Führt die Zwei-Kind-Politik ein – und zwar schnell!


Seit 30 Jahren die typische chinesische Familie © www.icpress.cn
Das folgende Interview mit dem Präsidenten der Volksuniversität Peking, Ji Baocheng (纪宝成), zur Lockerung der Ein-Kind-Politik in China erschien in der Ausgabe vom 8. April 2009 der Wochenzeitung Nanfang Zhoumo. Bei der deutschen Übersetzung handelt es sich um eine leicht gekürzte Version.
2008 legte Ji Baocheng, Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses und Präsident der Volksuniversität Peking, auf dem Nationalen Volkskongress und der Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes „Empfehlungen zur gründlichen Erforschung der Verbesserungsmöglichkeiten der chinesischen Bevölkerungspolitik“ vor. Darin rief er zu einem Neuentwurf und einer schrittweisen Neugestaltung der derzeitigen chinesischen Bevölkerungspolitik auf. Nachdem die Medien über Ji Baochengs Vorschlag berichtet hatten, tauchte dieser auch auf vielen Nachrichtenseiten im Internet an prominenter Stelle auf, so dass er weit bekannt und vielfach diskutiert wurde. Kaum bekannt ist, dass Ji Baocheng während des Doppelkongresses 2009 wieder einen Vorschlag unterbreitete: „Empfehlungen zur möglichst frühen Umsetzung der Neugestaltung der chinesischen Geburtenpolitik.“

NFZM: Aus der Änderung der Überschrift Ihrer beiden Empfehlungen können wir die Dringlichkeit der Problematik und Ihre diesbezügliche Besorgnis erkennen.
Ji Baocheng: Ich meine, dass die Neugestaltung unserer Geburtenpolitik inzwischen äußerst dringlich geworden ist und keinen Aufschub duldet, da es sich bei der Bevölkerungsentwicklung um einen Bereich handelt, der ganz besonders von Langfristigkeit und Nachhaltigkeit gekennzeichnet ist. Man muss sich also sobald wie möglich darum kümmern, um den rechten Zeitpunkt für einen Kursumschwung nicht zu verpassen.
Bevölkerungspolitik ist eine der wichtigsten öffentlichen Aufgaben des Staates, einer der elementarsten Grundsätze dieser wichtigen öffentlichen Aufgabe ist es, mit der Zeit zu gehen. Es muss anhand der tatsächlichen Situation darüber nachgedacht werden, wie sich die Lage verändert hat, und dementsprechend die Richtung für die anstehende Arbeit gewählt werden. Man sollte erkennen, dass die in den 1980ern begonnene Geburtenkontrolle im Wesentlichen wegen des Problems der zu großen Bevölkerung eingeführt wurde, es war die einzige Lösung.
Die damalige Geburtenkontrolle wird aber heute immer noch praktiziert, d.h. seit nun fast 30 Jahren. Seit 1992, also seit nun schon 17 Jahren, liegt die chinesische Geburtenrate unter dem für den menschlichen Generationswechsel erforderlichen Niveau von durchschnittlich 2,1 Kindern pro Ehepaar. Heutzutage werden pro Paar durchschnittlich nur 1,6 Kinder geboren. Die Bevölkerung nimmt jedes Jahr um weniger als 7 Millionen zu. Ich denke nicht, dass die Bevölkerungszahl noch das Hauptproblem darstellt. Im Gegenteil, die Struktur der Bevölkerung ist heute zum größten Problem geworden. Die chinesische Bevölkerungspolitik steht vor einer Wahl von historischer Bedeutung. Falls wir weiter mit dem Ansatz der 80er arbeiten und eine Politik betreiben, für die die absolute Bevölkerungszahl das Hauptproblem darstellt, dann befürchte ich, dass es Probleme geben wird.
Aus der Makroperspektive gesehen geht es bei der Bevölkerungsfrage um die Zukunft des Landes, sie ist eine Kernfrage der nachhaltigen Entwicklung. In der Mikroperspektive geht es um harmonische Familien und glückliches Leben. Durch das Erdbeben in Sichuan 2008 können wir die Folgen der jetzigen Geburtenpolitik erkennen: Die Fähigkeiten der Ein-Kind-Familien, gesellschaftliche Risiken abzufedern, sind schwach. So viele Familien haben ihre einzigen Kinder verloren, ihre Verluste sind unheilbar. Oberflächlich betrachtet ist dies lediglich das Unglück von Familien, doch die daraus entstehenden Probleme sind gesamtgesellschaftlicher Natur. Wie soll sich unserer Gesellschaft weiterentwickeln, wenn die Familie, die grundlegende Einheit dieser Gesellschaft, derart geschwächt ist?

