Aufklärung

Das Kreuz mit der Aufklärung

Blick in die Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“, 2011 © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Frank Barbian


Die Kunst der Aufklärung ist keine gewöhnliche Ausstellung, man kann zu Recht sagen, dass sie den Veranstaltern sehr viel Mühe und Kopfzerbrechen bereitet hat. 2004 begannen die Vorbereitungen, fünf Jahre später wurde das Kooperationsabkommen zwischen den Staatlichen Museen zu Berlin, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München und dem chinesischen Nationalmuseum im Beisein der Staatsoberhäupter beider Länder vertraglich beschlossen. Während ihres Chinabesuchs 2010 regte Angela Merkel an, die Ausstellung Die Kunst der Aufklärung und die Veranstaltungsreihe Aufklärung im Dialog unter die Schirmherrschaft der chinesischen und deutschen Staats- und Regierungschefs zu stellen, womit der Ausstellung und dem Dialog fortan nicht nur eine politische Note angeheftet, sondern auch eine gewisse diplomatische Immunität gegeben wurde. Als die Ausstellung ausgerechnet am 1. April 2011 eröffnet wurde und es Streitigkeiten um die Gästeliste gab, war das für die deutsche Presse ein gefundenes Fressen. Während die unliebsame Ausstellung mit Häme bedacht wurde, ließ man sich auf chinesischer Seite zumindest äußerlich nicht aus der Ruhe bringen und fuhr planmäßig fort.

Nun ist bereits ein Drittel der einjährigen Ausstellungszeit verstrichen. Die Besucherzahlen sind zwar nicht sehr hoch, aber relativ stabil. Der Eintritt kostet 10 Yuan, deshalb sind diejenigen, die man hier antrifft, auch wirklich an der Ausstellung interessiert. Im Vergleich dazu verzeichnet die Louis Vuitton Ausstellung im selben Gebäude einen ziemlich großen Besucherandrang.

„Kunst der Aufklärung“ ist an sich ein neuer Begriff. In der Kunstgeschichte gibt es nämlich gar keine sogenannte Stilrichtung der Aufklärung. Man benötigt daher noch eine Reihe zusätzlicher Erläuterungen, um die Ausstellung verstehen zu können. Das wäre auch so, wenn die die Ausstellung in Deutschland gezeigt würde. Die von weit her angereisten rund 600 Objekte und Kunstwerke sind auf neun Themenbereiche aufgeteilt, was etwas unzusammenhängend wirkt. Leider können die zahlreichen Exponate die große Idee, die hinter der Ausstellung steht, anscheinend nicht wirklich vermitteln. Vielleicht waren sich die deutschen Ausstellungsplaner in ihrem Verständnis von Aufklärung nicht ganz einig und die vielen Themen sind das Ergebnis eines Kompromisses.

Eine Besonderheit der Ausstellung ist, dass sie passgenau auf den chinesischen Besucher zugeschnitten ist. Eine der ersten Reaktionen war daher die Mutmaßung, dass die Deutschen China mit der Ausstellung Die Kunst der Aufklärung belehren wollten. Die deutschen Kuratoren wiesen dies wiederholt von sich und betonten, dass die Ausstellung das Resultat der gemeinsamen Verhandlungen mit dem chinesischen Nationalmuseum sei. Die Ausstellung solle in erster Linie zum besseren Verständnis der europäischen Kultur beitragen. Wenn ein Chinese die Kunst des Barocks oder des Expressionismus nicht kenne, tue dies seinem Verständnis von Europa keinen Abbruch, doch wenn er das Zeitalter der Aufklärung nicht kenne, könne er das heutige Europa nicht verstehen.

