten Menschen. Es ist der Wandel vom Kollektiv zum Individuum, vom Symbol zur Figur. Durch das individuelle Bewusstsein konnten sich die persönlichen Gefühle der Künstler eine Bahn brechen, die humanistische Anteilnahme in der Kunst wurde konkreter, und das Bild der Alten wurde entsprechend intimer und menschlicher.

Liu Xiaodong: Vater und Sohn, Öl auf Leinwand 1989, Bildquelle: Liu Xiaodong
Liu Xiaodong (刘小东):
„Vater und Sohn", 1989
Bildquelle: Liu Xiaodong
Die „Künstler der Neuen Generation“ konzentrierten sich nicht allein auf sich selbst, sie fingen auch an, ihre Umwelt aus einem persönlichen Blickwinkel zu beobachten und wahrzunehmen. Die von der Künstlerin Yu Hong (喻红) portraitierten älteren Menschen treten in der dritten Person auf. In ihren Bildern Sie – Bäuerin aus der Pekinger Peripherie und Sie – Arbeiterin im Ruhestand tritt Yu Hong aus ihrer besonderen Perspektive in das Leben alter Menschen von heute und die Kulisse der Gegenwart ein. Dabei bedient sie sich in ihren Bildern der postmodernen Technik der Collage, indem sie Fotos und Malerei kombiniert und daraus in sich geschlossene, neue Werke schafft. Durch diese Methode der Zweckentfremdung und Collage werden bei Yu Hong die Bande zwischen Kunst und Realität noch enger geknüpft, was den Dialog zwischen Kunst und dem aktuellen gesellschaftlichen Umfeld weiter fördert. Die Senioren, denen Yu Hong als Künstlerin ihre Aufmerksamkeit widmet, sind beides Frauen, so dass die weibliche Stimme in der Kunst, auch was das Sujet des Alters betrifft, voll zum Ausdruck kommt. Während die alten Männer stets in der Rolle von Vätern auftreten, werden die Frauen jedoch nicht als Mütter angesprochen. Die beiden in Yu Hongs Bildern dargestellten älteren Frauen haben ihr eigenes Leben und ihre eigenen Wünsche. Sie haben die Umfriedung des männlichen Diskurses verlassen.

Yu Hong: Sie – Arbeiterin im Ruhestand, Acryl auf Leinwand 2004, Bildquelle: Yu Hong
Yu Hong (喻红): „Sie – Arbeiterin im Ruhestand", 2004, Bildquelle: Yu Hong

Realismus nah am Leben und den Gefühlen

Seitdem das Bild von den Alten keine einheitliche Gestalt mehr hat, sondern aus dem Individuum schöpft, büßt es allmählich seine politische Konnotation ein. An Stelle dessen tritt die Realität des Lebens und der Gefühle. Angesichts der Ausgedehntheit des chinesischen Territoriums findet man in den einzelnen Volksgruppen sehr unterschiedliche Lebensgewohnheiten vor. Innerhalb der zeitgenössischen chinesischen Fotografie konzentrierte Lü Nan (吕楠) seinen Blick schon relativ früh auf das Leben der tibetischen Minderheit. Zwischen 1996 und 2004 vollendete er seine Fotoserie The Four Seasons – Everyday Life of Tibet Peasants, die auch zahlreiche Schilderungen des realen Lebens alter Menschen in Tibet umfasst. Eine der Arbeiten hält ganz ungeschminkt eine Szene mit einem bettlägerigen alten Tibeter fest, neben dem eine alte Frau mit einer Gebetsmühle in der Hand Sutren für ihn rezitiert. Dieses Bild hat nicht den Anspruch, uns etwas zu erklären, doch es ist erfüllt von der Religiosität der Tibeter und dem menschlichen Schicksal von Leben, Krankheit und Tod.

Lü Nan: Tibet-Serie Nr. 1, Fotografie, Bildquelle: Lü Nan
Lü Nan (吕楠): „Tibet-Serie Nr. 1", Bildquelle: Lü Nan

Noch realistischer und schockierender schildert indessen der Künstler Song Yongping (宋永平) Krankheit und Sterben in den letzen Lebensjahren der Alten. Seine beiden Eltern waren über Jahre schwerkrank ans Bett gefesselt. die schweren Leiden von Krankheit und Schmerz stürzten das Familienleben in Unordnung und Düsternis. Während der Künstler versuchte, ein guter Sohn zu sein, hatte er große psychische Belastungen und Leid auszuhalten. Irgendwann fing er an, die eigenen Eltern mit der Kamera aufzunehmen und dokumentierte die letzten Stationen, die niemandem erspart bleiben – Krankheit und Tod. Seiner Ansicht nach lag die einzige mögliche Form der Kommunikation mit seinen Eltern darin, ihnen in seinen Fotoarbeiten die Hauptrolle zu geben, und sie nicht einfach nur zwei Menschen sein zu lassen, die immer älter werden. Song Yongping beabsichtigte nicht, ein Fotokünstler zu werden, indem er jedoch Alter und Krankheit seiner Eltern dokumentiert, blickt er den Schwächen und der Erbärmlichkeit des menschlichen Daseins direkt ins Antlitz. Seine Arbeiten sind erfüllt von der Hoffnungslosigkeit angesichts des schwindenden Lebens, von dem Pessimismus in der Erwartung des Todes.

Song Yongping: New Life, Fotografie 1999, Bildquelle: Song Yongping
Song Yongping (宋永平): „New Life", 1999, Bildquelle: Song Yongping

Aber es gibt auch etwas außerhalb von Kummer und Tod. So werden die Freudengefühle im Leben der Älteren von dem Maler Zheng Yi (郑艺) überhöht dargestellt. In seinem Bild Höhenflug spielt ein in die Jahre gekommener Bauer so leidenschaftlich auf seiner ganz besonderen „Gitarre“ als wäre er ein junger, cooler Bursche. Würde sich hier wirklich ein Gitarrist in Pose werfen, wäre nichts weiter dabei. Aber hier ist der Kontext ein ganz anderer, denn man sieht einen gealterten Bauern Ende Fünfzig, das Haar graumeliert, selbstvergessen auf einer Harke für die Feldarbeit spielen. Durch diese Kontextverschiebung wird die Figur des älteren Bauern markant hervorgehoben und seine Emotionen scheinen sich wie Funken zu entladen.

Zheng Yi: Höhenflug, Öl auf Leinwand 1999, Bildquelle: Zheng Yi
Zheng Yi (郑艺): „Höhenflug", 1999, Bildquelle: Zheng Yi

Die Abendsonne glüht besonders rot

Die Darstellung alter Menschen nimmt innerhalb der zeitgenössischen Kunst Chinas nur soviel Raum ein wie die Spitze eines Eisbergs. Aber sie ist speziell, denn die Abendsonne glüht besonders rot. Auch wenn das Bild der Alten in der zeitgenössischen chinesischen Kunst immer individueller aufgefasst wird, beschränken sich die Künstler keineswegs darauf, nur einzelne alte Menschen darzustellen. Sie zeigen eine Facette der Gesellschaft und des Lebens in China. Sie transportieren sowohl die Höhen und Tiefen eines sich transformierenden modernen Chinas als auch die neue Atmosphäre in der aktuellen Gesellschaft und die Gedanken und Gefühle der Menschen von heute.
Text: Ge Shiheng (葛士恒)
China Central Academy of Fine Arts (CAFA), Institut für Geisteswissenschaften
Oktober 2009

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