„Werbung“ für die Ein-Kind-Familie, Innere Mongolei © www.icpress.cn
Ich persönlich meine, dass die Ein-Kind-Politik eine aus der Not geborene Politik war und absolut keine ideale Politik darstellt. Wenn sich die Voraussetzungen ändern, dann müssen wir sie nach allen Kräften anpassen und ihre negativen Folgen verhindern. Weder für den Fortbestand der Menschheit und der Zivilisation, noch für die staatliche Entwicklungsstrategie und die nachhaltige Entwicklung, noch für das Familienglück und Harmonie ist die Ein-Kind-Politik eine gute Politik.
NFZM: Sie sagen, dass sich die strukturellen Probleme zum Hauptproblem entwickelt haben. Was bedeutet das konkret?
Ji Baocheng: Die strukturellen Probleme existierten schon zu Beginn der 80er, doch ihre tatsächlichen Auswirkungen waren vernachlässigbar. Nachdem die Geburtenpolitik aber seit 30 Jahren durchgeführt wird, sind die Strukturprobleme immer deutlicher geworden und stellen inzwischen das bedeutendste Problem dar.
Das erste strukturelle Problem besteht in der starken Abweichung vom Normalwert der Geschlechterverteilung bei den Geburten. Erste Anzeichen dieses Problems gab es schon 1982, als die Abweichung 108,5 erreichte (Anmerk. der Red.: 108,5 Geburten von Jungen auf 100 Mädchen). 2000 waren es 117, jetzt sogar 120,56. Eine derartig große Abweichung vom Normalwert über einen so langen Zeitraum hat die Menschheit bisher noch nicht gesehen – zumindest gibt es keine geschichtlichen Aufzeichnungen darüber. 120 männliche Babys gegenüber 100 weiblichen Babys, was ist das auf lange Sicht für ein selbstgeschaffenes Problem? In 20 Jahren, wenn die Folgen wirklich offensichtlich werden, wie wird China dann aussehen? Die Geschlechterverteilung ist derartig aus dem Gleichgewicht geraten, doch wir nehmen sie in unserem Blickfeld nicht wahr, es wird nur über Ressourcen, Umwelt, Wasser pro Kopf etc. gesprochen, doch das ist falsch.

Vor allem auf dem Land macht sich der Überschuss an Jungen bemerkbar © www.icpress.cn
Das zweite Problem ist die Überalterung der Gesellschaft. Alterung bedeutet, dass die Lebenserwartung steigt. Das ist Ausdruck des gesellschaftlichen Fortschritts und man kann es natürlich als positives Phänomen bezeichnen. Doch aufgrund der beschleunigenden Wirkung der Geburtenbeschränkungspolitik Chinas brauchten wir nur 30 Jahre, um in den Alterungsprozess einzutreten, während es in entwickelten Staaten 100 bis 200 Jahre dauerte. Das ist zu schnell, die Armen sind schon alt, bevor sie zu Wohlstand kommen konnten. Viele Systeme, soziale Sicherungssysteme eingeschlossen, halten da nicht mit. Statistisch gesehen wächst nicht nur der Anteil der Alten, sondern auch das durchschnittliche Alter der Erwerbsfähigen. Ab 2010 wird die große Gruppe der erwerbsfähigen 20- bis 24-Jährigen nachhaltig und stark schrumpfen. Das ist jene Gruppe, deren Aufnahmekapazität am größten, deren Köpfe am schnellsten und deren Kraft am stärksten ist, doch gerade diese Bevölkerungsgruppe wird in den kommenden zehn Jahren um die Hälfte sinken.
Das dritte Problem ist die Metaplanung von Stadt und Land. Unsere bisherige Politik ist nach einem dualen System ausgerichtet. Die Städter gebären ein Kind, die Dörfler anderthalb. Jetzt spricht die Zentralregierung davon, die Planungen von Stadt und Land zusammenzuführen. Die mobile Bevölkerung hat sich stark vermehrt, das Einwohnermeldesystem verändert sich auch, doch es gibt immer noch eine städtische und eine ländliche Politik. Mit den bisherigen administrativen Maßnahmen ist das schwer zu lösen.
NFZM: In Ihrem Vorschlag erwähnen Sie, dass die derzeitige Geburtenpolitik unglaublich große Erziehungsprobleme mit sich bringt.