Durch die Ausstellung Die Kunst der Aufklärung ist deutlich geworden, dass viele Chinesen und selbst außenstehende Chinakenner eine gewisse Distanz zur „Aufklärung“ haben. Diese Mentalität ist nicht so schwer nachzuvollziehen, denn die Aufklärungsbewegung hat nicht nur das Licht der Vernunft ins Dunkel strahlen lassen, sondern bedeutet auch Unterdrückung und Exklusivität. Die Aufklärung propagierte zwar die ideelle Selbstbestimmung, doch ist es eine historische Tatsache, dass sie in der Vergangenheit die Autonomie der Kulturen anderer Völker stark verletzt hat, vor allem in ehemaligen Kolonien oder Ländern mit halbkolonialem Status, wo die Menschen aufgrund dieser mit Narben übersäten Erinnerungen der Aufklärung mit einer gewissen Skepsis begegnen und es sogar ablehnen, sich in differenzierter Weise mit ihr auseinanderzusetzen.

Hält Die Kunst der Aufklärung uns nun die Gedanken der Aufklärung vor die Nase, zeigt die gegenwärtigen Krankheitssymptome Chinas auf und verabreicht ihr aus europäischer Perspektive und Erfahrung das entsprechende Heilmittel, oder setzt die Ausstellung eher den Akzent auf die „Kunst“ und schafft einen Dialog, eine gute Gelegenheit, gemeinsam unseren eigenen Verstand zu mobilisieren? Wie soll man diese ungebetenen guten Absichten interpretieren? Sich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen, besserwisserisch aufzutreten oder die neue Version eines friedlichen Wandels zu propagieren und dabei laut zu rufen, „Mischt euch nicht in unsere Privatsphäre ein“, ist engstirnig und zeigt einen Mangel an Denkkraft. Bangemachen und Ignoranz sind sinnlos, genauso wie sich vor den ausländischen Medien zu rechtfertigen und eine spektakuläre Show abzuziehen. Der Schlüssel liegt in der Selbsterkenntnis Chinas. Zuerst muss festgestellt werden, ob überhaupt Bedarf an Aufklärung besteht. Und wie interagiert China mit der europäischen Aufklärung in diesem Erkenntnisprozess?

Lügenmärchen gehören in der Sprache der chinesischen Politik zum Grundvokabular. Die Interessen der politischen und wirtschaftlichen Eliten driften immer weiter auseinander, die Regulierung der Ressourcen in der Gesellschaft basiert nicht auf grundlegenden Prinzipien wie Wertvorstellungen, Gerechtigkeit und dem Glück des Volkes. Um die gesellschaftliche Stabilität aufrechtzuerhalten, werden keine Kosten gescheut. Überall gibt es Korruption und die Zurschaustellung von Reichtum. Das geistige und moralische Leben der Chinesen hingegen ist an einem bedenklichen Tiefpunkt angelangt. Der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift Neue Welle Luo Jialun (罗家伦) attestierte den Chinesen zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine dreifache Vergiftung: Unterwürfigkeit, Despotismus und Verwirrtheit. Diese müssten durch die Emanzipation der Bevölkerung, Demokratie und logisches Denken beziehungsweise Wissenschaft geheilt werden. Fast ein ganzes Jahrhundert ist vergangen und die Wurzeln der Krankheit sind immer noch nicht ausgemerzt, darunter haben sich auch noch die Toxine der Konsumgesellschaft gemischt, was zu verschiedenen Komplikationen geführt hat. China braucht Aufklärung und zwar sehr dringend!