Ji Baocheng: Ich habe früher schon an anderer Stelle gesagt, dass wir nicht immer auf das Erziehungssystem schimpfen sollen. Die chinesischen Pädagogen sind ganz großartig, sie bewältigen bisher nie dagewesene Erziehungsprobleme. Sie betreuen vom Kindergarten bis zur Universität mehr als 80 Millionen Einzelkinder. Da kann auf der ganzen Welt keiner mithalten. Einzelkinder sind schwerer zu erziehen, das ist in China seit Ewigkeiten so.
Warum machen wir der nächsten Generation das Aufwachsen so schwer? Natürlich können auch Einzelkinder ordentlich erzogen werden, doch der Schwierigkeitsgrad ist mit Sicherheit größer. Wir hatten anscheinend früher immer den Eindruck, dass die Bevölkerungsfrage eng mit der Kostenfrage zusammenhängt: Wie viel Geld braucht ein Kind? Wie viel zwei? Scheinbar ist es mit einem einfacher als mit zweien. So kann man das aber nicht berechnen. Heute wird für das eine Kind mehr ausgegeben als früher für zwei. Ich denke, dass die Erziehung zweier Kinder eigentlich einfacher ist, sie lernen Teamarbeit, Kampfgeist und Wettbewerbsbewusstsein, kurz, sie haben einen besseren Charakter.

„Einzelkinder sind schwieriger zu erziehen“ © www.icpress.cn
NFZM: Deshalb schlagen Sie vor: „Ein Kind fördern, zwei Kinder gestatten, drei Kinder verbieten, Nicht-Gebärende belohnen“.
Ji Baocheng: Der Forschungsbericht zur Entwicklungsstrategie der Bevölkerung sagt einleitend, falls die Bevölkerungszahl Chinas (ohne Hong Kong, Macau und Taiwan) unter einem Maximalwert von etwa 1,5 Milliarden bleiben soll, sollte die Fertilitätsrate des Landes in den nächsten 30 Jahren bei etwa 1,8 (durchschnittlich 1,8 Kinder pro Ehepaar – Anmerk. der Red.) liegen. Sowohl ein höherer als auch niedrigerer Wert wäre ungünstig fü r die ausgeglichene Entwicklung der Bevölkerung und der Wirtschaft.
Ich halte diese Beurteilung für richtig, die Geburtenrate sollte um 1,8 liegen. Wir sind ein so großes Land, Familienplanung ist Staatspolitik, eine niedrige Geburtenrate ist unverzichtbar. An diesem Grundsatz darf man nicht rütteln. Doch die jetzige Situation sieht gemäß einer Umfrage der Volksuniversität so aus, dass die ländliche Geburtenrate bei 1,9 und die städtische Rate bei nur 1,23 liegt. Der Durchschnitt von 1,6 liegt also unter dem Idealwert von 1,8 und unter der Rate von 2,1, die nötig ist, damit sich eine Generation erneuert. Was soll man sich unter dem Wert von 1,8 vorstellen? „Ein Kind befürworten, zwei Kinder gestatten, drei Kinder verbieten, Nicht-Gebärende belohnen“, das bedeutet ungefähr 1,8.
Laut unserer Untersuchung gibt es unter der Stadtbevölkerung 5%, die aus verschiedenen Gründen keine Kinder bekommen, und 95% gebären ein Kind. Von diesen 95% würden laut einer Stichprobe 52% zwei Kinder bekommen, wenn es die Möglichkeit gäbe. Falls man liberalisieren würde und Wechselwirkungen berücksichtigt, würde man daher höchstens auf 80% kommen. So kämen Städter auf 1,6 Kinder und Dörfler vielleicht auf 2 Kinder. Bis dahin wäre das Bevölkerungsverhältnis von Stadt und Land etwa bei 50:50 (jetzt beträgt der Anteil der Stadtbevölkerung gut 45%). Der Durchschnitt betrüge also 1,8.
In der Tat steckt in den ersten drei Teilen der Formel „Ein Kind befürworten, zwei Kinder gestatten, drei Kinder verbieten, Nicht-Gebärende belohnen“ die Politik, die wir schon in den 70ern durchgeführt haben. Damals gab es einen populären Spruch: „Eins ist nicht wenig, zwei sind gerade richtig, drei sind zu viel.“ Später ist lediglich das „zwei sind gerade richtig“ verschwunden. Diese Politik wurde damals sehr erfolgreich umgesetzt. Das war noch in der Kulturrevolution, die Richtlinie wurde nicht so streng umgesetzt wie in den 80ern, und doch konnte man die Geburtenrate von 6 auf etwa 3 senken. Die Halbierung dieser Rate in acht, neun Jahren war schon ein beachtliches Ergebnis. Ich war damals in Yichang, Hubei, und hatte das Gef ühl, dass die Durchsetzung die Verantwortlichen an der Basis nicht allzu viel Kraft kostete.