Der Lyriker Xiao Kaiyu (肖开愚) meint, dass die europäische Aufklärung noch nicht vollendet sei. Wenn wir das Thema Aufklärung ansprechen, müssten wir zunächst einmal die vorangegangene Aufklärung aufklären. Xiao meint, dass die traditionelle chinesische Denkweise einen gewaltsamen Bruch erfahren und eine Verzerrung der Macht erlebt habe. Nur, wenn die Aufklärung mit der eigenen Denktradition verbunden würde, sei sie sinnvoll für China. Doch kann die europäische Aufklärung die traditionelle chinesische Kultur verschlingen und überschatten? In einem deutsch-chinesischem Dialog an der Peking-Universität wies Professor Han Shuifa (韩水法) auf einen Abschnitt bei Zhuangzi hin. Der Gott Shu des Südmeers und der Gott Hu des Nordmeers schlossen von sich auf andere und bohrten dem Gott Hundun des Mittelmeers in bester Absicht die sieben Kopföffnungen auf, was zu seinem Tod führte.
Han Shuifa: „Das Subjekt der Aufklärung“ in: „Im Namen der Aufklärung“, Peking University Press 2010, S. 78-96, Übersetzung: Iwo Amelung
Ganz offensichtlich sind mit Shu und Hu die Gäste aus Europa gemeint und mit Hundun die aus völlig anderem Holz geschnitzte chinesische Kultur. Doch kann die chinesische Kultur, die eine stark synthetisierende Kraft besitzt, dem etwa nicht standhalten? Ist sie so speziell, dass sie dem Dialog, der Kritik und der Vermessung von Logos nicht standhalten kann? Auf die vorherrschende westliche Denkweise reagieren einige mit einem „Herholismus“,
"Nalaizhuyi" wurde als Begriff von Lu Xun (1881-1936) verwendet. Er beschrieb damit die Einstellung zur Aneignung von kulturellen Elementen aus dem Westen, Quelle: www.handedict.de/en/chinesisch_deutsch.php?e=2192122
wobei meist Oberflächliches und leicht Verfügbares übernommen wird. Wir fürchten uns vor dem Verlust unseres eigenen Fundaments, wenn wir die Wurzeln der anderen übernehmen. Nur die äußere Schale und nicht den Kern anzunehmen, bedeutet aber, dass wir den eigenen Schmutz nicht abschütteln und unmöglich unsere beste Seite zum Vorschein bringen können.

Die Essenz der chinesischen Kultur sah Christian Wolff, ein deutscher Philosoph der Aufklärung im 18. Jahrhundert, in dem Naturrecht der Chinesen. Die Menschen bräuchten keinen transzendenten Gott, der über ihnen steht, um Gut und Böse voneinander unterscheiden zu können, außerdem besäßen sie Anstand. Wolff ließ sich von Konfuzius inspirieren, um die Deutschen aufzuklären: Die Chinesen benötigten keine Regeln von anderen (sprich Göttern), sie machten ihre Gesetze mit dem Gewissen und ihrer eigenen Vernunft. Dies stimmt mit dem später ausgerufenen Motto der Aufklärung von Kant überein. 1721 hielt Wolff in der Universität Halle seine „Rede über die praktische Philosophie der Chinesen“, in der er den christlichen Glauben und die konfuzianische Tradition auf eine Stufe stellte, wofür er bei der christlichen Glaubensgemeinschaft in Ungnaden fiel und sein Amt niederlegen musste.

Genau wie Gottfried Wilhelm Leibniz glaubte auch Wolff, dass die chinesische Zivilisation zur damaligen Zeit Europa an Aufgeklärtheit übertraf und nahm die chinesische Kultur als Vorbild für die Aufklärung der eigenen, noch unmündigen Kultur. Doch später kritisierten Montesquieu und Hegel China als despotisches, luxuriöses und subjektivitätsloses Land. Diese ungleiche Einschätzung von China ist jedoch kein Widerspruch, da sie jeweils eine andere Facette der chinesischen Kultur beleuchtete. Während man in der Frühzeit der Aufklärung China einer religiös geprägten Gesellschaft Europas gegenüberstellte, maß man es später mit den Vernunftprinzipien der Aufklärung. Darüber hinaus wurde das begriffliche Besteck, das zur Darstellung Chinas eingesetzt wurde, ebenfalls verschoben.

Die Aufklärung ist nicht nur subjektivitätsverbunden, sie ist auch auf Intersubjektivität angewiesen. Nicht nur die Geschichte liefert ihr Präzedenzfälle, auch im Theoretischen finden sich Anknüpfungspunkte. Um dies näher zu erklären, muss man noch einmal auf Kant zurückgreifen. Er sagt: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Die Gedanken der Aufklärung können sehr leicht widersprüchlich sein. Kant sagt, dass die Basis der Aufklärung die Freiheit des Menschen ist, er muss selbst aus dem Zustand der Unmündigkeit heraustreten, doch die Unmündigen wissen nichts von ihrer Verblendung und unter dem Schirm ihrer Vormünder lebt es sich bequem und sicher. Außerdem ist die Unmündigkeit selbstverschuldet, aber nicht zwangsläufig. Eine intransparente Gesellschaft, der es an öffentlichem Raum mangelt, hält das Volk per se in Unwissenheit, und diese zu verlassen, ist mit einem hohen Preis verbunden. Um aus der Unwissenheit herauszutreten, benötigen wir also ein Gegenüber, Menschen, die außerhalb unserer Höhle das Licht schauen und uns davon berichten. Doch ist es nicht auch eine Art Bevormundung, andere beim eigenständigen Denken anzuleiten, ja sogar dazu zu zwingen? Verkommt dann die Aufklärung nicht zu Anti-Aufklärung? Diesen Zweifel hatte schon der deutsche Philosoph Johann Georg Hamann gegenüber Kant geäußert.

Kant fordert nicht nur, dass sich die Menschen persönlich ihrer Vernunft bedienen, sondern auch, dass sie öffentlich Gebrauch von ihr machen. Wenn das zweite nicht gegeben ist, ist die Wahrscheinlichkeit des ersten auch sehr gering, es sei denn, ein Mensch erzielt durch intensives Lesen und Nachdenken im historischen Sinne den öffentlichen Gebrauch seiner Vernunft. Kant sagt: „Nur der öffentliche Gebrauch der eigenen Vernunft kann Aufklärung zustande bringen. Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen.” Was Kant hier meint, ist meines Erachtens nach Redefreiheit. Ohne die Freiheit des Wortes kann sich in einer Gesellschaft nur schwerlich ein Gemeinwille herauskristallisieren und es ist unmöglich, nach der Wahrheit zu suchen. In gewisser Weise sind viele von uns noch unmündig, wir sind nicht sicher, ob unsere Meinungen standfest und bewährt sind, wir brauchen die Anleitung, Anregung und Richtigstellung unserer Mitmenschen. Heute diskutieren wir kontrovers über die gegenwärtige Lage und die Zukunft Chinas, weil wir noch nicht über ausreichendes Verständnis sowie Einverständnis verfügen. Wenn man in der öffentlichen Debatte überall auf Tabus stößt, ist es, als würde man die Suche nach der Wahrheit unterbinden.

Das schlimmere Problem bei der Kontrolle der Meinungsfreiheit ist aber, dass diejenigen, die das Denken unterdrücken, glauben, überall und zu jeder Zeit die Kriterien für das Reden bestimmen zu können. Tatsächlich aber richtet sich die Gewalt, mit der sie andere vom eigenständigen Denken abhalten, zwangsläufig gegen sie selbst, denn allmählich werden auch diejenigen, die den anderen das Reden unterbinden, das Denken verlernen. Wer die Bevölkerung in Ketten legt, legt sich auch selbst Fesseln an. Es ist daher nicht nur unser Recht, die Meinungen der anderen zu respektieren und unsere eigene Meinung verantwortungsvoll kundzutun, sondern auch unsere Pflicht gegenüber uns selbst, unseren Mitmenschen und den zukünftigen Generationen. Aufklärung ist ein schwieriges und langwieriges Unterfangen, es gibt keine plötzliche „Erleuchtung“, das wäre zu einfach. Kant sagt: „Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotismus und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zu Stande kommen; sondern neue Vorurteile werden, eben sowohl als die alten, zum Leitbande des gedankenlosen großen Haufens dienen.“ Gegenseitige Vorurteile abzubauen ist vielleicht ein guter Ausgangspunkt für die Aufklärung. Wie Aufklärung in China und in der übrigen Welt verwirklicht wird, hängt vom gemeinsamen Gebrauch unseres Verstandes ab.
Text: Dr. Wang Ge (王歌)
Chinese Academy of Social Sciences, Institute of Modern Foreign Philosophy
August 2011

    Weitere Texte zur Aufklärung

    Die drei Texte von Gao/Xu, Lottes und Busch enstammen dem Ausstellungskatalog „Die Kunst der Aufklärung“ der Staatlichen Museen zu Berlin, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München in Kooperation mit dem National Museum of China, Peking 2011.