NFZM: Vielleicht befürchten einige Leute, dass die Erlaubnis eines zweiten Kindes bei der Einführung sofort ins Chaos führt und man zu Zuständen wie in der Ära von fünf, sechs Kindern pro Familie zurückkehrt?
Ji Baocheng: Vielleicht gibt es Leute, die mich für zu optimistisch halten. Ich glaube aber nicht, dass wir wieder wie in den 50ern und 60ern sechs Kinder pro Familie erleben werden. Wie sollten das die jungen Leute in China denn heutzutage bewerkstelligen? Auch die jungen Leute aus entlegenen Gebieten würden das nicht tun. Die Marktwirtschaft dringt in jeden Winkel Chinas und verändert die Einstellung der Menschen, sie können sich diesen Entwicklungen und Einflüssen nicht entziehen. Ich bin sicher, dass eine Liberalisierung zu zwei Kindern eventuell wirklich nicht kontrollierbar wäre, wenn wir immer noch ein Land voller Analphabeten wären. Aber der Prozess der Urbanisierung und die allgemeine Schulbildung haben ein rationales, reifes gesellschaftliches Umfeld geschaffen, das für eine Liberalisierung bereit ist.
Die Demografieforschung hat einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Geburtenrate festgestellt. Japan und Südkorea sind Länder mit hoher Bevölkerungsdichte. Sie haben keine Geburtenplanung und trotzdem liegt die Geburtenrate dort bei nur etwa 1,3, weil der gesellschaftliche und wirtschaftliche Fortschritt das Bildungsniveau beeinflusst und die Wertevorstellungen verändert hat. Und natürlich gibt es ein System der sozialen Sicherung.

Ein hohes Bildungsniveau führt automatisch zu einer niedrigeren Geburtenrate
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Außerdem bedeutet die Liberalisierung zu zwei Kindern keine extreme Lockerung. Braucht man die Geburtenplanung dann noch? Natürlich. Braucht man das Familienplanungskomitee noch? Ich schätze ja. Die Schwierigkeiten der Geburtenplanungsarbeit werden wohl nicht so sehr abnehmen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, man muss einen Rückfall verhindern. Ich vermute jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls nicht groß ist. Wie erfolgreich diese Politik wäre, hängt hauptsächlich davon ab, ob man das dritte Kind verbieten kann. Doch aufgrund der Urbanisierung und des hohen Grads der Allgemeinbildung denke ich, dass dieses Problem nicht so groß wäre wie in der Vergangenheit. Man denke da eben an die 70er, als die meiste Zeit noch Kulturrevolution war und man trotzdem von 6 auf 3 gekommen ist.
Zwei Kinder zu erlauben, entspricht dem Wunsch der Mehrheit. Drei Kinder zu gebären ist nur der Wunsch einer Minderheit. Das gilt auch für die Dörfer, wo man auch nicht gewillt ist, drei Kinder zu haben. Unser Geburtenplanungskomitee hat wirklich noch viel zu tun, doch sollte man den Schwierigkeitsgrad nicht allzu hoch einschätzen.
Wichtiger wären bei der Umsetzung der Politik die folgenden Punkte: harmonischere Beziehungen zwischen den betroffenen Gruppen herzustellen, heile Familien, stabile Eheverhältnisse und ein gesundes Umfeld für die Kinder zu schaffen und die Last der Bildungsbehörden zu verringern. Vielleicht bin ich da zu romantisch, ich hoffe immer, dass man unsere Geburtenplanung in eine „süße Aufgabe“ verwandeln kann. (lacht)
NFZM: Zur Bevölkerungspolitik gibt es derzeit viele unterschiedliche Ansichten. Einige meinen wie Sie, dass man zwei Kinder erlauben sollte, einige befürworten eine noch strengere Ein-Kind-Politik, noch andere wollen das jetzige System beibehalten. Warum gibt es so große Abweichungen?
Ji Baocheng: Wer die die Ein-Kind-Politik noch weiter verschärfen will, zieht doch wieder nur das Bruttoinlandsprodukt, das Einkommen und die Ressourcen pro Kopf in Betracht. Hierbei wird der Mensch rein als Last betrachtet. Dieser Standpunkt hat natürlich seine Berechtigung, aber die durch die Politik bereits hervorgerufenen aktuellen Probleme werden dabei überhaupt nicht einbezogen Meinem Eindruck nach handelt es sich dabei nicht um ein durchdachtes und an der Zukunft orientiertes Konzept. Dieser Vorschlag konzentriert sich auf Zahlengrößen und nicht auf die Strukturprobleme.
In der Vergangenheit gab es ein sehr interessantes Phänomen – natürlich ist es nicht unbedingt präzise, das als Phänomen zu bezeichnen. In den 70ern und 80ern haben Naturwissenschaftler das Ganze aus mathematischer Sicht betrachtet. Sozialwissenschaftler, Ökonomen und Demografen bedenken stets die Faktoren Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Naturwissenschaftler hingegen setzen Bevölkerung und Ressourcen ins Verhältnis – das Ergebnis ihrer einfachen Rechnung: Das Bevölkerungsproblem Chinas ist schwerwiegend! Sie haben jedoch die menschliche und kulturelle Seite nicht berücksichtigt, das Bedürfnis der Menschheit, sich fortzupflanzen, die Bedürfnisse der Familien, die psychischen Bedürfnisse, sie wurden alle nicht bedacht.
Eine Tochter oder einen Sohn haben zu wollen, ist ja kein rückständiges Ideal, sondern ein relativ vernünftiger Wunsch, oder anders gesagt, eine ziemlich schöne Sehnsucht. Ob man das verwirklichen kann, ist natürlich eine andere Sache, aber man darf nicht sagen, dass dies falsch sei. Wenn man zu viel über Zahlen nachdenkt, werden diese Aspekte außer Acht gelassen. Heutzutage gibt es den Irrtum, dass weniger Menschen besser wären. In Wirklichkeit aber, wenn man unseren Forschungsbericht zur Bevölkerungsstrategie anschaut, sollte die Geburtenrate bei 1,8 liegen, viel höher oder niedriger ist abträglich. Wenn man sagt, dass weniger Menschen besser seien und sagt, je niedriger die Geburtenrate, desto besser die Zustände, dann ist das mit Sicherheit keine richtige Politik. Diese Devise sollte man nicht ausgeben.
NFZM: Für wann erwarten Sie eine Kurskorrektur?
Ji Baocheng: Meiner Meinung sollte die Geburtenpolitik unverzüglich geändert werden. Unsere Experten der Volksuniversität meinen einhellig, dass der richtige Zeitpunkt jetzt erreicht ist. Wenn wir hier von unverzüglich sprechen, bedeutet das nicht etwa, dass man sofort liberalisieren soll, sondern dass der Zeitpunkt gekommen ist, das Problem zu erforschen. Die Forschung sollte sich aber nicht zu lange hinziehen, wir denken, dass es in zwei, drei Jahren bereits erste Maßnahmen geben und in vier, fünf Jahren eine vollständige Liberalisierung folgen sollte.
Wenn der Staat die Zwei-Kind-Politik einführt, wird es natürlich erst Pilotprojekte und eine schrittweise Einführung geben. Viele Fragen müssen sorgfältig untersucht werden, z.B. ob es unterstützende Maßnahmen für ländliche Haushalte ohne männliche Nachkommen geben sollte und so weiter. Die Kommission für die Geburtenplanung allein kann dies nicht bewältigen, es müssen Maßnahmen der Entwicklungs- und Reformkommission, des Finanz-, Gesundheits- und Bildungsministeriums hinzukommen, um ein Gesamtpaket zu ergeben.
Alles in allem sind wir der Meinung, dass der wissenschaftliche Dialog unserer Ansicht nach etwas aktiver sein sollte. Abweichende Meinungen sollten zum Ausdruck gebracht werden können und die Diskussion anregen, das wäre eine gute Sache. Statistiken sollten genauer werden. Wenn die vorliegenden Zahlen wie jetzt nicht verlässlich sind, ist das schlecht für die politischen Entscheidungen. Es ist nötig, dass solche Entscheidungen umsichtiger gefällt, aber auch schneller umgesetzt werden. Das ist unsere Hoffnung.
Text/Interview: Tang Yonglin
Reporter von Southern Weekly (Nanfang Zhoumo), Peking
Übersetzung: Annalena Scholl
Juli 2009
Reporter von Southern Weekly (Nanfang Zhoumo), Peking
Übersetzung: Annalena Scholl
Juli 2009









